Fabeln des Aesop *
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Inhaltsverzeichnis

Alphabetisch nach der jeweils erstgenannten Titelfigur
 
A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z


A
Der Adler
Der Adler, die Dohle und der Hirte
Der Adler und der Fuchs 1
Der Adler und der Fuchs 2
Der Adler und der Mistkäfer
Aesop auf einer Schiffswerft
Der Adler und die Schildkröte
Der Affe, der zum König gewählt wurde, und der Fuchs
Der Affe und das Kamel beim Tanz
Der Affe und die Fischer
Die Affen als Städtebauer
Die Alte und der Arzt
Die Ameise
Die Ameise und der Mistkäfer
Die Ameise und die Taube
Der Angeber
Der Angsthase, der einen goldenen Löwen fand
Der Arzt auf einer Beerdigung
Der schlechte Arzt
Der Astrologe
B
Die Bäume und der Ölbaum
Der Bauer und seine Söhne
Der Bauer und die Esel
Der Bauer und die Hunde
Der Bauer und die Schicksalsgöttin
Der Bauer und die Schlange
Der Betrüger
Die Bettelpriester
Der Biber
Die Bienen und Zeus
Die Bienen und der Hirte
Der Blinde
D
Der Delphin und der Affe
Die Delphine und der Gründling
Die Diebe und der Hahn
Der Dieb und der Wirt
Diogenes unterwegs
Die Dohle auf der Flucht
Die Dohle und der Fuchs
Die Dohle und die anderen Vögel
Die Dohle und die Raben
Die Dohle und die Tauben
Die weiße Dohle
Die Drossel im Myrtenbusch
E
Der Eber und der Fuchs
Die Eiche und das Schilfrohr
Die Eichen und Zeus
Der Eisvogel
Die Esel vor Zeus
Esel, Hahn und Löwe
Als ein Esel Salz transportierte
Als ein Esel ein Götterbild auf den Rücken trug
Als ein Esel sich ein Löwenfell überzog
Der Esel auf Probe
Des Esels Schatten
Der Esel und das Maultier – 1
Der Esel und das Maultier – 2
Der Esel und der Eseltreiber
Der Esel und der Fuchs
Der Esel, der Fuchs und der Löwe
Der Esel und der Gärtner
Der Esel und der Hund
Der Esel, der Rabe und der Hirt
Der Esel, der Rabe und der Wolf
Der Esel und die Frösche
Der Esel und die Grillen
Der Esel und die Ziege
Der Esel und das Pferd
Der spielende Esel und sein Herr
Der wilde und der zahme Esel
Die Eule und die Vögel
F
Das Ferkel und die Schafe
Die Feinde
Die Fischer und der Thunfisch
Der Fischer
Als die Fischer den Stein fingen
Der Fischer im trüben Wasser
Der Fischer und der Thunfisch
Der Fischer und die Sardelle
Der Fischer mit der Flöte
Die Fledermaus und die Katzen
Die Fledermaus, der Dornbusch und die Möwe
Die Fliege
Die Fliegen
Der Floh und der Athlet
Die Flüsse und das Meer
Der Fluss und das Fell
Die Frau und ihre Dienerinnen
Die Frau und der Bauer
Die Frau und der Trunkenbold
Die Frau und der Vogel
Die Frösche und die Sonne
Die Frösche als Nachbarn
Der Frosch, die Ratte und die Weihe
Als die Frösche einen König haben wollten
Als die Frösche Wasser suchten
Die beiden Frösche
Wie ein Fuchs seinen Bauch übermäßig gefüllt hatte
Als der Fuchs den Löwen sah
Der Fuchs, der ein Lamm streichelte, und der Hund
Der Fuchs ohne Schwanz
Der Fuchs und der Affe im Streit
Der Fuchs und der Bock
Der Fuchs und der Dornbusch
Vom Fuchs und Hahn
Der Fuchs und der Holzfäller
Der Fuchs und der Igel
Der Fuchs und der Leopard
Der Fuchs und der Storch
Der Fuchs und die Weintrauben
Der Fuchs und der Ziegenbock
Der Fuchs und das Krokodil
Ein Fuchs zu einem Bild
Die Füchse
G
Der Gärtner, der sein Gemüse bewässerte
Der Gärtner und der Hund
Die Gans mit den goldenen Eiern
Die Gänse und die Kraniche
Der Geizige
Der Granatapfelbaum, der gemeine Apfelbaum
Die Grille und der Fuchs
H
Der Hahn und der Diamant
Die Hähne und das Rebhuhn
Die beiden Hähne
Der Halbgott
Die Hasen und die Frösche
Die Hasen und die Füchse
Die Henne und die Schwalbe
Herakles und Athene
Herakles und Plutos
Hermes und Teiresias
Hermes und der Bildhauer
Hermes und die Erde
Hermes und die Handwerker
Der Hinterlistige
Der Hirsch an der Quelle
Der Hirsch, der auf einem Auge blind war
Das Hirschkalb und der Hirsch
Der Hirsch und der Löwe in einer Höhle
Der Hirsch und der Weinstock
Der Hirte und der Hund
Der Hirte und die Schafe
Der Hirte und der Wolf
Der Hirte und die jungen Wölfe
Der Hirte und das Meer
Der Hirte und sein übler Scherz
Der Holzfäller und Hermes
Die Holzfäller und die Eiche
Die hungrigen Hunde
Die Hündin mit dem Fleisch
Zwei Hunde
Der Hund, der Fuchs und der Hahn
Der Hund, der den Löwen verfolgte
Der Hund und der Hase
Der Hund und der Koch
Der Hund und die Frösche
Der Hund und die Schnecke
Der Hund und das Schaf – 1
Der Hund und das Schaf – 2
Der schlafende Hund und der Wolf
Der zu Tisch geladene Hund
Der wilde Hund
Die Hyänen
I
Der Imker
J
Jäger und Reiter
Der furchtsame Jäger und der Holzhauer und_Zeus"
Jüngling und Pferd
Der unersättliche Jüngling und die Schwalbe
Der Junge, der Wolf schrie
Der Junge und der Rabe
Der Junge und der Skorpion
Der badende Junge
Der diebische Junge und seine Mutter
K
Das Kalb und der Stier
Das Kamel
Das Kamel, der Elefant und der Affe
Das Kamel das Hörner haben wollte
Als man zum ersten Mal ein Kamel sah
Der Kater und die Mäuse
Die Katze als Ärztin und die Hühner
Die Kinder des Affen
Der Knabe, der Vater und der gemalte Löwe
Knaben und Frösche
Der Köhler und der Walker
Die Krähe und andere Vögel
Die Krähe und der Hund
Die Krähe und der Rabe
Der Kranke und der Arzt
Der Krebs und der Fuchs
Zwei Krebse
Der Krieger und die Raben
Zwei Krüge
L
Die Lerche – 1
Die Lerche – 2
Der Liebhaber und die Dame
Der verliebte Löwe
Des Löwen Regierung
Der Löwe, der Esel und der Fuchs
Der Löwe und der Esel gemeinsam auf der Jagd
Der Löwe und der Bär
Der Löwe und der Delphin
Der eingeschlossene Löwe und der Bauer
Der Löwe und der Eber
Der Löwe und der Frosch
Der Löwe und der Hase
Der Löwe und der Stier
Der Löwe in Furcht vor der Maus
Der Löwe und die Maus, die sich als dankbar erweist
Der Löwe und die Mücke
Der Löwe, Prometheus und der Elefant
Der Löwe mit anderen Tieren auf der Jagd
Der Löwe, Wolf und Fuchs
Die Löwen und die Hasen
Die Löwin und die Füchsin
Der alternde Löwe und der Fuchs
M
Die jungen Männer und der Metzger
Der Magen und die Füße
Der Mann, den ein Hund gebissen hatte
Der Mann, der sein Götterbild zerstörte
Der alte Mann und der Tod
Der Mann und seine unangenehme Frau
Der Mann und seine beiden Freundinnen
Der Marder und der Hahn
Mäuse und Katzen
Der Maulesel
Zwei Maultiere und die Räuber
Der Maulwurf
Die Maus und der Frosch
Mensch und Riese
Die Jahre des Menschen
Die Menschen und Zeus
Der Mensch und der Löwe auf der Wanderschaft
Der Mensch und der Satyr
Der Mensch und die Zikade
Der Mensch und das Rebhuhn
Zwei Mistkäfer
Die Möwe und die Gabelweihe
Der Mörder
Die Mücke und der Stier
Der Musiker
N
Die Nachtigall und der Habicht
Die Nachtigall und die Fledermaus
Der Neger
Der Nussbaum
O
Die Ochsen und die Wagenachse
Der Ochsentreiber und Herkules
P
Der Papagei und die Katze
Der Pfau und der Kranich
Der Pfau und die Dohle – 1
Der Pfau und die Dohle – 2
Das Pferd und der Hirsch
Das Pferd und der Soldat
Der Pflüger und der Wolf
Prometheus und die Menschen
R
Der Rabe und der Fuchs
Der Rabe und die Schlange
Der Räuber und der Maulbeerbaum
Zwei Ranzen
Der Reiche und der Gerber
Der Reiche und die Klageweiber
Der kahlköpfige Reiter
Der Rhetor Demades
Der Rinderhirt, der ein Kalb verlor, und der Löwe
Der Rinderhirt und der Löwe
Die Reisenden und das Beil
S
Das geschorene Schaf
Die Schildkröte und der Adler
Der Schiffbrüchige und das Meer
Der Schiffbrüchige und die Göttin Athene
Die Schildkröte und der Hase
Die verächtlich behandelte Schlange und Zeus
Die Schlange und der Adler
Die Schlange und der Krebs
Die Schlange, die Katze und die Mäuse
Die getretene Schlange
Der Schmied und sein Hündchen
Der Schuldner aus Athen
Die Schnecken
Der Schütze und der Löwe
Die Schwalbe und die anderen Vögel
Die Schwalbe und die Krähe
Die Schwalbe und die Schlange
Der Schwan – 1
Der Schwan – 2
Der Schwanz und die Glieder der Schlange
Das Schwein und die Hündin – 1
Das Schwein und die Hündin – 2
Der Seher
Der Seemann und sein Sohn
Die Seereisenden
Die Söhne des Bauern im Streit
Sohn und Vater, oder der gemalte Löwe
Die Stadt- und die Landmaus
Der Statuenhändler
Stier, Löwin und Wildschwein
Der Stier und das Kalb
Der Stier und die wilden Ziegen
Die Stiere und der Löwe
T
Die durstige Taube
Die wilden und die zahmen Tauben
Die Tanne und der Dornstrauch
Die Taube und die Krähe
Der Thunfisch und der Delphin
Der Treuhänder und der Eid
Der Trompeter
U
Wer Unmögliches verspricht
V
Der Vater und seine Töchter
Die Viper und der Fuchs
Die Viper und die Feile
Die Viper und die Wasserschlange
Der Vogel und die Schildkröte
Der Vogelfänger und der Storch
Der Vogelfänger und die Haubenlerche
Der Vogelfänger und die Natter
Der Vogelfänger und das Rebhuhn
W
Die Wand und der Pflock
Die Wanderer und der Bär
Der Wagen des Hermes und die Araber
Der Wanderer und Hermes
Der Wanderer und die Schlange
Der Wanderer und die Wahrheit
Der Wanderer und das Schicksal
Die Wanderer und der Rabe
Die Wanderer und die Platane
Die Wanderer und das Buschwerk
Die Wespe und die Schlange
Die Wespen, die Rebhühner und der Bauer
Das Wiesel und die Feile
Das Wiesel und die Göttin Aphrodite
Das Wildschwein und der Fuchs
Der Wind und die Sonne
Winter und Frühling
Die Wölfe und die Schafe
Wolf und Esel
Wolf und Lämmchen
Der verwundete Wolf und das Schaf
Wolf und Löwe
Der Wolf als Arzt
Der Wolf im Schafspelz
Der Wolf und der Hund
Der Wolf und der Reiher
Der Wolf und die alte Frau
Der Wolf und die Hirten
Der Wolf und der Hirt
Der Wolf und der Löwe
Der Wolf und die Ziege
Der Wolf und das Lamm
Der Wolf und das Pferd
Der Wolf und das Schaf
Der Wurm und der Fuchs
Der Wurm und die Schlange
Z
Zeus, Prometheus, Athene, Momos
Zeus und Apollon
Zeus und der Fuchs
Zeus und die Menschen
Zeus und die Schildkröte
Zeus und die Schlange
Die junge Ziege und der Wolf als Flötenspieler
Die junge Ziege, die neben einem Haus stand
Die Ziege und der Ziegenhirt
Der Ziegenhirt und die wilden Ziegen
Die Zikade und der Fuchs




 
Hauptquelle: www.fabelnundanderes.at

 
Der Fabeldichter Äsop nahm sich einmal die Zeit und besuchte eine Schiffswerft. Als aber die Schiffbauer ihn verspotteten und ihn zu einer Antwort herausforderten, sagte Äsop: »In alter Zeit hat es nur Chaos und Wasser gegeben; Zeus aber wollte auch die Erde in ihrer Substanz sichtbar werden lassen; er forderte sie deshalb auf, dreimal das Meer auszuschlürfen. Als sie damit angefangen hatten, erschienen zuerst die Berge; nach dem zweiten Schlürfen tauchten auch die Ebenen auf. Wenn es euch passt und noch zum dritten Mal das Wasser austrinkt, wird eure Kunst wertlos sein.«

Die Geschichte veranschaulicht, dass diejenigen, die, ohne es zu merken, Überlegene verspotten, durch diese ziemlich großen Schaden erleiden.





Oben auf einem Felsen saß ein Adler und spähte nach Hasen aus. Da schoss einer auf ihn: Der Pfeil durchbohrte ihn, und der rückwärtige Teil des Pfeiles mit den Federn stand ihm vor den Augen. Da sprach er: »Das ist zusätzliches Leid, dass meine eigenen Federn mich töten.«

Dies zeigt, wie schlimm es ist, wenn einen die Seinigen gefährden.



Adler und Fuchs schlossen Freundschaft miteinander. Sie entschieden sich, nahe beieinander zu wohnen. Das gemeinsame Leben sollte die Vertrautheit festigen. Der Adler flog auf einen sehr hohen Baum und brütete dort seine Jungen aus; der Fuchs kroch in ein darunter liegendes Gebüsch und brachte dort seine Kinder zur Welt. Aber eines Tages ging der Fuchs auf Nahrungssuche. Da stieß der Adler, weil er kein Futter hatte, in das Gebüsch hinab, raubte die Jungen und verzehrte sie gemeinsam mit seinen eigenen Jungen. Als der Fuchs zurückkam und sah, was passiert war, war er über den Tod seiner Kinder genauso verbittert wie über seine Hilflosigkeit; denn weil er am Boden lebte, konnte er einen Vogel nicht verfolgen. Deshalb trat er von dem Baum weit zurück und verfluchte den Feind, was den Schwachen und Machtlosen als einzige Möglichkeit bleibt.

Doch es traf sich, dass er auf die Bestrafung für den Verrat der Freundschaft nicht lange warten musste. Denn als irgendwelche Leute auf dem Feld eine Ziege opferten, stieß der Adler herab, nahm vom Altar ein noch glimmendes Stück der Eingeweide des Opfertieres und trug es zu sich hinauf. Als er es in sein Nest geschafft hatte, kam plötzlich ein heftiger Wind auf und entfachte aus dem leichten und dürren Reisig eine helle Flamme. Daraufhin verbrannten die Jungen – denn sie waren noch nicht flügge – und fielen auf die Erde. Der Fuchs lief herbei und verzehrte sie alle vor den Augen des Adlers.

Die Geschichte lehrt, dass diejenigen, die die Freundschaft verraten, auch wenn sie der Bestrafung durch die Geschädigten entgehen, weil diese dazu nicht in der Lage sind, der Rache der Götter auf keinen Fall entkommen.

Anmerkung: Der Lyriker Archilochos (um 680-645) verwendete diese Fabel, um sich an seinem verhinderten Schwiegervater Lykambes zu rächen. Dieser hatte Archilochos seine Tochter Neobule versprochen, sein Versprechen aber nicht eingelöst.



Der Adler geriet einstens in Gefangenschaft. Der Mann, der ihn gefangen hatte, stutzte ihm die Flügel und hielt ihn im Hause bei den Hühnern. Doch der Adler blieb stolz, einem König gleich, den man in Fesseln warf, und mochte vor Trauer keine Nahrung anrühren. Schließlich kaufte ihn ein anderer; der ließ dem Adler die Flügel wachsen, salbte sie mit Öl und erlaubte ihm, frei herumzufliegen. Da erhob sich der Vogel in die Lüfte, packte mit seinen Fängen einen Hasen und brachte ihn seinem Herrn zum Geschenk. Das sah der Fuchs und sprach zu dem Adler: »Nicht dem da gib, sondern dem ersten! Denn dieser ist von Natur aus gut; jenen aber musst du dir geneigt machen, dass er dir, fängt er dich ein zweites Mal, nicht wieder die Federn nehme!«

Den Wohltätern soll man Gutes mit Gutem vergelten, die Bösen durch Klugheit umstimmen.





Ein Adler stieß von einem hohen Felsen hinab und raubte ein Lamm. Eine Dohle sah ihm dabei zu und wollte es ihm gleichtun. Daraufhin flog sie mit rauschenden Flügeln auf den Rücken eines Widders. Aber ihre Krallen verfingen sich in seinem dichten Fell. Sie kam nicht mehr los und flatterte so lange, bis der Hirte, der sah, was geschah, eilig herkam und die Dohle fing. Dann stutzte er ihr die Flügel, und als der Abend kam, brachte er sie seinen Kindern. Als sie fragten, was das für ein Vogel sei, erwiderte er: »Wie ich mit Sicherheit weiß, ist es eine Dohle, wie sie es sich aber wünscht, ein Adler.«

So bringt der Wettstreit mit Überlegenen außer der Erfolglosigkeit und dem Schaden auch noch Spott ein.



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Eine Schildkröte sah einen Adler fliegen und wollte selbst auch einmal fliegen. Sie ging zu ihm hin und bat ihn, ihr um jeden Preis das Fliegen beizubringen. Er aber sagte, dies sei unmöglich. Und als sie ihn noch weiter drängte und bat, hob er sie empor und hoch in den Lüften ließ er sie auf einen Felsen fallen. Durch diesen Sturz zerbrach sie und starb.

Die Geschichte zeigt, dass viele Menschen sich selbst mit ihren ehrgeizigen Plänen schaden.



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Ein Adler verfolgte einen Hasen. Der fand aber niemanden, der ihm hätte helfen können. Da sah er einen Mistkäfer, der ihm im rechten Augenblick begegnete, und bat ihn um Hilfe. Der aber sprach ihm Mut zu, als er den Adler heran fliegen sah; er forderte diesen auf, ihm seinen Schützling nicht wegzunehmen. Der Adler aber verachtete die Kleinheit des Mistkäfers und fraß den Hasen vor dessen Augen auf.

Der Mistkäfer aber vergaß das erlittene Unrecht nicht und beobachtete fortwährend den Adlerhorst, und jedes Mal, wenn der Adler Eier legte, kam der Mistkäfer nach oben, wälzte die Eier aus dem Nest und ließ sie zerbrechen, bis der Adler, der nirgendwo mehr einen Platz zum Brüten fand, bei Zeus Zuflucht suchte – ist er doch der heilige Vogel des Gottes – und ihn bat, ihm einen Platz für eine sichere Aufzucht seiner Jungen zu gewähren. Da ließ ihn Zeus seine Eier in seinen Schoß legen. Der Mistkäfer sah dies, machte eine Kugel aus Mist, flog nach oben und dort angekommen legte er sie Zeus in den Schoß. Als Zeus aber aufstand, weil er den Mist von sich abschütteln wollte, ließ er aus Versehen auch die Eier fallen. Von der Zeit an – so heißt es – brüten die Adler nicht, solange die Mistkäfer fliegen.

Die Geschichte lehrt: Man soll niemanden unterschätzen und bedenken, dass niemand so machtlos ist, dass er sich nicht rächen kann, wenn er einmal schlecht behandelt wurde.



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In einer Versammlung der vernunftlosen Tiere erwarb sich der Affe großes Ansehen und wurde von ihnen zum König gewählt. Der Fuchs aber beneidete ihn darum. Als er in irgendeinem Netz ein Stück Fleisch hängen sah, führte er den Affen dorthin und sagte, er habe einen Schatz gefunden. Er selbst brauche ihn nicht, habe ihn aber dem Affen als Ehrengabe für seine Königswürde aufgehoben. Er bitte ihn darum, den Schatz anzunehmen. Als der Affe ohne zu zögern an die Falle herantrat, sich in der Falle verfing und dem Fuchs vorwarf, er habe ihn reingelegt, sagte der Fuchs zum Affen: »Du Affe, mit einer solchen Einstellung willst du der König der vernunftlosen Tiere sein?«

So ziehen sich diejenigen, die sich ohne Überlegung auf etwas einlassen, außer dem Unglück auch noch den Spott zu.



Ein Affe saß auf einem hohen Baum, als er sah, wie Fischer ihr Netz auswarfen. Er beobachtete, was sie taten. Als jene das Netz einzogen und dann in einiger Entfernung ihr Frühstück einnahmen, stieg der Affe vom Baum und versuchte, dasselbe zu tun. Denn man sagt, er sei ein Lebewesen, das andere nachahmen könne. Er nahm das Netz in die Hand. Als er sich darin verfing, sagte er zu sich selbst: »Ach, das geschieht mir recht. Denn warum habe ich versucht zu fischen, ohne etwas davon zu verstehen.?«

Die Geschichte zeigt, dass die Beschäftigung mit Dingen, von denen man nichts versteht, nicht nur sinnlos, sondern auch gefährlich ist.



In einer Versammlung der vernunftlosen Tiere stand ein Affe auf und tanzte. Als er dafür sehr viel Beifall bekam und von allen gelobt wurde, wurde ein Kamel neidisch und wollte dasselbe erreichen. Deshalb stand es auf und versuchte ebenso zu tanzen. Weil es aber viel Unfug machte, ärgerten sich die Tiere, schlugen es mit Stöcken und trieben es fort.

Die Geschichte passt auf diejenigen, die aus Neid mit Größeren in einen Wettstreit treten und dann unterliegen.



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Der Löwe war alt geworden und konnte sich nicht mehr aus eigener Kraft seine Nahrung beschaffen. Er sah ein, dass er dies nur mit einer List bewerkstelligen könne. So begab er sich in seine Höhle, legte sich dort hin und tat so, als ob er krank sei. Und auf diese Weise packte er die Tiere, die zu ihm kamen, um ihn zu besuchen, und fraß sie auf. Nachdem er schon viele Tiere gefressen hatte, durchschaute der Fuchs dessen List und ging zu ihm. Und er trat in sicherem Abstand vor den Eingang der Höhle und fragte, wie es ihm gehe. Der Löwe antwortete: »Schlecht.« Dann fragte der Löwe nach dem Grund dafür, warum er nicht hereinkomme. Der Fuchs erwiderte: »Ja, ich wäre schon hineingegangen, wenn ich nicht die Spuren vieler anderer sehen würde, die hineingingen, während keiner herauskam.«

So entgehen die vernünftigen Menschen den Gefahren, weil sie aufgrund bestimmter Anzeichen voraussehen.



Ein alter Mann schlug einmal Holz, nahm es auf den Rücken und machte sich auf einen langen Weg. Weil ihn der Weg müde machte, legte er seine Last ab und rief nach dem Tod. Als der Tod erschien und wissen wollte, weshalb er ihn rufe, sagte der Mann: »Damit du meine Last auf deinen Rücken nimmst.«

Die Geschichte zeigt, dass jeder Mensch an seinem Leben hängt, auch wenn es ihm sehr schlecht geht.



Ein Fünfkämpfer wurde bei jeder Gelegenheit von seinen Mitbürgern wegen seiner Unfähigkeit beschimpft. Da begab er sich einmal eine Zeit lang ins Ausland. Dann kam er zurück und prahlte mit seinem Können. Er behauptete, er habe in anderen Städten viele große Leistungen vollbracht und sei auf Rhodos so weit gesprungen, wie es kein Olympiasieger jemals geschafft habe. Dafür – so behauptete er – könne er auch beliebig viele Zeugen aufbieten, wenn sie erst einmal hier seien. Einer der Anwesenden ergriff das Wort und sagte zu ihm: »Aber mein lieber Freund, wenn dies wahr ist, dann brauchst du doch keine Zeugen. Denn hier ist Rhodos; hier kannst du springen!«

Die Geschichte zeigt folgendes: Wenn man etwas durch Taten beweisen kann, dann erübrigt sich jedes Wort darüber.



Ein geldgieriger Angsthase fand einmal einen goldenen Löwen. Er sagte zu sich selbst: »Ich weiß nicht, was unter diesen Umständen mit mir geschehen wird. Ich bin wahnsinnig vor Angst und weiß nicht, was ich tun soll. Meine Habgier und meine Feigheit lassen mich auseinander brechen. Welcher Zufall oder welcher Dämon konnte einen goldenen Löwen erzeugen? Meine Seele kämpft mit sich selbst, wenn ich dies sehe. Sie liebt zwar das Gold, fürchtet aber das Werk aus Gold. Den Fund zu berühren, treibt mich mein Verlangen, mich zurückzuhalten mein Charakter. Ach, was für ein Zufall, der mir etwas gibt und nicht erlaubt, es anzunehmen! Ach Schatz, der du keine Freude bringst! Ach, du gnadenlose Gnade eines Gottes! Was soll ich tun? Wie soll ich damit umgehen? Welche Hilfe soll ich nutzen? Ich werde weggehen, um meine Angehörigen hierher zu bringen und sie durch Beteiligung am Gewinn zur Hälfte zu verpflichten, und ich selbst werde von weitem zusehen.«

Die Geschichte passt auf einen Reichen, der es nicht wagt seinen Reichtum anzurühren.
und zu nutzen.



Ein Arzt ging hinter dem Sarg eines seiner Verwandten her und sagte zu denen, die ihm das letzte Geleit gaben, dieser Mensch wäre nicht gestorben, wenn er sich des Weines enthalten und ein Klistier gebraucht hätte. Einer von ihnen erwiderte ihm: »Ja, du hättest das jetzt, wo es nutzlos ist, nicht sagen dürfen, sondern du hättest es ihm damals sagen sollen, als er deinen Rat noch hätte befolgen können.«

Die Geschichte zeigt, dass man seinen Freunden dann, wenn es erforderlich ist, helfen muss, aber nicht erst, nachdem ein Unglück geschehen ist, klug daherreden darf.



Ein Astrologe ging jeden Abend ins Freie, um die Sterne zu beobachten. Und als er sich einmal in die Gegend vor der Stadt begab und ganz damit beschäftigt war, zum Himmel hinauf zu schauen, fiel er aus Versehen in einen Brunnen. Als er dann jammerte und um Hilfe rief, hörte ein Spaziergänger sein Geschrei. Er ging hin und erfuhr, was passiert war. Darauf sagte er zu ihm: »Lieber Mann, versuchst du, die Erscheinungen am Himmel zu durchschauen und siehst die Dinge auf der Erde nicht?«

Diese Geschichte könnte man auf diejenigen Menschen anwenden, die sich besonders wichtig nehmen, aber nicht in der Lage sind, die alltäglichen Aufgaben der Menschen zu erledigen.

Anmerkung: Die »Fabel« ist nicht nur hier überliefert: Vgl. auch Platon, Theaitetos 174a; Diogenes
Laertios 1,34; Antipatros, Anthologia Palatina 7, 172.




Ein Junge badete einmal in irgendeinem Fluss und drohte zu ertrinken. Aber er sah einen Wanderer und rief um Hilfe. Dieser aber warf dem Jungen seine Unvorsichtigkeit vor. Der Junge erwiderte ihm: »Ja, doch jetzt hilf mir und mach mir später Vorwürfe, wenn ich in Sicherheit bin.«

Die Geschichte passt auf diejenigen, die selbst Anlass dazu geben, dass ihnen Unrecht getan wird.



Ein Bauer war auf dem Lande alt geworden, und weil er lange nicht mehr in die Stadt gekommen war, bat er seine Leute, sie möchten ihn doch die Stadt sehen lassen. Die machten einen Wagen fertig und spannten ein paar Esel davor. »Du brauchst sie nur anzutreiben«, sagten die Verwandten, »sie werden dich dann schon ans Ziel bringen.«
Als jedoch ein Sturm aufkam, der den Himmel verfinsterte, verloren die Esel den Weg und verirrten sich an einen abschüssigen Ort. Da erkannte der Bauer die Gefahr, die ihm drohte, und rief: »O Zeus, was habe ich dir Böses getan, dass ich so zugrunde gehen muss, und das nicht durch edle Pferde und auch nicht durch respektable Maultiere, sondern durch elende Esel!«

Dass es besser ist, anständig zu sterben als ehrlos zu leben, beweist diese Fabel.



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Ein Bauer lag im Sterben und wollte seine Söhne noch einmal in die Landwirtschaft einweisen. Er rief sie also zu sich und sagte: »Meine Söhne, in einem meiner Weinberge liegt ein Schatz vergraben.« Nach seinem Tode nahmen sie Harken und Spaten und gruben ihren ganzen Bauernhof um. Aber sie fanden den Schatz nicht. Der Weinberg aber brachte ihnen eine vielfach größere Ernte.

Die Geschichte zeigt, dass die anstrengende Arbeit ein Schatz für die Menschen ist.



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Eine Schlange kroch an den Sohn eines Bauern heran und tötete ihn. Der Bauer wurde von diesem Unglück tief getroffen. Er nahm eine Axt, begab sich zum Schlupfloch der Schlange und lauerte ihr auf, um sie, wenn es ihm möglich wäre, sofort zu erschlagen. Die Schlange aber konnte ausweichen. Als der Bauer seine Axt hatte niederfahren lassen, verfehlte er zwar die Schlange, spaltete aber einen daneben liegenden Stein. Daraufhin nahm er sich sehr vor ihr in acht und schlug ihr vor, sich mit ihm zu versöhnen. Sie aber sagte zu ihm: »Aber ich kann weder freundlich zu dir sein, wenn ich den gespaltenen Stein sehe, noch du zu mir, wenn du auf das Grab deines Sohnes blickst.«

Die Geschichte zeigt, dass tiefe Feindschaft nicht so ohne weiteres eine Versöhnung möglich macht.



Ein Bauer wurde auf seinem Hof vom Winter überrascht. Weil er den Hof nicht mehr verlassen konnte, um sich Nahrung zu beschaffen, aß er zuerst seine Schafe. Der Winter dauerte aber an. Da aß er auch noch seine Ziegen. Die Lage änderte sich nicht. Da musste er sich auch noch an seinen Zugtieren vergreifen. Die Hunde sahen, was geschah, und sagten zueinander: »Wir müssen fort von hier. Denn wieso sollte der Herr uns schonen, wenn er nicht einmal von seinen Helfern, den Zugtieren, die Hände ließ?«

Die Geschichte zeigt, dass man sich vor allem vor denen in acht nehmen muss, die nicht einmal davor zurückscheuen, ihren Angehörigen Unrecht zu tun.



Ein Bauer fand ein Goldstück, während er in der Erde grub. Er legte deshalb jeden Tag einen Kranz auf die Erde, als ob sie ihm etwas Gutes getan hätte. Da trat die Schicksalsgöttin an ihn heran und fragte: »Mein lieber Freund, warum tust du so, als ob du der Erde meine Geschenke verdanktest, die ich dir gegeben habe, weil ich dich reich machen wollte? Denn wenn sich die Zeiten ändern und dich wieder in schlimme Armut bringen, dann wirst du nicht die Erde, sondern die Schicksalsgöttin tadeln.«

Die Geschichte lehrt uns, dass man seinen Wohltäter erkennen und ihm danken muss.



Der Biber ist ein Tier mit vier Füßen, das im Sumpf lebt. Es heißt, dass seine Geschlechtsteile zur Behandlung bestimmter Krankheiten nützlich sind. Wenn ihn nun jemand entdeckt hat und verfolgt, weiß er, wozu er verfolgt wird. Er flieht dann zwar ein Stück weit, indem er sich der Schnelligkeit seiner Füße bedient, um sich mit seinem ganzen Körper in Sicherheit zu bringen. Sobald er aber gefangen zu werden droht, reißt er sich seine Geschlechtsteile ab, wirft sie dem Verfolger vor die Füße und rettet auf diese Weise sein Leben.

So gibt es auch unter den Menschen Vernünftige, denen man wegen ihres Geldes nachstellt. Sie verzichten darauf, um ihre Sicherheit nicht zu gefährden.



Ein armer Mann wurde krank, und es ging ihm sehr schlecht. Da gelobte er, den Göttern ein Opfer von hundert Rindern darzubringen, wenn sie ihn retteten. Die Götter wollten ihn auf die Probe stellen und ließen ihn ganz schnell wieder gesund werden. Und er kam tatsächlich wieder auf die Beine. Weil er aber keine echten Rinder besaß, formte er hundert Rinder aus Wachs, verbrannte sie auf einem Altar und sagte: »Nehmt die Erfüllung meines Versprechens an, ihr Götter!« Die Götter aber wollten ihn dafür auf ihre Weise hereinlegen und schickten ihm einen Traum: Sie rieten ihm, an den Strand zu gehen; denn dort werde er eintausend Drachmen finden. Dort fiel er dann Räubern in die Hände und wurde fortgebracht. Er wurde von ihnen verkauft und fand auf diese Weise eintausend Drachmen.

Die Geschichte passt auf einen Betrüger.



Ein Blinder hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, jedes Tier, das man ihm in die Hände legte, zu betasten und dann zu sagen, was es für ein Tier sei. Einmal gab man ihm einen jungen Wolf. Er betastete ihn, war sich aber nicht sicher und sagte: »Ich weiß es nicht, ob es das Junge eines Wolfes, eines Fuchses oder eines ähnlichen Tieres ist. Doch weiß ich genau, dass es nicht günstig ist, dieses Tier in eine Schafherde zu lassen.«

So lässt sich auch das Wesen böser Menschen oft an ihrer äußeren Erscheinung erkennen.



Seeleute nehmen gewöhnlich Malteserhündchen und Affen mit an Bord, um auf ihrer Seereise Abwechslung zu haben. So nahm denn auch einer einen Affen mit, als er in See stechen wollte. Als sie an das Kap Sunion (das ist das Vorgebirge der Athener) kamen, geschah es, dass ein heftiger Sturm aufkam. Nachdem das Schiff gekentert war, und alle um ihr Leben schwammen, schwamm auch der Affe mit. Ein Delphin sah ihn, glaubte, es sei ein Mensch, nahm ihn auf seinen Rücken und schwamm mit ihm zum Festland. Als er in die Nähe des Piräus, des Hafens der Athener, kam, fragte er den Affen, ob er ein Athener sei. Als der Affe daraufhin sagte, er habe dort auch berühmte Vorfahren, fragte ihn der Delphin als zweites, ob er den Piräus kenne. Weil er glaubte, er meine einen Menschen, behauptete er, es sei sein vertrauter Freund. Da ärgerte sich der Delphin über dessen Lüge, tauchte unter und ließ ihn ertrinken.

Die Geschichte passt gut auf einen Lügner.



Ein Dieb kehrte in einer Herberge ein. Dort blieb er ein paar Tage, auf eine Gelegenheit wartend, etwas zu stehlen; aber es fand sich keine. Eines Tages nun bemerkte er, dass der Wirt einen schönen, neuen Rock trug – es war nämlich ein Festtag – und sich vor der Tür der Herberge niederließ; sonst jedoch war niemand da. Also trat der Dieb hinzu, setzte sich zu dem Wirt und zog diesen ins Gespräch. Und als sie schon eine gute Weile erzählten, riss er plötzlich den Mund weit auf, und im selben Augenblick, in dem er den Mund aufriss, heulte er wie ein Wolf. Auf die Frage des Wirtes: »Was ist mit dir los?« antwortete der Dieb: »Das will ich dir gleich erklären; aber ich bitte dich, pass auf meine Sachen auf! Die werde ich nämlich hier lassen. Also, lieber Herr, ich weiß nicht, woher diese Maulsperre kommt, ob von meinen Sünden oder aus welcher Ursache sonst, ich kann es nicht sagen – jedenfalls, wenn ich jetzt dreimal das Maul aufreiße, dann verwandle ich mich in einen menschenfressenden Wolf.« Bei diesen Worten riss er zum zweiten Male den Mund auf und heulte wieder wie das erste Mal. Indem der Wirt, der dem Dieb Glauben schenkte, das vernahm, wurde ihm angst, und er erhob sich und wollte davonlaufen. Doch der Dieb fasste ihn am Rock und bat ihn drängend: »Bleib doch, lieber Herr, und nimm meine Sachen, damit sie mir nicht verloren gehen!« Und während er so bat, öffnete er den Mund und begann zum dritten Male zu heulen. Voller Angst, gefressen zu werden, ließ der Wirt seinen Rock, lief eilends in die Herberge und brachte sich im innersten Winkel in Sicherheit. Der Dieb aber nahm den begehrten Rock und ging seiner Wege.

So ergeht es denen, die Unwahres glauben.



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Ein Junge nahm in der Schule die Schreibtafel eines Mitschülers weg und brachte sie seiner Mutter. Aber sie verzichtete nicht nur darauf, ihn zu bestrafen, sondern lobte ihn sogar dafür. Beim zweiten Mal stahl er einen Mantel und brachte ihn der Mutter, und sie begrüßte dies noch mehr. Die Zeit verging, und als er ein junger Mann geworden war, versuchte er, noch größere Dinge zu stehlen. Aber dann wurde er schließlich auf frischer Tat ertappt, gefesselt und zum Henker gebracht. Die Mutter begleitete ihn und schlug sich vor Trauer auf die Brust. Da sagte der junge Mann: »Ich will meiner Mutter etwas ins Ohr sagen.« Als sie sofort an ihn herantrat, haschte er nach ihrem Ohr und biss es ab. Als sie ihm daraufhin vorwarf, dass er keinen Respekt vor ihr habe, sagte er: »Aber wenn du mich damals, als ich als erstes die Schreibtafel stahl und sie dir brachte, bestraft hättest, dann wäre ich nicht bis hierher gekommen, um hingerichtet zu werden.«

Die Geschichte veranschaulicht, dass alles, was am Anfang nicht verhindert wird, sich immer mehr vergrößert.



Ein Fuchs sah einen Eber seine Hauer an einem Eichstamme wetzen und fragte ihn, was er da mache, da er doch keine Not, keinen Feind vor sich sehe? »Wohl wahr«, antwortete der Eber, »aber gerade deswegen rüste ich mich zum Streit; denn wenn der Feind da ist, dann ist es Zeit zum Kampf, nicht mehr Zeit zum Zähnewetzen.«

Bereite dich im Glück auf das künftige Unglück; sammle und rüste in guten Tagen auf die Schlimmern.



Ein Löwe kam auf den Hof eines Bauern. Weil der Bauer ihn fangen wollte, verschloss er die Hoftür. Als der Löwe nicht hinauskommen konnte, tötete er zuerst die Schafe, dann wandte er sich auch den Rindern zu. Und weil der Bauer Angst um sich selbst hatte, öffnete er das Tor. Nachdem der Löwe freigekommen war, hörte die Frau den Bauern klagen und sagte: »Aber du hast doch nur das bekommen, was gerecht ist. Denn warum wolltest du den Löwen einschließen, vor dem du seit langer Zeit Angst haben musstest?«

So erdulden diejenigen, die sich mit stärkeren anlegen, mit Recht die von ihnen ausgehenden Schandtaten.



Ein Eisvogel ist ein Vogel, der die Einsamkeit liebt und deshalb immer am Meer lebt. Es heißt, er niste auf Meeresklippen, um sich so vor der Verfolgung durch die Menschen zu schützen. Und als er einmal brüten wollte, flog er zu einem Berg, der ins Meer hineinragte, erblickte einen Felsen am Meer und baute dort sein Nest. Als er aber einmal ausflog, um Futter zu suchen, geschah es, dass das Meer von einem gewaltigen Sturm aufgewühlt wurde und bis zur Höhe des Nestes anstieg. Es überspülte das Nest, und die Jungen kamen um. Als der Eisvogel zurückkam und sah, was geschehen war, sagte er: »Ach, was für ein Unglück! Ich mied das Land, weil ich es für gefährlich hielt, und zog mich aufs Meer zurück, das sich als noch unzuverlässiger erwies.«

So geht es auch manchen Menschen, die sich vor ihren Feinden schützen wollen, aber nicht merken, dass sie sich Freunden ausliefern, die noch viel schlimmer sind als ihre Feinde.



Ein Mann kaufte einen Esel, aber nicht gleich endgültig, sondern er machte eine Probezeit aus. Als er mit ihm in seinen Hof kam, wo schon mehrere Esel teils bei der Arbeit, teils bei der Abfütterung waren, ließ er ihn frei laufen. Sogleich trottete der Neue zu dem faulsten und gefräßigsten Gefährten und stellte sich zu ihm an die Futterkrippe. Da legte ihm der Mann den Strick wieder um den Hals und brachte ihn dem bisherigen Besitzer zurück.
»So schnell kannst du ihn doch gar nicht erprobt haben«, wunderte sich der.
»O mir genügt, was ich gesehen und erfahren habe: Nach der Gesellschaft, die er sich ausgesucht hat, ist er ein übler Bursche!«



Ein Eseltreiber trieb einen Esel vor sich her. Als sie ein kleines Stück des Weges vorangekommen waren, verließ der Esel den bequemen Pfad und kletterte einen steilen Abhang hinab. Als er dann aber abzurutschen drohte, packte der Eseltreiber ihn am Schwanz und versuchte, den Esel in die richtige Richtung zu drehen. Als sich dieser aber heftig dagegen wehrte, ließ er ihn los und sagte: »Behalte nur die Oberhand! Denn du trägst einen schlechten Sieg davon.«

Die Geschichte passt gut auf einen Menschen, der um jeden Preis die Oberhand behalten will.



Ein Esel und ein Fuchs lebten lange freundschaftlich zusammen und gingen auch miteinander auf die Jagd. Auf einem ihrer Streifzüge kam ihnen ein Löwe so plötzlich in den Weg, dass der Fuchs fürchtete, er könne nicht mehr entfliehen. Da nahm er zu einer List seine Zuflucht. Mit erkünstelter Freundlichkeit sprach er zum Löwen: »Ich fürchte nichts von dir, großmütiger König! Kann ich dir aber mit dem Fleische meines dummen Gefährten dienen, so darfst du nur befehlen.« Der Löwe versprach ihm Schonung, und der Fuchs führte den Esel in eine Grube, in der er sich fing. Brüllend eilte nun der Löwe auf den Fuchs zu und ergriff ihn mit den Worten: »Der Esel ist mir gewiss, aber dich zerreiße ich wegen deiner Falschheit zuerst.«

Den Verrat benutzt man wohl, aber den Verräter liebt man doch nicht.



Ein Esel und ein Fuchs schlossen ein Bündnis miteinander und gingen auf die Jagd. Als ihnen zufällig ein Löwe begegnete, erkannte der Fuchs die drohende Gefahr, lief auf den Löwen zu und versprach, ihm den Esel auszuliefern, wenn er ihm die eigene Sicherheit garantiere. Als der Löwe ihm gesagt hatte, dass er ihn in Ruhe lasse, führte der Fuchs den Esel an eine Fallgrube und ließ ihn hineinstürzen. Als dann der Löwe sah, dass der Esel nicht weglaufen konnte, packte er zuerst den Fuchs und machte sich dann ebenso über den Esel her.

So merken oft diejenigen, die ihre Freunde hintergehen, nicht, dass sie sich selbst zugrunde richten.



Ein Esel diente einem Gärtner. Da er zwar wenig zu fressen bekam aber viel Böses zu erdulden hatte, betete er zu Zeus, dass er ihn von dem Gärtner befreie und einem anderen Herrn überlasse. Zeus schickte daraufhin Hermes und ließ ihn dem Gärtner befehlen, den Esel einem Töpfer zu verkaufen. Dort hatte der Esel aber erneut Übles zu erdulden. Als er gezwungen wurde, noch viel größere Lasten zu tragen und Zeus um Hilfe anrief, brachte Zeus den Gerber dazu, ihn zu kaufen. Als dann der Esel sah, was sein Herr tat, sagte er: »Ach, es war erstrebenswerter für mich, bei meinem früheren Herren Lasten zu tragen und zu hungern als hier zu bleiben, wo ich, wenn ich einmal sterbe, nicht einmal ein Begräbnis bekommen werde.«

Die Geschichte zeigt, dass die Sklaven sich dann besonders nach ihren früheren Herren zurücksehnen, wenn sie andere erlebt haben.



Der Esel und der Hund hatten den gleichen Weg. Da fanden sie auf der Erde ein versiegeltes Schriftstück. Das hob der Esel auf, erbrach das Siegel, faltete das Blatt auseinender und las den Text dem Hunde vor. Über Weideangelegenheiten handelte das Schriftstück, das heißt über Grünfutter, Gerste und Spreu. Verdrießlich nahm der Hund zur Kenntnis, was der Esel vorzutragen hatte. Schließlich unterbrach er ihn: »Sieh doch einmal ein bisschen weiter unten nach, liebster Freund, ob du da nicht etwas über Fleisch und Knochen ausgesagt findest!«
Der Esel ging das ganze Schriftstück durch, ohne finden zu können, wonach der Hund gesucht hatte; da entgegnete dieser: »Wirf das Papier fort, mein Lieber; es ist gänzlich ohne Bedeutung!«



Auf einer Wiese weidete ein Esel, der sich den Rücken wund geschunden hatte. Dies sah ein Rabe, flog auf den Esel zu, setzte sich auf dessen Rücken und fing an, mit dem Schnabel in das rohe Fleisch zu picken. Dies schmerzte den Esel sehr, und obgleich er sich bemühte, den lästigen Gast los zu werden, gelang es ihm nicht. Wenige Schritte davon lag sein Hüter, der mit einem Worte den Raben hätte vertreiben können. Der aber ergötzte sich an den tollen und possierlichen Sprüngen und Gesichtern, welche der Esel von Schmerz getrieben machte, und lachte laut dazu.
»Oh!« rief der Esel aus, »jetzt fühle ich wirklich meine Schmerzen doppelt, weil mich auch der verlacht, der mir helfen könnte und sollte.«



Ein Esel mit einem Geschwür auf dem Rücken weidete auf irgendeiner Wiese. Ein Rabe setzte sich auf ihn und pickte in dem Geschwür herum. Der Esel bäumte sich vor Schmerz auf und sprang in die Höhe. Weiter entfernt stand der Eseltreiber und lachte. Ein Wolf kam hinzu, sah dies und sprach zu sich selbst: »Wir unseligen Wölfe, die wir schon verfolgt werden, wenn man uns nur von weitem sieht, aber über diesen Esel, lachen sie dazu auch noch.«

Die Geschichte veranschaulicht, dass die schlechten Menschen auch von weitem schon als solche erkennbar sind.



Ein Esel durchquerte mit einer Ladung Holz einen See. Er rutschte aber aus, und als er hingefallen war, konnte er nicht mehr aufstehen. Er jammerte und klagte. Die Frösche in dem See hörten sein Gejammer und sagten: »Freund, was würdest du denn tun, wenn du schon so lange wie wir hier lebtest, wo du doch gerade erst gestürzt bist und schon so heftig klagst?«

Diese Geschichte könnte jemand, der selbst die meisten Mühen ohne weiteres auf sich nimmt, auf einen wehleidigen  Menschen anwenden, der schon über die geringsten Anstrengungen klagt.



Ein Esel hörte Grillen zirpen und freute sich über den Wohlklang. Als er aber ihr Singen nachzuahmen versuchte, fragte er sie, welche Nahrung sie zu sich nähmen, um so zirpen zu können. Sie aber antworteten: »Tau.« Der Esel ernährte sich daraufhin nur von Tau und verhungerte.

So geraten auch diejenigen in größtes Unglück, die nach etwas streben, was gegen ihre Natur ist, abgesehen davon, dass sie es nicht erreichen.



Ein Bauer hatte einen Esel und eine Ziege. Weil nun der Esel sehr viel arbeiten und große Lasten tragen musste, erhielt er ein reichlicheres und besseres Futter als die Ziege. Diese beneidete den Esel, und um ihn um die bessere Kost zu bringen, oder doch wenigstens ihm Schläge einzutragen, sprach sie eines Tages zu ihm: »Höre, lieber Freund! Oft schon habe ich dich von Herzen bedauert, dass du Tag für Tag die schwersten Lasten tragen und vom Morgen bis Abend arbeiten musst; ich möchte dir wohl einen guten Rat geben.«
»Warum nicht?« sagte der Esel, »ich bitte dich sogar darum!«
»Nun, so höre: Wenn du an eine Grube kommst, so stürze dich hinein, stelle dich verletzt, und dann wirst du längere Zeit Ruhe haben und nichts arbeiten dürfen.«
Dem Esel schien dies ein ganz guter Vorschlag, und kaum war er anderntags mit einer Last bei einer Grube angekommen, als er auch schon den Rat befolgte. Wie aus Zufall trat er fehl und stürzte hinein. Aber das hatte er sich nicht gedacht! Halb tot lag er da und dass er sich nicht ein Bein gebrochen, war ein Glück. Ganz geschunden wurde er herausgeholt und konnte sich kaum nach Hause schleppen. Sein Herr hatte nichts Eiligeres zu tun, als zu einem Vieharzt zu schicken, der dann verordnete: der Kranke solle eine frische, pulverisierte Ziegenlunge einnehmen. Da dem Herrn der Esel mehr wert war als die Ziege, so ließ er diese sofort schlachten, um den Esel zu retten. So büßte die Ziege für ihren bösen Rat mit dem Leben.

Die Folgen des Neides gereichen nicht selten dem Neider selbst zum Verderben.



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Ein Eseltreiber legte einem Esel und einem Maultier Lasten auf und trieb sie vorwärts. Solange der Weg eben war, konnte der Esel das Gewicht aushalten. Als man aber ins Gebirge kam, war er nicht mehr imstande, die Last zu tragen, und bat das Maultier, ihm einen Teil seiner Last abzunehmen, um selbst den übrigen Teil weiter tragen zu können. Das Maultier aber hörte nicht auf die Worte des Esels. Darauf brach dieser zusammen und verendete. Der Eselstreiber sah keine andere Möglichkeit: Er lud dem Maultier nicht nur die Last des Esels auf, sondern packte auch noch das Fell des Esels dazu. Weil das Maultier jetzt keine geringe Last auf dem Rücken hatte, sprach es zu sich selbst: »Das geschieht mir recht. Denn wenn ich mich hätte erweichen lassen, als mich der Esel bat, ihm ein wenig zu entlasten, müsste ich jetzt nicht zusammen mit seiner Last auch noch ihn selbst tragen.«

So verlieren oft auch manche Gläubiger aus Geldgier sogar die gesamte Summe, wenn sie sich weigern, ihren Schuldnern einen kleinen Teil nachzulassen.



Der Esel und das Maultier zogen denselben Weg. Als der Esel merkte, dass sie beide die gleichen Lasten hatten, wurde er ärgerlich und beklagte sich darüber, dass das Maultier, welches das doppelte Futter bekäme, nicht mehr zu tragen brauche. Sie waren nur wenig weitergegangen, da merkte der Treiber, dass der Esel nicht mehr tragen konnte, und nahm ihm etwas von seiner Last und legte sie dem Maultier auf. Und als sie wieder ein Stück weitergekommen waren, sah er, dass der Esel sich immer mehr erschöpfte, und entlastete ihn aufs neue, bis er schließlich alles von dem Esel fortgenommen und statt dessen dem Maultier auferlegt hatte. Da blickte dieses auf den Esel und sagte zu ihm: »Nun, Kamerad, scheint dir es jetzt berechtigt, dass man mir doppeltes Futter zubilligt?«

So müssen auch wir die Lage eines jeden nicht vom Ausgangspunkt, sondern vom Ergebnis her beurteilen.



Ein Esel, der nach der größten Anstrengung nicht einmal Streu genug erhielt, um seinen Hunger zu stillen, und unter seiner schweren Bürde kaum noch fort kriechen konnte, hielt ein schönes, prächtig geschmücktes Pferd für glücklich, weil es so gut und im Überfluss gefüttert würde. Ach, wie sehr wünschte er mit diesem Tiere tauschen zu können. Allein nach einigen Monaten erblickte er dasselbe Pferd lahm und abgezehrt an einem Karren. »Ist dies Zauberei?« fragte er. »Beinahe«, antwortete traurig das Pferd; eine Kugel traf mich, mein Herr stürzte mit mir und verkaufte mich zum Dank um ein Spottgeld; lahm und kraftlos, wie ich jetzt bin, wirst du gewiss nicht mehr mich beneiden und mit mir tauschen wollen.«

Wie oft das größte Glück Zerstört ein Augenblick!



Ein Fischer, der sein Netz zum Fang im Meer auswarf, bemächtigte sich der großen Fische und brachte sie an Land; die kleinen aber schlüpften durch die Maschen und entkamen ins Meer.

Leicht retten sich die, die nicht zu prominent sind; die hohen Würdenträger aber sieht man nur selten dem Strafgericht entgehen. (???)



Ein Fischer fischte in einem Fluss. Er spannte seine Netze von beiden Flussufern durch den Fluss, band einen Stein an ein Tau und schlug damit ins Wasser, damit die Fische auf der Flucht ins Netz gerieten, ohne es zu merken. Ein Anlieger beobachtete ihn bei dieser Tätigkeit und schalt ihn, weil er den Fluss trübe und ihn kein klares Wasser mehr trinken ließe. Der aber sprach: »Wird der Fluss nicht so aufgewirbelt, so müsste ich Hungers sterben.«

So strengen sich auch im Staate die Demagogen dann am meisten an, wenn sie ihr Land in Bürgerzwist stürzen.



Ein Fischer ließ sein Netz ins Wasser und holte eine Sardelle herauf. Sie aber flehte in an, sie zum gegenwärtigen Zeitpunkt zu verschonen, da sie doch noch so klein sei, und sie später, wenn sie erst einmal groß sei, zu größerem Nutzen zu fangen. Da sagte der Fischer: »Ich wäre doch verrückt, wenn ich das, was ich bekommen und in meinen Händen habe, losließe und mich einer ungewissen Hoffnung hingäbe.«

Die Geschichte zeigt, dass der gegenwärtig vorhandene Gewinn, auch wenn er klein ist, dem erwarteten vorzuziehen ist, auch wenn dieser groß zu sein verspricht.



Fischer, die hinausgefahren waren, um etwas zu fangen, und, obwohl sie sich lange Zeit abgemüht hatten, nichts fangen konnten, saßen mutlos in ihrem Boot. Da sprang ein Thunfisch, der verfolgt und mit gewaltigem Zischen aus dem Wasser geschleudert wurde, aus Versehen in den Kahn. Die Fischer packten ihn und gingen in die Stadt, um ihn zu verkaufen.

So schenkt oft das Glück, was die Kunst nicht schafft.



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Ein Fischer, der Flöte blasen konnte, nahm seine Flöte und seine Netze und ging zum Meer. Er stellte sich auf einen Felsvorsprung und spielte zunächst ein Lied. Denn er glaubte, dass die Fische von selbst aus dem Wasser springen würden, um den lieblichen Klang zu hören. Aber obwohl er sich sehr anstrengte, hatte er keinen Erfolg. Er warf seine Flöte weg, nahm das Netz, schleuderte es in das Wasser hinab und fing viele Fische. Dann warf er sie aus dem Netz heraus auf den Strand, und als er sie zappeln sah, sagte er: »Ach, ihr elendsten Geschöpfe, als ich Flöte blies, wolltet ihr nicht tanzen, jetzt aber, wo ich damit aufgehört habe, tut ihr es.«

Anmerkung: Dieselbe Fabel lässt Herodot von Halikarnass (480/490-424) den siegreichen Perserkönig Kyros erzählen. (I, I4I, I-3 und 4 Anfang)



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Es sprang einmal ein Floh auf den Fuß eines aufgeblasenen Athleten, tanzte auf ihm herum und versetzte ihm einen Biss. Der Athlet war außer sich vor Wut, näherte sich dem Floh mit seinen Fingerspitzen und hätte ihn fast zerdrückt. Der Floh konnte sich aber in Sicherheit bringen, machte einen gewaltigen Sprung und entkam. So entrann er dem Tod. Der Athlet seufzte daraufhin: »Ach, Herakles, wenn du mich so wenig gegen einen Floh unterstützt, wie wirst du mir dann gegen meine tatsächlichen Gegner helfen?«

Aber auch uns lehrt die Geschichte, dass es nicht nötig ist, bei den wirklich unbedeutenden und ungefährlichen Dingen einfach die Götter zu Hilfe zu rufen, sondern nur bei größeren Schwierigkeiten.



Der Fluss sah in der Spiegelung ein Fell, das dahin getragen wurde, und fragte es, wie es sich nenne. »Trocken«, war die Antwort. Da überspülte es der Fluss mit einer Woge und sagte: »Du musst nach einer anderen Benennung suchen; ich werde dich nämlich sogleich weich machen.«

Die Fabel beweist, dass sich die Dinge leicht in den gleichen Naturzustand bringen lassen.



Ein Frosch stritt mit einer Ratte um einen Sumpf. Der Frosch behauptete, dass er ihn mit dem größten Rechte besitze; die Ratte hingegen, dass er ihr gehöre und dass der Frosch ihr denselben abtreten müsse. Dieser wollte aber nichts davon hören, und so gerieten sie bei diesem Streite hart aneinander. Wie viel besser hätten sie getan, wenn sie sich verglichen hätten; denn in der Hitze des Streites hatten sie nicht auf die Weihe geachtet, welche in der Ferne gelauert hatte, nun über die Kämpfer herfiel und beide zerriss.

Wenn sich zwei Schwache zanken, so endigt oft ein dritter, Mächtigerer zu seinem Vorteil den Streit.



Ein Fuchs und ein Affe gingen auf derselben Straße und stritten darüber, wer aus einer besseren Familie stamme. Beide redeten ausführlich darüber. Als sie aber an einigen Gräbern vorbeikamen, schaute der Affe dorthin und stöhnte laut auf. Der Fuchs fragte nach dem Grund dafür. Da zeigte der Affe auf die Grabmäler und sagte: »Soll ich denn nicht weinen, wenn ich die Grabsteine von Freigelassenen und Sklaven meiner Väter sehe?« Da sagte der Fuchs zum Affen: »Lüge nur, so viel du willst. Denn keiner von ihnen wird aufstehen und dir widersprechen.«

So prahlen auch unter den Menschen die Lügner dann vor allem, wenn sie niemanden haben, der ihnen widersprechen kann.



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Ein Bock und ein Fuchs gingen in der größten Hitze miteinander über die Felder und fanden, von Durst gequält, endlich einen Brunnen, jedoch kein Gefäß zum Wasserschöpfen. Ohne sich lang zu bedenken, sprangen sie, der Bock voraus, hinunter und stillten ihren Durst. Nun erst begann der Bock umherzuschauen, wie er wieder herauskommen könnte. Der Fuchs beruhigte ihn und sagte: »Sei guten Mutes Freund, noch weiß ich Rat, der uns beide retten kann. Stelle dich auf deine Hinterbeine, stemme die vorderen gegen die Wand und recke den Kopf recht in die Höhe, dass die Hörner ganz aufliegen, so kann ich leicht von deinem Rücken hinausspringen und auch dich retten.« Der Bock tat dies alles ganz willig. Mit einem Sprung war der Fuchs gerettet und spottete nun des Bocks voll Schadenfreude, der ihn hingegen mit Recht der Treulosigkeit beschuldigte. Endlich nahm der Fuchs Abschied und sagte: »Ich sehe schlechterdings keinen Ausweg zu deiner Rettung, mein Freund. Höre aber zum Dank meine Ansicht: Hättest du so viel Verstand gehabt als Haare im Bart, so wärest du nie in diesen Brunnen gestiegen, ohne auch vorher zu bedenken, wie du wieder herauskommen könntest.«

Vorgetan und nachbedacht, hat manchen in groß Leid gebracht.



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Als ein Fuchs, der an einer Mauer hochstieg, herabzustürzen drohte, suchte er Halt in einem Dornbusch. Er verletzte sich dabei an der Fußsohle, regte sich furchtbar darüber auf und warf dem Dornbusch vor, dass er ihn, obwohl er bei ihm Zuflucht und Hilfe gesucht habe, übel zugerichtet habe. Da ergriff der Dornbusch das Wort und sagte:
»Du bist wohl verrückt geworden, du seltsamer Vogel, dass du dich an mir festhalten wolltest, der ich selbst mich an allem festzuhalten pflege.«

So gibt es auch unter den Menschen Toren, die bei denen Zuflucht und Hilfe suchen, die eher zum Unrecht tun veranlagt sind.



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Als ein Fuchs auf der Flucht vor Jägern einen Holzfäller sah, bat er diesen, ihn zu verstecken. Der Holzfäller forderte ihn auf, in seine Hütte zu gehen, um sich dort zu verstecken. Kurze Zeit später kamen die Jäger und fragten den Holzfäller, ob er gesehen habe, dass ein Fuchs bei ihm vorbeigelaufen sei. Der Holzfäller sagte zwar, er habe ihn nicht gesehen, zeigte aber mit der Hand dorthin, wo er sich versteckt hatte. Da sie aber seinen Wink nicht beachteten, aber seinen Worten glaubten, sah der Fuchs, dass sie fort gegangen waren, kroch aus seinem Versteck heraus und machte sich davon, ohne ein Wort zu sagen. Als ihm der Holzfäller vorhielt, dass er zwar von ihm gerettet worden sei, ihm dies aber mit keinem Wort gedankt habe, erwiderte der Fuchs: »Ich hätte dir meine Dankbarkeit gezeigt, wenn das, was deine Hand tut, deinen Worten entspräche.«

Diese Geschichte könnte man auf solche Menschen anwenden, die das Gute zwar laut verkünden, aber in Wirklichkeit das Böse tun.



Fuchs und Leopard stritten darüber, wer der Schönste sei. Als der Leopard bei jeder Gelegenheit den bunten Schmuck seines Körpers ins Spiel brachte, erwiderte der Fuchs: »Und wie viel schöner als du bin ich doch, der ich zwar kein buntes Fell, aber doch einen bunt geschmückten Verstand habe.«

Die Geschichte zeigt, dass der Schmuck der Vernunft wertvoller ist als der Schmuck des Körpers.



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Ein Fuchs hatte einen Storch zu Gaste gebeten, und setzte die leckersten Speisen vor, aber nur auf ganz flachen Schüsseln, aus denen der Storch mit seinem langen Schnabel nichts fressen konnte. Gierig fraß der Fuchs alles allein, obgleich er den Storch unaufhörlich bat, es sieh doch schmecken zu lassen. Der Storch fand sich betrogen, blieb aber heiter, lobte außerordentlich die Bewirtung und bat seinen Freund auf den andern Tag zu Gaste. Der Fuchs mochte wohl ahnen, dass der Storch sich rächen wollte, und wies die Einladung ab. Der Storch ließ aber nicht nach, ihn zu bitten, und der Fuchs willigte endlich ein. Als er nun anderen Tages zum Storche kam, fand er alle möglichen Leckerbissen aufgetischt, aber nur in langhalsigen Geschirren. »Folge meinem Beispiele«, rief ihm der Storch zu, »tue, als wenn du zu Hause wärest.« Und er schlürfte mit seinem Schnabel ebenfalls alles allein, während der Fuchs zu seinem größten Ärger nur das Äußere der Geschirre belecken konnte und nur das Riechen hatte. Hungrig stand er vom Tische auf und gestand zu, dass ihn der Storch für seinen Mutwillen hinlänglich gestraft habe.

Was du nicht willst, dass man dir tu' das füg' auch keinem anderen zu.



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Ein Fuchs hatte Hunger. Als er an einem Weinstock Trauben hängen sah, wollte er sie haben und konnte es nicht. Er gab auf und sagte zu sich selbst: »Sie sind noch nicht reif.«

So ist es auch bei manchen Menschen: Wenn sie aus Unfähigkeit etwas nicht erreichen können, machen sie die äußeren Umstände dafür verantwortlich.



Ein Fuchs war in einen Brunnen gefallen. Er blieb zwangsläufig dort unten, weil er nicht hinaufsteigen konnte. Ein durstiger Ziegenbock trat an eben diesen Brunnen heran. Er sah den Fuchs und fragte, ob das Wasser gut sei. Der Fuchs begrüßte die Gelegenheit und lobte das Wasser sehr. Er sagte, dass es gut sei, und forderte ihn so denn auch auf herunterzusteigen. Als er aber unbesorgt hinunter sprang, weil er in diesem Augenblick nur von seiner Gier getrieben war, und als er seinen Durst gelöscht hatte und zusammen mit dem Fuchs überlegte, wie sie wieder nach oben kämen, sagte der Fuchs, er habe sich etwas ausgedacht, das ihrer beider Rettung dienlich sei. »Wenn du nämlich deine Vorderbeine an die Wand stemmen und auch deine Hörner nach oben strecken willst, dann werde ich über deinen Rücken hochsteigen und dich herausziehen.« Als der Ziegenbock der wiederholten Aufforderung schließlich bereitwillig nachkam, sprang der Fuchs an seinen Beinen hoch, stieg auf seinen Rücken und gelangte von diesem über die Hörner an die Öffnung des Brunnens. Nachdem er heraufgestiegen war, wollte er sich davonmachen. Aber der Ziegenbock beschimpfte ihn, weil er die Vereinbarungen nicht einhielt. Da drehte er sich um und sagte: » Ach, du, wenn du so viel Verstand hättest wie Haare in deinem Bart, dann wärst du nicht hinab gestiegen, bevor du nicht an den Aufstieg gedacht hättest.«

So müssen auch unter den Menschen die Vernünftigen die Folgen ihres Handelns bedenken, bevor sie es in Angriff nehmen.



Ein Fuchs und ein Krokodil stritten darüber, wer von ihnen aus der besseren Familie stamme. Während das Krokodil vieles über den Ruhm seiner Vorfahren erzählte und schließlich noch erwähnte, dass seine Väter Leiter von Ringerschulen waren, ergriff der Fuchs das Wort und sagte: »Ach, wenn du es auch nicht selbst sagst, an deiner Haut lässt du erkennen, dass du viel Sport getrieben hast.«

So ist es auch bei den Menschen: Die Tatsachen widerlegen diejenigen, die die Unwahrheit sagen.



Ein Fuchs hatte in einer Falle seinen Schwanz verloren. Weil er dies für eine Schande hielt, glaubte er, sein Leben sei so nicht mehr lebenswert. Er hielt es deshalb für nötig, auch die anderen Füchse in dieselbe Lage zu bringen, um seinen eigenen Verlust zu verbergen, wenn alle gemeinsam ihn erlitten. Er rief sie also alle zusammen und forderte sie auf, ihre Schwänze abzuschneiden. Er sagte, der Schwanz sei nicht nur unpassend, sondern hänge auch als ein überflüssiges Gewicht an ihnen. Aber einer der Anwesenden rief: »Was soll das? Wenn dir dies nicht selbst passiert wäre, dann hättest du es uns nicht empfohlen.«

Diese Geschichte passt zu solchen Leuten, die ihren Mitmenschen nicht mit guter Absicht, sondern zu ihrem eigenen Vorteil Ratschläge geben.



Ein Fuchs schlich sich in eine Schafherde ein. Die Schafe waren gerade dabei, ihre Lämmer zu säugen. Da packte sich der Fuchs ein Lamm und tat so, als ob er es streichle. Ein Hund fragte ihn: »Was machst du da?« Er erwiderte: »Ich kümmere mich um das Lamm und spiele mit ihm.« Da sagte der Hund: »Aber wenn du das Lamm jetzt nicht loslässt, werde ich das tun, was Hunde gewöhnlich mit dir machen.«

Die Geschichte passt auf einen ebenso leichtsinnigen wie dummen Dieb.



Ein Jäger war einstens einem Löwen auf der Spur. Und als er einen Holzhauer fragte, ob er nicht die Fährte des Löwen gesehen habe und wisse, wo sich sein Lager befinde, erhielt er zur Antwort: »Nicht nur das; ich kann dir sogar den Löwen zeigen. «Da erbleichte der Jäger vor Angst, die Zähne klapperten ihm, und er rief: »Ach, ich suche bloß die Fährte, nicht den Löwen selber.«

Gegen die feigen Prahler richtet sich die Fabel, auf die, welche mit Worten viel wagen, aber nicht mit Taten.



Als ein Gärtner gerade sein Gemüse bewässerte, trat jemand an ihn heran und fragte ihn, warum die wilden Salatpflanzen so üppig gediehen und so kräftig waren, die angepflanzten aber so schwach und welk. Da erwiderte der Gärtner: »Die Erde ist für die wilden Pflanzen die Mutter, für die angepflanzten die Stiefmutter.«

So gedeihen auch die Kinder, die von einer Stiefmutter aufgezogen werden, nicht genauso wie diejenigen, die ihre eigene Mutter haben.



Der Hund eines Gärtners fiel in einen Brunnen. Weil er ihn herausholen wollte, stieg er zu ihm in den Brunnen hinab. Aber da der Hund nicht wusste, in welcher Absicht sein Herr zu ihm kam, und glaubte, er solle von ihm ersäuft werden, biss er ihn. Darüber war der Mann sehr erbost und rief: »Ja, mir ist recht geschehen. Denn warum habe ich versucht, dich aus der gefährlichen Lage zu befreien, da du dich doch selbst in die Tiefe gestürzt hast?«

Für einen Menschen, der undankbar ist und seinen Wohltätern Schaden zufügt.



Ein Geiziger machte sein gesamtes Vermögen zu Geld, kaufte sich einen Klumpen Gold und vergrub diesen außerhalb seines Hauses. Ununterbrochen ging er zu der Stelle hin und sah sie sich an. Aber einer von denen, die in der Nähe dieser Stelle ihre Arbeit taten, beobachtete sein ständiges Kommen und Gehen und argwöhnte den wahren Grund für dieses Verhalten. Als der Geizige sich einmal entfernt hatte, hob der Arbeiter das Gold aus der Erde. Als der Mann aber zurückkam und den Platz leer vorfand, jammerte er und raufte sich die Haare. Jemand sah ihn in seinem übermäßigen Schmerz, erfuhr den Grund und sagte: »Sei nicht traurig, mein Freund, sondern nimm einen Stein, lege ihn an dieselbe Stelle und stelle dir vor, dass dein Gold dort liegt. Denn damals, als es noch dort lag, hast du es doch auch nicht gebraucht.«

Die Geschichte veranschaulicht, dass Besitz wertlos ist, wenn nicht auch der Gebrauch hinzukommt.



Ein Granatapfelbaum und ein Apfelbaum stritten sich darüber, wer die meisten Früchte trage. Als aber der Streit schon voll entbrannt war, hörte dies ein Brombeerstrauch aus der Hecke ganz in der Nähe und sagte: »Ach, liebe Freunde, hören wir doch endlich auf zu streiten!«

So versuchen auch die weniger Bedeutenden gegen die Streitigkeiten der Höhergestellten einzuschreiten.




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Ein hungriger Hahn scharrte auf einem Misthaufen nach Fruchtkörnern und fand einen Diamanten. Unmutig stieß er ihn beiseite und rief aus: »Was nützt einem Hungrigen ein kostbarer Stein; sein Besitz macht wohl reich, aber nicht satt. Wie gerne würde ich diesen Schatz um nur einige Gerstenkörner geben.«

Das Stücklein Brot, das dich ernährt, ist mehr als Gold und Perlen wert.



Jemand hatte einen Halbgott bei sich im Haus und brachte ihm reichlich Opfer dar. Als er dies ununterbrochen unter hohem Aufwand betrieb und viel Geld für die Opfergaben aufwandte, trat der Halbgott nachts an ihn heran und sprach: »Ja, lieber Freund, hör doch auf damit, dein Vermögen zu vergeuden. Denn wenn du alles verbraucht hast und arm geworden bist, wirst du mir die Schuld daran geben.«

So sind viele Menschen durch ihre eigene Dummheit unglücklich. Die Schuld daran, schieben sie den Göttern zu.



Ein hinterlistiger Mann wettete mit jemandem, dass das Orakel in Delphi eine falsche Auskunft geben werde. Zum festgesetzten Termin griff er sich einen Hahn, versteckte ihn unter seinen Mantel, ging zum Tempel, stellte sich vor das Bild des Gottes und fragte, ob er etwas in den Händen halte, was atme oder was nicht atme. Wenn das Orakel sagen sollte »was nicht atmet«, wollte er den Hahn lebend vorzeigen, wenn es aber sagen sollte »was atmet«, wollte er ihm erst den Hals umdrehen und dann vorzeigen. Der Gott durchschaute die List des Mannes und sprach: »Lieber Freund, lass das! Es liegt bei dir, dass das, was du bei dir hast, entweder tot oder lebendig ist.«



Ein Hirsch hatte Durst und kam zu einer Quelle. Während er trank und sein eigenes Spiegelbild im Wasser sah, gefiel ihm sein Geweih besonders gut. Er blickte bewundernd auf seine Größe und Vielfalt. Über seine Beine aber ärgerte er sich, weil sie ihm dünn und schwach vorkamen. Als er noch darüber nachdachte, tauchte ein Löwe auf und griff ihn an. Der Hirsch wandte sich zur Flucht und gewann einen großen Vorsprung. Solange es sich um eine baumlose Ebene handelte, konnte der Hirsch laufen und in Sicherheit bleiben. Als er aber in waldiges Gelände kam, da passierte es, dass er nicht mehr weiter laufen konnte und vom Löwen gepackt wurde, weil sich sein Geweih in den Zweigen verfing. Kurz vor seinem Tode sagte er zu sich selbst: »Ich bin wirklich zu bedauern! Denn ich konnte mich mit dem retten, wodurch ich mich verraten fühlte. Umgekommen bin ich aber durch das, worauf ich besonders vertraute.«

So sind oft schon Freunde, denen man nicht besonders vertraut, zu Rettern geworden, während sich diejenigen, denen man mehr vertraute, als Verräter erwiesen.



Ein Hirsch war auf dem einen Auge blind. Er kam an einen Strand und weidete dort. Dabei richtete er sein gesundes Auge auf das Land, weil er mit der Ankunft der Jäger rechnen musste. Sein blindes Auge war dem Meer zugewandt. Denn er erwartete von dort keine Gefahr. So fuhren denn Leute mit dem Boot an jener Stelle vorbei. Und als sie den Hirsch sahen, erlegten sie ihn. Und als er starb, sagte er noch zu sich selbst: »Ich Unglücklicher, habe ich mich doch vor dem Land in Acht genommen, weil ich es für gefährlich hielt; viel gefährlicher aber war das Meer für mich, bei dem ich Zuflucht suchte.«

So erweist sich oft das anscheinend Schlimme gegen unsere Erwartung als nützlich, während das, was einem hilfreich vorkommt, Verderben bringt.



Ein Hirsch war vor Jägern auf der Flucht. Er gelangte zu einer Höhle, in der sich ein Löwe befand. Dort ging er hinein, um sich zu verstecken. Als er von dem Löwen gepackt und zerfleischt wurde, sagte er: »Ich Unglücklicher! Während ich vor den Menschen die Flucht ergriff, lieferte ich mich einem wilden Tier aus.«

So begeben sich auch manche Menschen aus Angst vor kleineren Gefahren in größeres Unglück.



Ein Hirsch wurde von Jägern verfolgt. Er versteckte sich unter einen Weinstock. Als die Jäger schon weitergegangen waren, fraß er die Blätter des Weinstockes. Aber einer der Jäger drehte sich um, sah den Hirsch und traf und verwundete ihn mit seinem Speer, den er bei sich hatte. Kurz vor seinem Tod klagte der Hirsch und sagte zu sich selbst: »Es geschieht mir recht, weil ich dem Weinstock, der mich rettete, Unrecht tat.«

Diese Geschichte könnte über Menschen erzählt werden, die von Gott bestraft werden, weil sie ihren Wohltätern Unrecht tun.



Ein Hirte besaß einen sehr großen Hund. Diesem hatte er beigebracht, ihm die neugeborenen Lämmer und die todkranken Schafe zu bringen. Als nun einmal die Herde nach Hause kam, sah der Hirte, wie der Hund auf die Schafe zuging und sie freundlich begrüßte. Da sagte er zu ihm: »Ach, mein Lieber, was du willst, soll ihnen um deinetwillen geschehen!«

Die Geschichte passt auf einen Schmeichler.




Ein Hirte trieb seine Schafe in einen Eichenwald. Als er eine sehr hohe Eiche voll von Eicheln erblickte, breitete er darunter seinen Mantel aus, stieg auf den Baum und schüttelte die Früchte des Baumes herunter. Die Schafe verzehrten die Eicheln und fraßen unversehens auch den Mantel mit. Der Hirte stieg vom Baum herunter. Als er sah, was passiert war, sagte er: »Ihr bösen Tiere, den anderen Menschen gebt ihr eure Wolle für ihre Kleidung, mir aber, eurem Ernährer, habt ihr sogar den Mantel weggenommen.«

So tun auch viele Menschen aus Unkenntnis denen, die ihnen gar nicht nahe stehen, Gutes und gegen ihre Angehörigen handeln sie schlecht.



Ein Hirte, der einen erst kurz geworfenen jungen Wolf gefunden hatte, nahm ihn mit sich und zog ihn mit seinen Hunden auf. Als derselbe herangewachsen war, verfolgte er, sooft ein Wolf ein Schaf raubte, diesen auch zugleich mit den Hunden. Da aber die Hunde den Wolf zuweilen nicht einholen konnten und deshalb wieder umkehrten, so verfolgte ihn jener allein und nahm, wenn er ihn erreicht hatte, als Wolf ebenfalls teil an der Beute; hierauf kehrte er zurück. Wenn jedoch kein fremder Wolf ein Schaf raubte, so brachte er selbst heimlich eines um und verzehrte es gemeinschaftlich mit den Hunden, bis der Hirte, nach langem hin- und her raten das Geschehene inneward, ihn an einen Baum aufhängte und tötete.

Die Fabel lehrt, dass die schlimme Natur keine gute Gemütsart aufkommen lässt.



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Nachdem ein Hirte junge Wölfe gefunden hatte, zog er sie fürsorglich mit auf. Denn er glaubte, dass sie, wenn sie erst erwachsen seien, nicht nur seine Schafe bewachen, sondern auch fremdes Eigentum rauben und ihm bringen würden. Sobald sie aber ausgewachsen waren, verloren sie jede Scheu und rissen zuerst seine Schafherde. Obwohl er darüber jammerte und klagte, gestand er sich ein: »Ach, das geschieht mir recht. Warum habe ich sie, als sie noch ganz klein waren, gerettet? Es war doch zu erwarten, dass sie, sobald sie groß wären, zu Mördern würden.«

So ergeht es denen, welche die Bösen retten und nicht merken, dass er sich nur selbst Schaden zufügt, wenn er sie unterstützt.



Ein Hirte weidete seine Schafe an einem Ort in der Nähe des Meeres. Als er das Meer ruhig und friedlich vor sich sah, wollte er zur See fahren. Deshalb verkaufte er seine Schafe, erwarb Purpurschnecken und belud ein Schiff. Dann stach er in See. Es kam ein furchtbares Unwetter auf, und das Schiff kenterte. Er verlor alles und konnte sich mit Mühe an Land retten. Darauf wurde das Meer wieder ruhig. Als er jemanden sah, der an Land den Frieden des Meeres pries, sagte er: »Ach, lieber Freund, das ist nur deshalb so, weil das Meer Lust auf deine Purpurschnecken hat.«

So bringen oft die schlimmen Erfahrungen die vernünftigen Menschen zur Einsicht.



Ein Hirte trieb seine Herde in eine Gegend, die ziemlich weit entfernt war von seinem Dorf. Er machte sich dabei fortwährend den folgenden Scherz: Er rief die Dorfbewohner zu Hilfe und sagte, dass Wölfe seine Schafe angriffen. Als aber die Leute aus dem Dorf zweimal und dreimal aufgeschreckt wurden und zu ihm liefen, dann aber mit Gelächter wieder fortgeschickt wurden, geschah es, dass am Ende wirklich Wölfe kamen. Als aber seine Herde von den Wölfen fortgetrieben wurde und er um Hilfe rief, vermuteten jene, dass er wie gewöhnlich seinen Scherz treibe, und kümmerten sich nicht darum. Und so geschah es, dass er seine Schafe verlor.

Die Geschichte veranschaulicht, dass die Lügner nur diesen einen Gewinn haben:
Dass man ihnen nicht mehr glaubt, auch wenn sie die Wahrheit sagen.




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Einem Holzfäller fiel die Axt in einen Fluss. Als aber die Strömung die Axt fort trug, setzte er sich an das Ufer und jammerte, bis Hermes Mitleid bekam und zu ihm hinging. Nachdem der Gott den Grund seines Weinens erfahren hatte, tauchte er zuerst in den Fluss, brachte ihm eine goldene Axt und fragte ihn, ob es seine Axt sei. Er aber verneinte es. Beim zweiten Mal holte er eine silberne Axt nach oben und fragte ihn wieder, ob er diese verloren habe. Als er dies verneinte, brachte er ihm beim dritten Mal seine eigene Axt. Als der Holzfäller sie erkannt hatte, schenkte Hermes ihm alle drei als Anerkennung für seine Redlichkeit. Der Mann nahm die Äxte an sich, und als er zu seinen Freunden kam, erzählte er ihnen, was geschehen war.

Aber einer von ihnen wurde neidisch und hatte den Wunsch, das Gleiche zu bekommen. Deshalb nahm er seine Axt und ging zu denselben Fluss. Beim Holzfällen ließ er die Axt absichtlich in die Strömung fallen, setzte sich hin und weinte. Als Hermes erschien und ihn fragte, was ihm geschehen sei, erwähnte er den Verlust seiner Axt. Als Hermes ihm eine goldene Axt heraufbrachte und fragte, ob er diese verloren habe, sagte er unter dem Eindruck des zu erwartenden Gewinns, dieses sei seine Axt. Aber der Gott tat ihm nicht den Gefallen, sondern gab ihm nicht einmal seine eigene Axt zurück. Die Geschichte zeigt folgendes: Wie sehr die Gottheit auch den Gerechten hilft, so sehr stellt sie sich den Ungerechten entgegen.



Der Hund und der Hahn hatten Freundschaft miteinander geschlossen und unternahmen zusammen eine Wanderung. Als die Nacht hereinbrach, hatten sie gerade ein Waldgebiet erreicht. Da schwang sich der Hahn auf einen Baum und ließ sich in seinen Zweigen nieder, während der Hund unten in einer Höhlung des Baumes sein Lager fand. Nachdem die Nacht vorüber war und der Morgen anbrach, krähte der Hahn laut, wie es seine Gewohnheit war. Der Fuchs vernahm das Krähen, und weil es ihn gelüstete, den Hahn zu verspeisen, kam er heran, trat unter den Baum und rief jenem zu: »Ein guter Vogel bist du und nützlich für die Menschen. Komm doch herunter, damit wir das Morgenlied singen und uns gemeinsam daran erfreuen!« Doch der Hahn unterbrach ihn und sagte: »Geh, Freund, unten an die Wurzel des Baumes und ruf den Küster, damit er das Weckholz schlägt!« Als der Fuchs sich aufmachte, um den Hund zu rufen, da war der schon aufgesprungen, packte den Fuchs und zerriss ihn.

Die Fabel beweist, dass es den klugen Menschen ebenso geht. Wenn denen etwas Böses geschieht, wissen sie unschwer an ihren Feinden gebührend Rache zu nehmen.



Ein Jagdhund erblickte einen Löwen und verfolgte ihn. Als der Löwe sich aber umdrehte und brüllte, bekam der Hund einen Schrecken und floh. Ein Fuchs sah ihn und sprach: »Du Schwachkopf, du hast einen Löwen verfolgt und kannst nicht einmal sein Gebrüll aushalten?«

Die Geschichte könnte über selbstgefällige Menschen erzählt werden, die viel Mächtigere zu erpressen versuchen, und wenn jene sich zur Wehr setzen, sofort umfallen.



Ein Jagdhund fing einen Hasen. Mal biss er ihn, mal leckte er seine Lippen. Der Hase schrie ihn an: »Ach, du Hund, hör endlich auf mich zu beißen oder zu küssen, damit ich erkenne, ob du mein Feind oder mein Freund bist!«

Die Geschichte passt gut auf einen Menschen, der sich nicht entscheiden kann.



Der Hund kam in eine Küche, und während der Koch gerade beschäftigt war, stahl er ein Herz und machte sich davon. Als der Koch sich umdrehte und ihn laufen sah, bemerkte er: »Wart nur, du Spitzbube, wo du auch sein magst, will ich mich vor dir in acht nehmen!«

Die Fabel lehrt, dass aus Leiden den Menschen oftmals Lehren erwachsen.



Ein Hund, der einem Reisenden zu folgen hatte, ließ sich ermüdet von dem beständigen Marschieren und der Hitze des Sommers, gegen Abend in der Nähe eines Teiches im feuchten Grase nieder, um zu schlafen. Kaum war er eingeschlafen, da begannen die Frösche nahebei so, wie sie es gewöhnt waren, zu gleicher Zeit ihr Quakkonzert. Das verdross den Hund, der darüber erwacht war, sehr; doch er glaubte, wenn er sich dem Wasser nähere und die Frösche anbelle, würde er sie von ihrem Gequake abbringen und selber wieder ruhig schlafen können. Aber sooft er das auch tat, es nützte ihm nichts, so dass er sich schließlich erzürnt zurückzog. »Ach«, rief er aus, »ich müsste ja noch dümmer sein als ihr, wenn ich Leute, die von Natur aus schwatzhaft und böse sind, zu einer urbanen, humanen Lebensform zu erziehen trachte!«

Die Fabel lehrt, dass verworfene Menschen, auch wenn sie ungezählte Male ermahnt werden, nicht einmal auf ihre nächste Umgebung Rücksicht nehmen.




Ein Hund, der gern Eier ausschlürfte, riss, als er eine Schnecke mit ihrem Haus erblickte, sein Maul breit auf und verschlang beide unter erheblichem Würgen, glaubte er doch, es handle sich um ein Ei. Die ungewöhnliche Speise lag ihm schwer im Magen und bereitete ihm Schmerzen. Da sagte er: »Mit Recht muss ich das aushalten; denn warum habe ich alles, was rund ist, als Ei angesehen?«

Die Fabel lehrt uns, dass die, welche unüberlegt etwas in Angriff nehmen, sich unversehens in Widersprüche verstricken.



Ein Hund brachte vor Gericht vor, er habe dem Schaf Brot geliehen; das Schaf leugnete alles, der Kläger aber berief sich auf drei Zeugen, die man vernehmen müsste, und brachte drei bei. Der erste dieser Zeugen, der Wolf, behauptete, er wisse gewiss, dass der Hund dem Schaf Brot geliehen habe; der zweite, der Habicht, sagte, er sei dabei gewesen; der dritte, der Geier, hieß das Schaf einen unverschämten Lügner. So verlor das Schaf den Prozess, musste alle Kosten tragen und zur Bezahlung des Hundes Wolle von seinem Rücken hergeben.

Wenn sich Kläger, Richter und Zeugen wider jemand vereinigt haben, so hilft die Unschuld nichts.



Man sagt, dass zur Zeit, als die Tiere noch sprechen konnten, das Schaf zu seinem Herrn geredet habe: »Du tust sonderbar daran, dass du uns, die wir dir Wolle, Käse und Lämmer schenken, nichts gibst, als was wir uns auf der Erde selbst suchen, dem Hunde aber, der dir nichts dergleichen gewährt, von jeder Speise mitteilst, die du selbst hast.« Als der Hund dies hörte, soll er gesagt haben: »Beim Jupiter, ich bin es ja, der dich und deine Gefährten bewacht, damit ihr nicht von Dieben gestohlen oder vom Wolfe zerrissen werdet. Denn ihr würdet, wenn ich euch nicht bewachte, nicht einmal in Ruhe weiden können.« Hierauf soll es auch das Schaf recht und billig gefunden haben, dass der Hund ihm vorgezogen wurde.



Es kam jemand zu einem Imker, als dieser nicht zu Hause war, und stahl ihm den Honig und das Wachs. Der Imker kam zurück und sah, dass die Bienenstöcke leer waren. Er blieb dort stehen und untersuchte die Bienenstöcke. Als die Bienen von ihrer Nahrungssuche zurückkamen und ihn bei den Bienenstöcken antrafen, stachen sie ihn mit ihren Stacheln und richteten ihn übel zu. Und er sagte zu Ihnen: »Ihr schrecklichen Tiere, ihr habt den, der euch euer Wachs gestohlen hat, ungeschoren gelassen, mich aber, der sich um euch kümmert, stecht ihr?«

So nehmen sich auch manche Menschen aus Unkenntnis nicht vor ihren Feinden in acht, stoßen aber ihre Freunde von sich, als ob sie ihnen Übles tun wollten.



Als eine Mutter das Orakel wegen ihres Sohnes, der noch ein Kleinkind war, befragte, sagten ihr die Seher voraus, dass er von einem Raben getötet werde. Deshalb ließ sie einen sehr großen Kasten bauen, worin sie den Jungen einsperrte. So sorgte sie dafür, dass er nicht von einem Raben getötet wurde. Und sie machte es sich zur Gewohnheit, den Kasten zu festgelegten Zeiten zu öffnen und ihrem Kind die erforderliche Nahrung zu reichen. Als sie den Kasten einmal öffnete und den Deckel rasch wieder schloss, bückte sich der Junge unerwartet. So geschah es, dass der »Rabe« (der Riegel) des Kastens gegen die Stirn des Jungen stieß und ihn tötete.

Die Geschichte veranschaulicht, dass man sich einer Weissagung nicht entziehen kann.

Anmerkung: Das griechische Wort »Korax« für »Rabe« bezeichnet nicht nur den Vogel, sondern auch den »Riegel«.



Ein Junge jagte draußen vor der Mauer Heuschrecken. Er fing sie in großer Zahl. Als er einen Skorpion sah, hielt er ihn für eine Heuschrecke. Er streckte die Hand nach ihm aus und war im Begriff, im selben Augenblick zuzupacken. Der Skorpion streckte seinen Stachel nach oben und sagte: »Wenn du dies tust, dann fürchte ich, wirst du nicht nur die Heuschrecken, die du gesammelt hast verlieren.«

Diese Geschichte lehrt uns, dass man sich nicht allen Guten und Bösen auf dieselbe Weise nähern darf.



Ein Glatzkopf trug beim Reiten eine Perücke. Der Wind blies sie ihm vom Schädel; und die Zuschauer lachten. Er hielt an und sagte: Wäre es ein Wunder, wenn mir fremdes Haar entflieht, wenn es auch den verlassen hat, mit dem es geboren wurde?«

So soll sich niemand über Ungemach beklagen, denn was der Sterbliche nicht von der Natur empfing, bleibt ihm nicht, und nackt sind wir alle zur Welt gekommen, und nackt werden wir sie verlassen.



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In irgendeinem Haus gab es viele Mäuse. Ein Kater erfuhr davon und kam dorthin, fing eine nach der anderen und fraß sie auf. Als die Mäuse aber zunehmend weniger wurden, zogen sie sich in ihre Löcher zurück, und weil der Kater nicht mehr an sie herankommen konnte, erkannte er, dass er sie nur mit einer List herauslocken könne. Deshalb kletterte er auf eine Holzstange, ließ sich von dort herunterhängen und tat so, als ob er tot sei. Eine der Mäuse wagte sich hervor, und als sie den Kater sah, sagte sie: »Mein Lieber, auch wenn du jetzt ein leerer Sack geworden bist, werde ich nicht zu dir heraus kommen.«

Die Geschichte zeigt, dass sich vernünftige Menschen nicht mehr durch Vortäuschung falscher Tatsachen beeindrucken lassen, wenn sie die Bosheit gewisser Leute erfahren.
haben.



Ein furchtsamer alter Mann hatte einen einzigen Sohn, der vortrefflich war. Den sah er in seinen Träumen, wie er, zur Jagd gehend, von einem Löwen getötet wurde. Aus Angst, der Traum könnte Wahrheit werden, baute der Alte ein hübsches Landhaus; dort brachte er seinen Sohn hin und stellte ihn unter Bewachung. Um den Sohn zu vergnügen, ließ er in dem Hause viele Arten von Tieren an die Wände malen, darunter auch einen Löwen. Doch je mehr der Sohn hinsah, um so größer wurde seine Betrübnis. Schließlich stellte er sich in die Nähe des Löwen und sagte: »Du böses Tier, deinetwegen und wegen des falschen Traumes meines Vaters wurde ich in diesem Hause eingesperrt wie in einem Gefängnis; was soll ich mit dir machen?« Und während er das sagte, schlug er mit der Faust auf die Wand, um den Löwen zu blenden. Da geriet ihm ein Splitter in den Finger und bewirkte dadurch eine Entzündung und Schwellung, Fieber kam hinzu und beförderte ihn alsbald zum Tode. So erledigte der Löwe den Knaben, ohne dass dem Vater seine List etwas nützte.

Die Fabel beweist, dass niemand seinem Schicksal zu entgehen vermag.



Als ein Köhler, der in seinem Haus arbeitete, einen Walker sah, der im Nebenhaus wohnte, forderte ihn auf, mit ihm zusammenzuwohnen, und sagte zu ihm, dass sie sich auf diese Weise näher kommen und billiger leben könnten, wenn sie nur eine Wohnung hätten. Der Walker ergriff das Wort und sagte: »Für mich ist das leider ganz unmöglich. Denn was ich weiß mache, wirst du wieder schwarz machen.«

Die Geschichte zeigt, dass alles, was ungleich ist, nicht verbunden werden kann.



Ein Kranker wurde von seinem Arzt gefragt, wie es ihm gehe. Da sagte er, er schwitze mehr als nötig. Der Arzt sagte, dass dies gut sei. Als er ein zweites Mal gefragt wurde, wie er sich fühle, antwortete er, er leide unter Schüttelfrost. Da sagte der Arzt wieder, das dies gut sei. Als er zum dritten Mal erschien und ihn über seine Krankheit befragte, sagte der Kranke, er leide unter Durchfall. Auch da sagte jener, das sei gut so, und zog sich zurück. Als aber einer seiner Verwandten zu ihm kam und sich nach seinem Befinden erkundigte, sagte er: »Ich gehe an lauter guten Befunden zugrunde.«

So werden viele Menschen von ihren Angehörigen dem äußeren Anschein nach für die Dinge glücklich gepriesen, unter denen sie selbst am meisten leiden.



Ein Krebs stieg aus dem Meer und lebte allein an einem Strand. Als ein hungriger Fuchs ihn sah und nichts zu fressen hatte, lief er zu ihm hin und packte ihn. Kurz bevor er gefressen wurde, sagte der Krebs: »Ja, es geschieht mir ganz recht, weil ich als Meeresbewohner Landbewohner werden wollte.«

So ist es auch bei den Menschen, die ihre vertrauten Tätigkeiten aufgeben, das verfolgen, was nicht zu ihnen passt, und dadurch natürlich in ein Unglück geraten.



Ein Feigling musste in den Krieg ziehen. Als aber die Raben krächzten, stellte er seine Waffen zur Seite und verhielt sich still; dann nahm er sie wieder auf und zog aufs neue los. Und als auch diesmal die Raben krächzten, hielt er wieder inne und sagte endlich: »Ihr mögt krächzen, so laut ihr nur könnt; mich werdet ihr jedenfalls nicht zu fressen bekommen.«

Die Fabel bezieht sich auf sehr feige Leute.



Ein Mann pflegte bei Nacht heimlich eine Dame zu besuchen und mit ihr zu huren. Sie verabredete als Erkennungszeichen mit ihm, dass er vor dem Tor wie ein kleines Hündlein bellen solle, worauf sie ihm die Tür öffnen würde: das tat er auch jedes Mal. Ein Anderer sah ihn abends jenes Weges gehen, und da er ihn als Spitzbuben kannte, folgte er ihm eines Nachts heimlich in einigem Abstand. Der Hurer ging nichts ahnend an das Tor und tat wie gewöhnlich; der ihm folgte, nahm alles wahr und ging wieder nach Hause. In der folgenden Nacht erhob er sich zuerst, ging zu der zur Hurerei bereiten Dame und bellte wie ein Hündchen. In der festen Meinung, es sei ihr Liebhaber, löschte sie ihr Licht, damit sie niemand sähe, und öffnete die Tür. Er ging hinein und schlief mit ihr. Nach kurzer Zeit erschien auch ihr voriger Buhler und bellte draußen wie gewöhnlich wie ein kleiner Hund. Der Mann aber, der schon drinnen war, hörte, wie der da draußenv wie ein Hündchen bellte, und antwortete drinnen mit lautem Gebell wie ein riesengroßer Hund. Da begriff der draußen, dass schon einer drinnen war, der größer war als er, und zog wieder ab.



Ein Löwe, ein Esel und ein Fuchs schlossen sich zusammen und gingen gemeinsam aufv die Jagd. Als sie viel Beute gemacht hatten, befahl der Löwe dem Esel, unter ihnen die Beute zu teilen. Nachdem er sie in drei Teile geteilt hatte und ihn gebeten hatte, seine Auswahl zu treffen, geriet der Löwe in Zorn, ging auf ihn los und fraß ihn auf. Dann befahl er dem Fuchs zu teilen. Der Fuchs legte alles zusammen auf einen einzigen Haufen, legte für sich selbst nur einen ganz kleinen Teil beiseite und forderte den Löwen auf zu wählen. Als der Löwe ihn fragte, wer ihm gelehrt habe, so zu teilen, erwiderte der Fuchs: »Das unglückliche Geschick des Esels.«

Die Geschichte veranschaulicht, dass das Unglück der Mitmenschen für die anderen Menschen eine Mahnung bedeutet.



Ein Löwe und ein Esel schlossen ein Bündnis und gingen gemeinsam auf die Jagd. Sie kamen zu irgendeiner Höhle, in der sich wilde Ziegen befanden. Der Löwe legte sich am Eingang auf die Lauer, bis sie herauskamen, der Esel trat in die Höhle ein, rannte auf sie los und blähte sich mächtig auf, weil er sie erschrecken wollte. Als der Löwe die meisten Ziegen gefangen hatte, kam der Esel heraus und wollte von ihm wissen, ob er anständig gekämpft und die Ziegen mit Erfolg gejagt habe. Da erwiderte der Löwe: »Ja, du sollst wirklich wissen, dass auch ich Angst vor dir bekommen hätte, wenn ich nicht wüsste, dass du nur ein Esel bist!«

So ernten auch die Menschen, die sich vor den Wissenden besonders aufspielen, natürlich nur Gelächter.



Ein Löwe und ein Bär fanden einmal ein Rehkitz und stritten sich um die Beute. Sie fielen mit furchtbarer Gewalt übereinander her. Dann wurde es ihnen vor Anstrengung ganz schwindlig, und sie brachen halbtot zusammen. Ein Fuchs kam gerade vorbei, und als er sah, dass sie völlig erschöpft am Boden lagen und das Rehkitz in der Mitte kauerte, holte er sich dieses und verschwand. Die beiden Kämpfer, die sich noch nicht erheben konnten, riefen: »Wir Unglücklichen, dass wir uns für einen Fuchs so abgequält haben!«

Die Geschichte veranschaulicht, dass jene sich aus gutem Grund ärgern, die mit ansehen müssen, wie jemand, der zufällig vorbeikommt, den Gewinn aus ihren Anstrengungen zieht.



Ein Löwe irrte an einem Strand umher, als er einen Delphin sah, der ihm zuschaute. Er forderte diesen auf, ihm zu helfen. Er sagte, es füge sich besonders gut, wenn sie Freunde würden und sich gegenseitig Hilfe leisteten. Denn der Delphin sei der Herrscher über die Meerestiere, er selbst sei König der Tiere auf dem Land. Als der Delphin freudig zustimmte, rief der Löwe nicht viel später den Delphin zu Hilfe, weil er einen Kampf gegen einen wilden Stier zu bestehen hatte. Aber als jener, obwohl er es wollte, nicht aus dem Meer steigen konnte, warf ihm der Löwe vor, er sei ein Verräter. Da antwortete der Delphin: »Mach mir doch keine Vorwürfe, sondern eher meiner Natur, die mich zu einem Meerestier hat werden lassen und mich nicht auf das Land gehen lässt.«

Aber es ist notwendig, dass auch wir, wenn wir Freundschaft schließen, solche Menschen zu Helfern wählen, die uns in Gefahren beistehen können.



Zur Sommerzeit, da die Hitze einen Durst leiden lässt, kamen ein Löwe und ein Eber gleichzeitig zu einem kleinen Quell, um daraus zu trinken. Sie stritten darum, wer zuerst trinken sollte, und darüber kam es zwischen ihnen zum Kampf auf Leben und Tod. Als sie voneinander abließen, um sich zu verschnaufen, sahen sie plötzlich, wie Aasgeier   dasaßen und warteten, welcher von ihnen wohl fiele, um ihn dann zu fressen. Da gaben sie ihren Zwist auf und sprachen: »Besser, dass wir Freunde werden als Futter für Geier und Raben.«

So ist es schön, Streit und Zwist beizulegen, wenn sie schließlich Gefahr für alle mit sich bringen.



Als ein Löwe einen Frosch quaken hörte, ging er dem Ton nach, weil er glaubte, dass es ein großes Tier sei. Dann wartete er eine kurze Zeit auf ihn. Aber als er den Frosch aus dem Tümpel herauskommen sah, ging er hin und zertrat ihn. Dann sagte er: »Niemanden soll die Stimme erschrecken, bevor er sich zeigt.«

Die Geschichte passt auf einen Mann, der über nichts mehr verfügt als über maßlose Geschwätzigkeit.



Ein Löwe stieß zufällig auf einen schlafenden Hasen und wollte ihn fressen. Inzwischen sah er aber eine Hirschkuh vorbeilaufen, ließ von jenem Hasen ab und verfolgte sie. Der Hase schreckte bei dem Lärm hoch und floh. Der Löwe verfolgte die Hirschkuh über eine weite Strecke, und weil er sie nicht erwischen konnte, kehrte er zu dem Hasen zurück. Er fand aber auch diesen nicht mehr vor, weil er ja geflohen war. Da sagte er: »Ach, das geschieht mir zu Recht. Denn ich ließ die Beute, die ich schon in den Pranken hatte, fahren und machte mir Hoffnung auf eine größere Beute!«

So geben sich manche Menschen mit maßvollem Gewinn nicht zufrieden, und weil sie sich Hoffnung auf größeren Gewinn machen, merken sie nicht, dass sie auch das, was sie in den Händen halten, verlieren.



Ein Löwe stellte einem gewaltigen Stier nach. Er wollte ihn mit Hilfe einer List überwältigen. Deshalb sagte er, er habe ein Schaf für ein Opfer geschlachtet, und lud den Stier zum Essen ein. Er wollte ihn aber, sobald er sich zu Tisch gelegt hatte, überwältigen. Als aber der Stier eingetroffen war und die vielen Schüsseln und Spieße sah, aber nirgendwo das Schaf, ging er wieder fort, ohne etwas zu sagen. Aber als ihm der Löwe deswegen Vorwürfe machte und den Grund dafür wissen wollte, warum er so einfach weggegangen sei, ohne etwas Schlimmes erlitten zu haben, sagte er: »Ja, ich tue dies nicht ohne Grund. Denn ich sehe einen Aufwand, der nicht einem Schaf, sondern einem Stier angemessen ist.«

Die Geschichte zeigt, dass die üblen Pläne der Bösen klugen Menschen nicht verborgen bleiben.



Eine Maus lief einem schlafenden Löwen über den Leib. Der Löwe schreckte hoch, war ganz verwirrt und suchte nach dem Eindringling. Ein Fuchs sah ihm aber zu und warf ihm vor, dass er als Löwe Angst vor einer Maus habe. Doch der Löwe gab zur Antwort: »Ich habe mich nicht vor der Maus in Acht genommen, sondern nur gewundert, dass jemand es wagte, einem schlafenden Löwen über den Leib zu laufen.«

Die Geschichte lehrt, dass vernünftige Menschen auch die nicht besonders bedeutsamen Ereignisse nicht übersehen.



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Eine Maus lief einem schlafenden Löwen über den Leib. Der Löwe schreckte hoch, packte sie mit seinen Pranken und schickte sich an, sie zu fressen. Als sie ihn um ihr Leben bat und sagte, sie könne ihm, wenn sie am Leben bleibe, ihre Dankbarkeit erweisen, lachte er und ließ sie laufen. Nicht viel später kam es tatsächlich dazu, dass er durch die Dankbarkeit der Maus gerettet wurde. Denn nachdem er von irgendwelchen Jägern gefangen genommen und mit einem Strick an einem Baum gebunden worden war, hörte die Maus von weitem sein Stöhnen; lief herbei, zernagte den Strick, befreite ihn und sagte: »Du hast mich damals so ausgelacht, weil du nicht annehmen konntest, von mir eine Gegenleistung zu bekommen. Jetzt sollte dir wirklich klar sein, dass es auch bei den Mäusen Dankbarkeit gibt.«

Die Geschichte veranschaulicht, dass durch die Veränderung der Umstände gerade die Mächtigen auf die Hilfe der Schwächeren angewiesen sind.



Eine Mücke kam zum Löwen und sprach: »Ich habe keine Angst vor dir, und du bist nicht stärker als ich. Worin besteht denn eigentlich deine Stärke? Du kratzest mit den Nägeln und beißest mit den Zähnen; das tut auch ein Weib, wenn es mit seinem Manne rauft. Nein, ich bin viel stärker als du, und wenn du willst, lassen wir es auf einen Kampf ankommen.« Und die Mücke blies die Schlachttrompete und stach ihn um die Nase und in das Gesicht, wo der Löwe nicht behaart war. Der Löwe wurde so wütend, dass er sich mit seinen eigenen Krallen verletzte. Die Mücke aber, da sie den Löwen besiegt hatte, blies wieder ihre Trompete, sang einen Siegpaean und flog davon. Alsbald aber verfing sie sich in einem Spinnennetz und wurde aufgefressen, wobei sie noch schmerzlich jammerte, dass sie nach siegreichem Kampf mit dem Stärksten einem so unbedeutendem Geschöpf wie einer Spinne zum Opfer fiel.

Das zielt auf Leute, die Hochstehende zu Fall bringen, aber selber von Niedrigen gestürzt werden.



Oft beschwerte sich der Löwe bei Prometheus; er habe ihn zwar groß und schön erschaffen, auch seine Kiefer mit Zähnen, seine Füße mit Klauen bewehrt und ihn zum stärksten aller Tiere gemacht. »Aber doch,« sprach er, »so gewaltig ich auch bin, habe ich doch Furcht vor dem Hahn.« Prometheus sprach: »Zu Unrecht machst du mir diesen Vorwurf, denn alles, was ich bilden konnte, hast du von mir; diese Schwäche aber liegt in deiner Seele.« Da weinte der Löwe, beschuldigte sich selbst der Feigheit und wollte schließlich sterben. Da sah er, wie der Elephant beständig mit den Ohren wedelte. »Was hast du denn,« fragte er, »dass du niemals auch für noch so kurze Zeit deine Ohren still hälst?« Der Elephant den, wie es sich eben traf, eine Mücke umschwirrte, sagte: »Siehst du das winzige Summeding da? Wenn es mir in den Gehörgang dringt, ist es aus mit mir.« Da sprach der Löwe: »Was brauch ich jetzt noch den Tod zu suchen, der ich so stark bin; bin ich doch um so viel besser daran als der Elephant, wie der Hahn die Mücke an Stärke übertrifft.«

Man sieht, wie stark die Mücke sein muss, wenn selbst der Elephant vor ihr Angst hat.



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Der Löwe, ein Schaf und andere Tiere gingen zusammen auf die Jagd. Der Löwe schwur, er wolle nach ihrer Zurückkunft alles Erbeutete mit ihnen redlich teilen. Als nun ein Hirsch in einem Sumpfe stecken blieb, wo gerade das Schaf Wache hielt, meldete es dem Löwen den Vorfall.

Der Löwe eilte herbei, erwürgte den Hirsch und teilte die Beute in vier gleiche Teile. »Der erste Teil gehört mir«, sagte er nun zu den Umstehenden, »weil ich der Löwe bin, der zweite, weil ich der Herzhafteste unter euch bin, den dritten müsst ihr mir als dem Stärksten überlassen, und den werde ich auf der Stelle erwürgen, welcher mir den vierten abspricht.« So behielt der Löwe den ganzen Hirsch, ohne dass es seine Jagdgenossen auch nur wagen durften, darüber zu klagen.

Mit einem starken Gewalttätigen gehe nicht gemeinschaftlich auf Geschäfte aus, er teilet immer zum Nachteil des Schwächeren.



Ein Löwe war alt geworden und lag krank in seiner Höhle. Alle Tiere besuchten ihren König, nur der Fuchs kam nicht. Da ergriff der Wolf die Gelegenheit, den Fuchs beim Löwen anzuschwärzen: er verachte den Gebieter aller Tiere und sei deshalb nicht einmal zu Besuch gekommen. In diesem Augenblick erschien der Fuchs. Er hatte gerade noch die letzten Worte des Wolfes gehört. Der Löwe brüllte den Fuchs an, der aber erbat sich Zeit zur Verteidigung und sprach: »Wer von allen deinen Besuchern hat dir so viel Gutes getan wie ich? In der ganzen Welt bin ich umhergeirrt, um eine Medizin für dich zu finden – und nun weiß ich sie.« Der Löwe gebot ihm, sofort das Heilmittel zu nennen. Da sagte der Fuchs: »Du musst einem lebendigen Wolf die Haut abziehen lassen und sie dir noch warm umlegen.« Und als der Wolf nun so dalag, lachte der Fuchs und sprach: »Man soll den Herrn nicht zum Zorn sondern zur Güte bewegen.«

Die Fabel zeigt, dass, wer anderen eine Falle stellt, selber hineinfällt.



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Der Magen und die Füße waren sich über ihre Wichtigkeit uneinig. Weil aber die Füße bei jeder Gelegenheit behaupteten, sie seien an Stärke dem Magen so sehr überlegen, dass sie ihn sogar trügen, antwortete jener: »Ach, ihr, wenn ich die Nahrung nicht aufnehme, dann könntet ihr auch nichts tragen.«

So ist auch im Krieg die große Masse nichts wert, wenn nicht die Feldherrn außerordentlich klug planen.

Vgl. Menenius Agrippa (Livius- Ab urbe condita 2, 32, 9-12)



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Es wurde einmal einer von einem Hund gebissen. Er machte sich auf, um einen Arzt aufzusuchen. Als ihm aber jemand sagte, er müsse das Blut mit einem Stück Brot abwischen und dem Hund, der ihn gebissen habe, vorwerfen, erwiderte er: »Aber wenn ich das tue, wird das zur Folge haben, dass ich von allen Hunden in der Stadt gebissen werde.«

So wird auch die Schlechtigkeit der Menschen angelockt und angespornt, noch mehr Unrecht zu tun.



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Ein Mann besaß ein hölzernes Götterbild, und weil er arm war, flehte er zu ihm, es möchte ihm helfen. Doch sosehr er auch flehte, er blieb doch weiter in seiner Armut. Deshalb wurde er zornig, fasste die Figur am Schenkel und warf sie an die Wand. Dabei fiel der Kopf zu Boden und zerbrach, und viel Gold floss daraus hervor. Das sammelte der Mann auf und rief: »Verdreht bist du, meine ich, und dumm! Denn solange ich dich verehrte, hast du mir nichts genützt; da ich dich aber zerschlug, belohntest du mich mit so viel Gutem.«

Wie die Fabel zeigt, hat es keinen Zweck, einem Taugenichts freundlich zu kommen; schlägt man ihn dagegen, so wird man größeren Nutzen haben.



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Ein Mann in den mittleren Jahren hatte zwei Geliebte: eine junge und eine alte. Die Ältere schämte sich, mit einem jüngeren Mann zusammen zu sein, und wenn er sie besuchte, schnitt sie ihm immer wieder seine schwarzen Haare ab. Die Jüngere aber litt darunter, einen so alten Liebhaber zu haben, und zupfte ihm allmählich seine grauen Haare aus. So kam es, dass er von beiden auf ihre Weise seine Haare ausgerupft bekam und schließlich kahl wurde.

So ist Ungleichheit überall von Nachteil.




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Jemand hatte eine Frau, die in ihrer Art allen unangenehm war. Da wollte er erfahren, ob sie sich auch gegenüber den Knechten und Mägden in ihrem Elternhaus genau so verhielt. Daher schickte er sie unter einem vernünftigen Vorwand zu ihrem Vater. Als sie nach wenigen Tagen zurückkam, fragte er sie, wie die Leute sie aufgenommen hätten. Sie antwortete: »Die Rinderhirten und die Schafhirten haben mich so seltsam angesehen.« Da sagte er zu ihr: »Ja, Frau, wenn du schon denen unangenehm warst, die am frühen Morgen ihre Herden hinaustreiben und erst spät wieder zurückkommen, was muss man dann bei jenen erwarten, mit denen du den ganzen Tag verbrachtest?«

So erkennt man oft an Kleinigkeiten das Große und an dem, was sichtbar ist, das Verborgene.



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Ein Marder fing einen Hahn. Er wollte ihn auffressen und hatte dafür eine vernünftige Begründung: Zuerst warf er ihm vor, dass er den Menschen lästig sei, weil er Nachts krähe und sie nicht schlafen lasse. Als der Hahn entgegnete, er tue dies zu deren Nutzen da er sie zu ihrer gewohnten Tätigkeit wecke, nannte der Marder einen zweiten Grund:
Du versündigst dich auch an der Natur, weil du deine Schwestern und deine Mutter besteigst.« Der Hahn sagte darauf, dass er dies auch zum Vorteil seiner Eigentümer tue; denn er sorge dafür, dass die Hühner viele Eier legten. Der Marder wusste nicht weiter und sagte:
»Wenn du auch keinen Mangel an Ausreden hast - werde ich dich deshalb etwa nicht fressen?

Die Geschichte zeigt, dass ein übler Charakter, der eine schlechte Tat begehen will, diese auch ganz offen begeht, wenn er sie nicht unter einem vernünftigen Vorwand begehen kann.




Ein Maulesel, der von der Gerste fett geworden war, hüpfte frohlockend und sprach zu sich selbst: »Das Pferd ist mein Vater, das schnellfüßige, und ich bin ihm ganz und gar gleich!« Eines Tages kam der Maulesel in eine Notlage und war gezwungen, schnell zu laufen. Als er die Strapaze hinter sich hatte, kam ihm ärgerlich zum Bewusstsein, dass sein Vater ein Esel war.

Die Fabel lehrt, dass man, auch wenn einen die Zeit zu Ansehen gebracht hat, doch seiner Herkunft nicht vergessen darf; denn unsicher ist nun einmal dieses Leben.



Ein Maulwurf – ein von Natur aus blindes Lebewesen – sagte zu seiner Mutter:
»Ich kann sehen.« Daraufhin stellte sie ihn auf die Probe, gab ihm ein Weihrauchkörnchen und fragte ihn, was dies sei. Als er sagte, es sei ein Kieselstein, erwiderte die Mutter: »Mein Kind, du hast nicht nur die Fähigkeit zu sehen verloren, sondern auch keinen Geruchssinn mehr.«

So versprechen auch manche Prahler unmögliche Dinge und werden schon durch Kleinigkeiten widerlegt.



Der Löwe zog mit dem Menschen den gleichen Weg. Da sagte der Mensch zu ihm:
»Ein mächtigeres Wesen ist der Mensch im Vergleich zum Löwen.« Der Löwe erwiderte darauf: »Das mächtigere Wesen ist der Löwe.« Und während sie so ihres Weges zogen, zeigte der Mensch auf Schmucksäulen, welche die Menschen mit Reliefs ausgestalteten; darauf stellten sie die Löwen dar, die unterlegen und den Menschen unterworfen waren. Auf den Hinweis: »Siehst du, wie die Löwen sind?« entgegnete der Löwe: »Wenn die Löwen zu modellieren verstünden, würdest du viele Menschen zu Füßen der Löwen sehen.«

Weil es gelegentlich Leute gibt, die sich wegen Leistungen rühmen, die sie nicht zu vollbringen vermögen, ist diese Fabel erzählt.



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Ein Mensch soll einmal mit einem Satyr Freundschaft geschlossen haben, und als der Winter kam und es kalt wurde, hielt der Mensch seine Hände vor seinen Mund und hauchte sie an. Als der Satyr in fragte, aus welchem Grund er dies tue, erwiderte er, dass er seine Hände wärme wegen der Kälte. Später aber wurde ihnen ein Tisch hingestellt mit einem sehr heißen Essen. Der Mensch nahm es in die Hand, führte es in kleinen Häppchen zum Mund und blies darauf. Als dann der Satyr erneut fragte, warum er dies tue, sagte er, er lasse das Essen abkühlen, da es sehr heiß sei. Da sagte jener zu ihm: »Leider kann ich die Freundschaft mit dir nicht weiter aufrechterhalten, mein Lieber, weil du aus demselben Mund das Heiße und das Kalte kommen lässt.«

Auch wir müssen die Freundschaft mit denen vermeiden, deren Verhalten nicht eindeutig ist.



Ein Armer, der Heuschrecken sammelte, fing dabei auch eine wohltönend zirpende Zikade und wollte sie töten. Doch die Zikade redete ihn an: »Warum willst du mich für nichts umbringen? Ich behellige die Ähren nicht, noch schade ich den jungen Trieben, während ich durch das Zusammenschlagen meiner Flügel und die gleichmäßige Bewegung meiner Beine angenehme Töne hervorbringe und dadurch die Wanderer erfreue. Außer meiner Stimme wirst du nichts bei mir finden.« Als der Mensch das erfahren hatte, ließ er die Zikade laufen.



Ein Mensch wollte ein Rebhuhn schlachten, als dieses aufs kläglichste bat, sein Leben zu schonen; es wolle, versprach es, aus Erkenntlichkeit eine Menge Rebhühner in seine Netze locken. »Oh, wie schlecht ist das von dir«, antwortete der Mensch, »und um so mehr will ich dich umbringen, weil du niederträchtig genug bist, um dich zu retten, deine Freunde ins Verderben zu stürzen.«

Ein edler Mensch wird nie, um sich herauszuziehen, andern Verderben bereiten.



Jemand, der einen Menschen getötet hatte, wurde von dessen Angehörigen verfolgt. Als er zum Nil gelangte, kam ihm ein Wolf entgegen. Er bekam einen Schrecken, kletterte auf einen Baum am Ufer des Flusses und versteckte sich dort. Dann sah er aber, wie eine Schlange auf ihn zukroch. Daraufhin ließ er sich in den Fluss gleiten. Dort packte ihn ein Krokodil und verschlang ihn.

Die Geschichte zeigt, dass es für diejenigen, die sich eine Blutschuld aufgeladen haben, keinen sicheren Ort gibt: weder auf der Erde, noch in der Luft, noch im Wasser.




Ein unbegabter Musiker spielte ununterbrochen in einem Haus mit gekalkten Wänden. Da seine Töne von den Wänden widerhallten, glaubte er, er spiele sehr gut. Und weil er von seiner Kunst überzeugt war, meinte er, er müsse auch öffentlich im Theater auftreten. Als er aber auf die Bühne getreten war und denkbar schlecht spielte, wurde er mit Steinen verjagt.

So geht es auch manchen Rhetoriklehrern, die in ihren Schulen etwas zu sein glauben; die sich aber, sobald sie in die Politik gehen, als unfähig erweisen.



Es kaufte sich einer einen Neger und glaubte, dessen Farbe beruhe auf Vernachlässigung seines Vorbesitzers. Er nahm ihn also mit nach Hause, wusch ihn mit Seife aller Art und versuchte, ihn mit jeder Art von Bädern weiß zu waschen. Die Farbe ließ sich aber nicht verändern, ob er auch vor lauter Mühe schier krank wurde.

Natur bleibt halt, wie sie vorher war.



Ein Nussbaum stand an einem Wege und wurde von den Vorübergehenden mit Steinen beworfen. Da sagte er seufzend zu sich selber: »Es ist mein Unglück, dass ich Jahr für Jahr mir Schelte und Schmerzen einbringe.«

Die Fabel geht auf Leute, die durch ihre eigenen Qualitäten Nachteile haben.



Ein Ochsentreiber fuhr mit einem Wagen, welcher mit Holz schwer beladen war, nach Hause. Als der Wagen im Moraste stecken blieb, flehte sein Lenker, ohne sich selbst auch nur im geringsten zu bemühen, alle Götter und Göttinnen um Hilfe an. Vor allem bat er den wegen seiner Stärke allgemein verehrten Herkules, ihm beizustehen. Da soll ihm dieser erschienen sein und ihm seine Lässigkeit also vorgeworfen haben: »Lege die Hände an die Räder und treibe mit der Peitsche dein Gespann an, zu den Göttern flehe jedoch erst dann, wenn du selbst etwas getan hast, sonst wirst du sie vergeblich anrufen.«



Ein Mann hatte einen Papagei gekauft und hielt ihn sich in seinem Hause. Ein solches Entgegenkommen nutzend, flog der Vogel auf den Herd, ließ sich da nieder und krächzte ganz wohlgemut. Die Katze, die das sah, fragte ihn, wer er denn sei und woher er komme. Der Papagei antwortete: »Der Herr hat mich neulich gekauft.«
»So, du unverschämtes Vieh«, erwiderte ihm die Katze, »obgleich du solch ein Neuankömmling bist, machst du ein derartiges Geschrei, wie es mir, die ich im Hause geboren bin, die Herrschaften niemals erlauben; vielmehr, wenn ich je so handelte, würden sie mich mit Schimpf und Schande davonjagen.« Doch der Papagei erwiderte: »Liebe Hausgenossin, mach dich nur weit weg! Über meine Stimme empfinden nämlich die Herrschaften nicht solches Missvergnügen wie über die deinige.«

Auf einen Tadelsüchtigen, der immer andern gern die Schuld zuschieben möchte, passt die Fabel recht gut.



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Der Pfau machte sich über den Kranich lustig, spottete über seine Farbe und sagte:
»Ich bin in Gold und Purpur gekleidet, du dagegen hast nichts Schönes an deinen Federn.« Doch der Kranich erwiderte: »Dafür lasse ich meine Stimme bei den Sternen erklingen und erhebe mich mit meinen Flügeln in die Himmelshöhen, während du wie ein Hahn unten mit den Hennen einhertrottest.«

Dass es besser ist, wenn einer bescheidene Kleidung trägt, aber etwas gilt, als dass einer mit seinem Reichtum protzt, aber ein ungeachtetes Dasein führt, das beweist diese Fabel.




Die Vögel beratschlagten über die Königsherrschaft. Ein Pfau verlangte, dass man ihn zum König wähle aufgrund seiner Schönheit. Als die Vögel sich anschickten, dies zu tun, sagte die Dohle: »Aber wenn uns unter deiner Herrschaft der Adler verfolgt, wie wirst du uns dann helfen?«

Die Geschichte zeigt, dass sich die Mächtigen nicht durch Schönheit, sondern durch Stärke auszeichnen.



Ein Pfau und eine Dohle stritten sich um die Vorzüge ihrer Eigenschaften. Der Pfau brüstete sich mit dem Glanz, der Farbe und der Größe seiner Federn. Die Dohle gab all dieses zu und bemerkte nur, dass alle diese Schönheiten zur Hauptsache nicht taugten - zum Fliegen. Sie flog auf, und beschämt blieb der Pfau zurück.

Sei nicht stolz auf bloß äußerliche Vorzüge.



Ein Pflüger hatte seine Zugtiere ausgespannt und brachte sie zur Tränke. Da fand aber ein hungriger Wolf auf seiner Suche nach Beute den Pflug. Zuerst leckte er am Geschirr der Stiere. Eine Zeit lang blieb er unbemerkt. Als er aber seinen Hals hineinsteckte und ihn nicht mehr herausziehen konnte, schleppte er den Pflug über den Acker. Als der Pflüger zurückkam und ihn sah, sagte er: »Du Verbrecher, könntest du doch auf deine Raubzüge und deine Untaten verzichten und dich statt dessen der Landarbeit zuwenden!«



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Nachdem ein Rabe ein Stück Fleisch gestohlen hatte, ließ er sich auf einem Baum nieder. Ein Fuchs sah ihn und wollte das Fleisch haben. Er stellte sich unter den Baum und rühmte den Raben wegen seiner Größe und Schönheit. Er fügte noch hinzu, dass ihm vor allen anderen die Herrschaft über die Vögel zustehe. Und dies könne auf jeden Fall Wirklichkeit werden, wenn er auch eine schöne Stimme habe. Als der Rabe dem Fuchs zeigen wollte, dass er auch eine schöne Stimme habe, ließ er das Fleisch fallen und begann, laut zu krächzen. Der Fuchs stürzte sich auf das Fleisch und rief: »Ach, Rabe, wenn du auch noch Vernunft besäßest, hätte deiner Herrschaft über alle nichts im Wege gestanden.«

Die Geschichte passt gut auf einen Mann ohne jede Vernunft.



Ein Rabe hatte nichts zu fressen, als er eine Schlange auf einem von der Sonne beschienenen Platz liegen sah. Er flog hinunter und packte sie. Sie drehte sich aber zu ihm hin und biss ihn. Da sagte er sterbend: »Ach, ich Unglücksrabe, der ich einen so unverhofften Fund machte, durch den ich nun auch noch mein Leben verliere!«

Diese Geschichte könnte auf einen Mann zutreffen, der sogar sein Leben aufs Spiel setzt, um einen Schatz zu finden.



Ein Räuber erschlug jemanden auf der Straße. Als er von gerade vorbeikommenden Leuten verfolgt wurde, ließ er von dem Toten ab und flüchtete mit blutenden Händen. Als ihn entgegenkommende Reisende fragten, warum er so schmutzige Hände habe, antwortete er, er sei gerade erst von einem Maulbeerbaum herabgestiegen. Und während er dies sagte, erreichten ihn seine Verfolger, packten ihn und kreuzigten ihn an einem Maulbeerbaum. Der Baum aber sprach zu dem Mörder: »Ja, es tut mir nicht leid, wenn ich zu deinem Tod beitrage. Denn du wolltest den Mord, den du selbst begangen hast, auf mich schieben.« So scheuen sich auch die eigentlich Anständigen nicht, wenn sie von manchen Leuten als Übeltäter verleumdet werden, diese hart zu bestrafen.

Vgl. dazu die ätiologische Legende bei Ovid, Met. 4, 125-127 (Pyramus und Thisbe)



Ein reicher Mann hatte ein Haus neben einem Gerber. Weil er aber den Gestank nicht ertragen konnte, versuchte er ihn zu veranlassen umzuziehen. Der Gerber aber verzögerte die Angelegenheit und sagte ständig, er werde in Kürze umziehen. Das geschah aber immer wieder. So kam es, dass sich der Reiche mit der Zeit an den Gestank gewöhnte und den Gerber nicht mehr bedrängte.

Die Geschichte veranschaulicht, dass Gewohnheit auch die unangenehmen Dinge erträglich werden lässt.



Ein reicher Mann hatte zwei Töchter. Als die eine gestorben war, mietete er Klageweiber. Die andere Tochter sagte zu ihrer Mutter: »Es geht uns wirklich schlecht, wenn wir selbst, die wir doch vom Leid betroffen sind, nicht zu klagen verstehen, während diejenigen, die gar nicht zu uns gehören, sich so heftig schlagen und klagen.« Darauf sagte die Mutter: »Wundere dich nicht, mein Kind, wenn diese Frauen so jammern. Sie tun es für Geld.«

So haben manche Menschen keine Hemmungen, aus Geldgier fremdes Unglück gegen Lohn mit zu tragen.



Der Redner Demades sprach einmal in Athen vor dem Volk. Die Leute hörten ihm aber nicht richtig zu. Da bat er sie darum, ihm zu erlauben, eine »Äsopische Fabel« zu erzählen. Sie waren damit einverstanden, und er fing an zu erzählen: »Demeter, eine Schwalbe und ein Aal hatten denselben Weg. Als sie an einen Fluss kamen, flog die Schwalbe hoch, der Aal tauchte ins Wasser.« Dann redete Demades nicht weiter. Die Leute fragten ihn: »Was ist denn mit Demeter passiert?« Er antwortete: »Sie ärgert sich über euch, weil ihr euch für die wichtigen Angelegenheiten der Stadt nicht interessiert, es aber gern zulasst, dass man euch Äsopische Fabeln erzählt.«

So sind es auch unter den Menschen die Unvernünftigen, die sich um die notwendigen Dinge nicht kümmern, sondern vorziehen, was ihnen Spaß macht.



Ein Rinderhirt hatte beim Weiden seiner Herde ein Kalb verloren. Nachdem er es gesucht, aber nicht gefunden hatte, versprach er Zeus, er werde ihm eine junge Ziege opfern, wenn er den Rinderdieb gefunden habe. Er gelangte in einen Eichenwald und sah, wie ein Löwe das Kalb fraß. Er bekam einen furchtbaren Schrecken, hob seine Hände zum Himmel und rief: »Zeus, Herr, damals versprach ich dir, eine junge Ziege zu opfern, wenn ich den Dieb gefunden hätte, jetzt aber werde ich dir einen Stier opfern, wenn ich den Klauen dieses Räubers entkomme.«

Diese Geschichte könnte über Menschen im Unglück erzählt werden, die nach einem Verlust darum beten, das Verlorene wieder zu finden, aber versuchen, ihm zu entkommen, wenn sie es gefunden haben.



Ein Rinderhirt hatte einen Ochsen verloren. Also gelobte er Zeus, wenn er den Dieb fände, wolle er den Ochsen zum Opfer darbringen. Doch als er unversehens erkennen musste, dass der Löwe es war, der seinen Ochsen verzehrte, bat er Zeus: »Ich will dir noch einen Ochsen dazu opfern, wenn ich dem Räuber entkomme.«

Ohne Überlegung soll man Gott keine Gelübde geben, sonst kommt die Reue zu ihrer Stunde.



Ein Schiffbrüchiger wurde an einen Strand gespült und schlief vor Erschöpfung ein. Aber kurze Zeit darauf stand er wieder auf, und als er das Meer sah, machte er ihm Vorwürfe, dass es die Menschen mit der Friedfertigkeit seines äußeren Erscheinungsbildes anlocke, und wenn es sie dann in seiner Gewalt habe, wild werde und sie vernichte. Daraufhin sagte das Meer in der Gestalt einer Frau zu ihm: »Ach, lieber Freund, mach mir keine Vorwürfe, sondern den Stürmen. Die Stürme aber fallen unerwartet über mich her, peitschen die Wogen auf und machen mich zu einer wilden Bestie.«

Aber auch wir dürfen bei Untaten nicht die Täter verantwortlich machen, wenn sie anderen unterstellt sind, sondern nur diejenigen, die ihnen Befehle erteilen.



Ein reicher Athener machte mit anderen Leuten eine Seereise. Da kam ein furchtbares Unwetter auf, und das Schiff kenterte. Alle anderen schwammen um ihr Leben. Aber der Athener rief ununterbrochen die Göttin Athene an und gelobte ihr unzählige Dinge, wenn er gerettet würde. Einer der anderen Schiffbrüchigen, der neben ihm schwamm, rief ihm zu: »Du darfst nicht nur zu Athene beten, du musst auch schwimmen.«

Das gilt aber auch für uns: Es ist notwendig, dass wir nicht nur die Götter um Hilfe bitten, sondern auch aus eigener Kraft etwas für uns tun.



Ein Schmied hatte ein Hündchen, das schlief, solange er am Amboss hämmerte, aber sobald er eine Frühstückspause machte, wachte es auf. Der Schmied warf ihm einen Knochen zu und sagte: »O du elendes verschlafenes Hündlein; was soll ich mit dir machen, da du so träge bist? Wenn ich auf meinen Amboss schlage, legst du dich zu Bett; wenn ich aber nur meine Zähne bewege, wachst du sogleich auf und wedelst mit dem Schwanze.«

Die Fabel richtet sich gegen Schläfrige und Träge, die zuschauen, während andere arbeiten.



In Athen wurde ein Schuldner von seinem Gläubiger aufgefordert, seine Schulden zu bezahlen. Zuerst bat er seinen Gläubiger, ihm noch etwas Zeit zu geben, indem er darauf hinwies, dass er kein Geld habe. Als er den Gläubiger aber nicht überreden konnte, holte er eine Sau – das war sein einziger Besitz – und bot sie in Gegenwart des Gläubigers zum Verkauf an. Ein Kauflustiger kam und fragte, ob die Sau auch fruchtbar sei. Der Gläubiger erwiderte, sie sei nicht nur einfach fruchtbar, sondern noch dazu auf wunderbare Weise: Am Mysterienfest werfe sie nur weibliche, an den Panathenäen nur männliche Ferkel. Als der Kauflustige über diese Worte staunte, fügte der Gläubiger hinzu: »Wundere dich nicht! Denn an den Dionysien wird sie dir auch junge Ziegen werfen.«

Die Geschichte veranschaulicht, dass viele um des eigenen Vorteils willen nicht zögern, sogar Unmögliches falsch bezeugen.



Ein Mann, der mit dem Bogen umzugehen verstand, begab sich ins Gebirge zum Jagen. Alle Tiere, die seiner ansichtig wurden, nahmen Reißaus, nur der Löwe forderte ihn zum Kampf auf. Der Schütze richtete seinen Pfeil auf den Löwen, traf ihn und sagte: »Nimm diesen meinen Boten auf und sieh ihn dir an, wie er beschaffen ist; später werde ich dann selber zu dir kommen!« Da wandte sich der Löwe, von Furcht ergriffen, zur Flucht. Als der Fuchs ihm sagte, er solle Mut beweisen und dürfe nicht fliehen, erwiderte der Löwe: »Mich wirst du nicht schwanken machen. Denn wer einen so bitteren Boten hat, den werde ich, wenn er selber erscheint, nicht ertragen können.«

Die Fabel zeigt, dass man keinesfalls denen nahe kommen darf, die einem schon von ferne schaden.



Ein Reicher hielt sich eine Gans und einen Schwan, jedoch nicht zu demselben Zweck, den letzteren vielmehr seines Gesanges wegen und jene für die Pfanne. Als nun die Zeit gekommen, da die Gans erleiden sollte, wozu sie bestimmt war, war es Nacht und darum unmöglich, die beiden Vögel in der Dunkelheit zu unterscheiden. Doch als man den Schwan anstelle der Gans ergriff, stimmte er sein Sterbelied an. So gab sein Gesang zu erkennen, wer er war, und bewahrte ihn vor dem Tode.

Die Fabel zeigt, dass oftmals die Musik einen Aufschub des Todes bewirken kann.



Die Schwäne, erzählt man, singen nur im Sterben. Als nun einmal ein Mann einen Schwan fand, der zum Verkauf stand, und hörte, dass es ein sehr musisches Tier sei, da kaufte er ihn. Bei einer Gelegenheit hatte der Mann Gäste im Haus; da ging er zu dem Schwan und bat ihn, während des Umtrunkes zu singen. Damals schwieg der Schwan stille, später jedoch, als er fühlte, dass es ans Sterben ging, sang er sein Trauerlied. Als der Herr das hörte, sagte er: »Nun, da du sonst nicht singst als nur beim Sterben, war es dumm von mir, dass ich dich seinerzeit zum Singen einlud, statt dich zu schlachten.«

So müssen auch manche Menschen wider ihren Willen ausführen, was sie freiwillig zu gewähren nicht bereit sind.



Der Schwanz stritt mit dem Kopf der Schlange und stellte die Forderung, auch er müsse anteilig die Führung haben und könne sich nicht immer nur dem Kopfe unterordnen. Als aber der Schwanz die Führung an sich gerissen hatte, brachte er sich dadurch, dass er blindlings losstürmte, selber in eine schwierige Lage und behinderte überdies den Kopf, der sich gezwungen sah, wider alle Natur blinden und stummen Körperteilen zu folgen.

Die Fabel demonstriert, dass es denen, die alles nach Gunst und Gefallen gestalten möchten, genau so ergeht.



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Ein Hund schlief vor dem Tor eines Gehöfts. Ein Wolf sah diesen, packte ihn und wollte ihn fressen. Der Hund aber bat darum, ihn für den Augenblick am Leben zu lassen, indem er sagte: »Jetzt bin ich dünn und mager, aber meine Herrschaften haben vor, Hochzeit zu feiern. Wenn du mich jetzt loslässt, wirst du mich später verspeisen können, nachdem ich fett geworden bin.« Dem Wolf leuchtete dies in dem Moment ein und er ließ ihn laufen. Nach einigen Tagen kam er zurück. Als er ihn dann im Haus schlafen sah, forderte er ihn auf zu kommen, wobei er ihn an die Vereinbarung erinnerte. Der Hund aber erwiderte: »Ach, Wolf, wenn du mich nächstes Mal vor dem Tor schlafen siehst, brauchst du nicht mehr auf die Hochzeit warten.«

So nehmen sich die vernünftigen Menschen später in acht, wenn sie einer Gefahr entronnen sind.



Es war da ein ganz miserabler Arzt. Als alle anderen Ärzte einem Kranken versicherten, er sei nicht in Gefahr, sondern könne mit seinem Leiden alt werden, sagte er als einziger: »Bestelle dein Haus, denn den morgigen Tag wirst du nicht überleben«, und damit ging er weg. Nach einiger Zeit aber stand der Kranke auf und ging vors Haus, noch ganz bleich und nur mühsam laufend. Da traf ihn jener Arzt, der grüßte ihn und fragte: »Wie sieht es denn da drunten aus?« Der antwortete: »Die Leute da sind ganz ruhig, denn sie haben ja Lethe*-Wasser getrunken. Unlängst aber stießen der Tod und Hades schreckliche Drohungen gegen die Ärzte aus, weil sie die Kranken nicht sterben lassen, und sie haben gegen alle Ärzte Strafanzeige erstattet. Sie wollten auch dich anzeigen, aber ich habe heftigen Einspruch erhoben und sie ins Unrecht gesetzt: ich legte nämlich einen Eid ab, dass du gar kein Arzt bist, sondern grundlos verleumdet worden bist.«

Die Fabel überführt grobschlächtige und ungeschickte Ärzte und prangert sie an.

Lethe: griech. "Vergessen"   griech. Sage: Strom in der Unterwelt, aus dem die Seelen der Verstorbenen Vergessen trinken



Ein Seher saß auf einem Markt und sammelte Geld. Als jemand unerwartet zu ihm kam und ihm berichtete, dass die Türen seines Hauses offen stünden und alles drinnen ausgeplündert sei, sprang er erschrocken auf und rannte jammernd los, um zu sehen, was geschehen war. Als einer der Vorbeikommenden ihn so sah, sagte er: »Lieber Freund, du prahlst damit, die Ereignisse, die andere Menschen betreffen, vorauszusehen, wo du doch nicht einmal das, was bei dir passiert, vorhersagen kannst!«

Diese Geschichte könnte man auf jene Menschen übertragen, die ihr eigenes Leben schlecht im Griff haben und versuchen, für die Dinge, die sie eigentlich gar nichts angehen, Vorsorge zu treffen.



Ein Seemann, so wird erzählt, hatte einen Sohn, den wollte er in der Grammatik ausbilden lassen. Also steckte er ihn in eine Schule, ließ ihm hinreichend Zeit und ermöglichte ihm eine vollständige Grammatikausbildung. Da sprach der junge Mann zu seinem Vater: »Sieh, lieber Vater, jetzt habe ich die ganze Grammatik genau durchstudiert; doch nun möchte ich auch die Rhetorik studieren.«

Das gefiel dem Vater, er gab ihn wieder in die Schule, und der junge Mann wurde ein vollkommener Rhetor. Als seine Zeit vorbei war, aßen sie im Hause zusammen, Vater, Mutter und Sohn, und der junge Mann berichtete seinen Eltern, dass er in der Grammatik und Rhetorik perfekt sei. Da wandte sich der Seemann an seinen Sprössling: »Über die Rhetorik habe ich gehört, dass sie, wie der selige Aptaistos schreibt, das Schatzkästlein aller Künste ausmacht. So gib uns eine Probe dieser Kunst!«  »Indem ich dieses Huhn so teile, wie es die Rhetorik befielt, werde ich euch demonstrieren, dass die Rhetorik tatsächlich gewichtiger ist als die anderen Künste.« Dann teilte er das Huhn und sagte: »Dir, Vater, werde ich den Kopf geben, weil du das Oberhaupt des Hauses bist und über uns alle gebietest. Dir, Mutter, weise ich die Füße zu; denn du bist den ganzen Tag im Hause auf den Beinen und hast viel zu schaffen; ohne die Füße wärest du all dem nicht gewachsen. Dieser toter Körper aber, der nicht viel wert ist, verbleibt für mich, damit auch ich etwas für mein vieles Studieren abbekomme.« Nach diesen Worten begann er das Huhn zu verspeisen. Doch der Vater wurde böse, riss das Huhn weg und machte zwei Teile daraus. »Ursprünglich«, sagte er, »wollte ich dieses Huhn nicht selber teilen. Jetzt aber möchte ich, dass die eine Hälfte ich selber und die andere deine Mutter isst; du aber kannst essen, was du mit deiner Rhetorik zustande gebracht hast.«

So ergeht es denen, die mit Betrug und hinterlistigen Reden durchs Leben kommen möchten.



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Jemand besaß einen Malteserhund und einen Esel, und er spielte dauernd freundlich mit seinem Hund. Immer wenn er nicht zu Hause aß, brachte er dem Hund etwas mit und warf es ihm vor, sobald er angerannt kam und mit dem Schwanz wedelte. Der Esel aber wurde neidisch, kam auch angelaufen, sprang freudig hin und her, traf aber seinen Herrn mit seinen Hufen. Das ärgerte den Mann, und er befahl, den Esel zu verprügeln, ihn fortzuschaffen und an seine Krippe zu binden.

Die Geschichte zeigt, dass nicht alle für alles geschaffen sind.



Jemand hatte einen Hermes aus Holz geschaffen, brachte ihn auf den Markt und wollte ihn verkaufen. Als aber kein Käufer kam, wollte er irgendwelche Leute anlocken und rief, er habe einen wohltätigen und Gewinn versprechenden Gott zum Verkauf. Da sagte einer der Vorübergehenden zu ihm: »Ja, mein Freund, warum verkaufst du denn einen solchen Wohltäter, wo es doch nahe läge, dass du selbst seinen Nutzen genießt?« Der Verkäufer antwortete: »Weil ich etwas brauche, was mir einen schnellen Nutzen verschafft, er mir aber nur langsam Gewinn zu verschaffen gewohnt ist.«

Das passt auf einen geldgierigen Menschen, der noch dazu die Götter missachtet.



Ein Stier wurde von einem Löwen verfolgt. Er flüchtete in eine Höhle. Dort befanden sich wilde Ziegen. Als er von ihnen getreten und gestoßen wurde, sagte er: »Ich halte dies aus, nicht etwa weil ich euch fürchte, sondern den, der vor dem Eingang der Höhle steht.«

So ertragen viele aus Angst vor Stärkeren sogar die Quälereien, die von Geringeren ausgehen.



Ein Kalb zeigte einem Stier, der sich in einem engen Zugang durch seine Hörner abmühte, weil er den Stall kaum betreten konnte, wie er sich wenden sollte. Er sagte: »Schweig! Ich wusste dieses schon bevor du geboren wurdest.«



Ein Thunfisch wurde von einem Delphin verfolgt und floh in großer Eile. Als er eingeholt zu werden drohte, entkam er noch im letzten Augenblick durch einen Sprung an den Strand. Der Delphin setzte ihm mit derselben Geschwindigkeit nach und wurde ebenso wie der Thunfisch aus dem Wasser geschleudert. Als der Thunfisch dies sah, wandte er sich dem Delphin zu, den das Leben schon verließ, und sagte: »Jetzt fällt es mir nicht mehr schwer zu sterben. Denn ich sehe, dass derjenige, der meinen Tod verschuldet hat, mit mir gemeinsam zugrunde geht.«

Die Geschichte zeigt, dass die Menschen ihr Unglück leicht ertragen, wenn sie sehen, dass auch diejenigen unglücklich sind, die ihr Unglück verursacht haben.



Einer hatte von seinem Freunde Geld zur Verwahrung übernommen und trachtete danach, ihn zu betrügen. Als der Freund nun jenen zur Eidesleistung vor Gericht lud, scheute der sich davor und zog über Land. Am Tor angelangt, erblickte er einen lahmen Mann, der ebenfalls hinausging; den fragte er, wer er sei und wohin sein Weg führe. Als der Angesprochene erwiderte, er sei Horkos, der Gott des Eides, und sei hinter den Meineidigen her, fragte er weiter, wie oft er denn in die Städte zu kommen pflege. »Alle vierzig, manchmal auch nur alle dreißig Jahre«, war die Antwort. Da zögerte der Mann nicht länger, sondern legte am nächsten Tag den Eid ab, dass er das Geld nicht in Empfang genommen habe. Dadurch dem Horkos verfallen und von diesem zur Richtstätte geführt, beschuldigte er den Gott, dieser habe behauptet, nur alle dreißig Jahre zu kommen, und jetzt lasse er ihn nicht einmal einen Tag straflos. Doch Horkos fiel dem Sprecher ins Wort: »Du solltest wissen, wenn mir einer gar zu beschwerlich wird, dann komme ich für gewöhnlich noch am selben Tag.«

Die Fabel zeigt, dass kein Termin gesetzt ist, wann Gott die Frevler für ihre Übeltaten bestrafen wird.



Ein Trompeter, der das Heer zu versammeln pflegte, war von den Feinden gefangen genommen worden. Da erhob er ein lautes Geschrei: »Ihr Männer, tötet mich nicht ohne Sinn und Zweck! Keinen von euch nämlich habe ich umgebracht, und außer diesem Metall habe ich keinen andern Besitz.« Die jedoch erwiderten ihm: »Gerade darum wirst du sterben, weil du, ohne selbst kämpfen zu können, die andern zur Schlacht aufrufst!«

Die Fabel zeigt, dass diejenigen die größere Sünde begehen, welche die bösen und schlimmen Herrscher zu Übeltaten anspornen.



Ein verschwenderischer Jüngling hatte sein väterliches Erbe verprasst. Es war ihm nur noch ein Mantel geblieben. Als er eine Schwalbe sah, die allerdings viel zu früh erschienen war, glaubte er, es sei schon Sommer. Als ob er den Mantel nicht mehr brauchte, nahm er ihn mit und verkaufte ihn. Als es aber später wieder Winter wurde und heftiger Frost aufkam, und als er sah, dass die Schwalbe tot am Boden lag, lief er um sie herum und sagte zu ihr: »Ach, du Arme, du hast sowohl mich als auch dich umgebracht.«

Die Geschichte zeigt, dass alles, was zur Unzeit getan wird, riskant ist.



Ein Hirtenjunge brüllte aus Langeweile laut "Wolf!". Als ihm daraufhin Dorfbewohner aus der Nähe zu Hilfe eilten, fanden sie heraus, dass falscher Alarm gegeben wurde und sie ihre Zeit verschwendet hatten. Und dies trieb der Hirte noch einige Male. Als seine Herde dann aber wirklich vomm Wolf bedroht wurde, nahmen die Dorfbewohner seine Hilferufe nicht mehr ernst und der Wolf fraß die ganze Herde.

Diese Fabel zeigt: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht und wenn er auch die Wahrheit spricht!



Ein Vater hatte zwei Töchter. Die eine gab er einem Bauern, die andere einem Töpfer zur Frau. Nach einiger Zeit kam er zu der Frau des Bauern und fragte sie, wie es ihr gehe und wie die Dinge bei ihnen stünden. Sie antwortete, es fehle ihnen an nichts. Sie bitte die Götter nur darum, dass es Winter werde und zu regnen anfange, damit das Gemüse bewässert werde. Nicht viel später kam er auch zur Frau des Töpfers und fragte sie ebenso, wie es ihr gehe. Auch sie sagte, es fehle ihr eigentlich nichts, sie bete nur darum, dass das Wetter gut bleibe und die Sonne scheine, damit der Ton trocken werde. Da sagte der Bauer zu seiner Tochter: »Wenn du um schönes Wetter bittest, deine Schwester aber um Winterregen, mit welcher von euch soll ich dann mitbeten?«

So geht es auch denjenigen, die zur selben Zeit Dinge tun, die unvereinbar sind: Sie nehmen natürlich in jedem Fall Schaden.



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Ein Löwe hatte sich in die Tochter eines Bauern verliebt. Er freite um sie. Der Bauer wollte seine Tochter dem wilden Tier nicht geben, aber aus Angst konnte er ihm seinen Wunsch nicht verweigern. Deshalb fasste er folgenden Plan: Als der Löwe ihn ständig bedrängte, sagte er, er meine zwar, dass er ein seiner Tochter würdiger Bräutigam sei. Aber er könne sie ihm nur dann geben, wenn er seine Zähne ziehe und seine Krallen abschneide. Denn das junge Mädchen fürchte diese. Als der verliebte Löwe ohne weiteres beiden Wünschen entgegenkam, hatte der Bauer keine Angst mehr vor ihm, und als der Löwe zu ihm kam, verprügelte und verjagte er ihn.

Die Geschichte zeigt, dass alle allzu vertrauensseligen Menschen sich jenen ausliefern, denen sie vorher Angst einflößten, wenn sie selber auf die Mittel verzichten, auf denen ihre Überlegenheit beruhte.



Ein Wolf war von Hunden gebissen worden, lag krank am Boden und konnte sich selbst keine Nahrung verschaffen. Und da sah er ein Schaf. Er bat es, ihm einen Schluck Wasser aus dem Fluss zu bringen, der in der Nähe vorbeifloss. Er sagte zu ihm: »Wenn du mir nämlich einen Schluck Wasser reichst, werde ich mir selbst Nahrung suchen können.« Das Schaf entgegnete ihm: »Wenn ich dir den Schluck reiche, wirst du auch mich noch auffressen.«

Die Geschichte passt gut auf einen Übeltäter, der jemandem mit Heuchelei eine Falle stellt.



Ein Vogel fand die Eier einer Schlange. Er hielt sie mit aller Fürsorge warm und brütete sie aus. Eine Schildkröte sah ihm zu und sagte: »Du Dummkopf, warum ziehst du diese Tiere auf, die, wenn sie groß geworden sind, an dir ihre erste Untat begehen?«

So wenig wird die böse Tat verziehen, auch wenn daraus die größten Wohltaten erwachsen.



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Der Vogelfänger bereitete Netze für Kraniche aus und wartete in einiger Entfernung auf den Fang. Nachdem aber ein Storch gemeinsam mit den Kranichen in das Netz geraten war, eilte der Vogelfänger herbei und erwischte neben Kranichen auch noch den Storch. Dieser bat darum, ihn fliegen zu lassen, und sagte, er sei nicht nur unschädlich für die Menschen, sondern sogar sehr nützlich, denn er fange die Schlangen und die übrigen Kriechtiere und fresse sie auf. Der Vogelfänger erwiderte: »Gut, auch wenn du im Grunde nicht schlecht bist, verdienst du doch deswegen Strafe, weil du dich zu Übeltätern gesellt hast.«

Aber es ist notwendig, dass auch wir den Umgang mit Übeltätern meiden, damit wir nicht den Anschein erwecken, an deren Schlechtigkeit teilzuhaben.



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Ein Vogelfänger stellte ein Fangnetz für Vögel auf. Eine Haubenlerche sah im zu und fragte ihn, was er da tue. Als er ihr gesagt hatte, er gründe eine Stadt, und ein Stück zurückgetreten war, vertraute sie seinen Worten, flog heran, fraß den Köder und verfing sich unversehens in den Schlingen. Als der Vogelfänger herbeigelaufen kam und sie packte, sagte die Haubenlerche: »Ach du, wenn du solche Städte gründest, wirst du nicht viele Besucher finden.«

Die Geschichte zeigt, dass Dörfer und Städte dann vor allem verlassen werden, wenn die Regierenden schwer zu ertragen sind.



Ein Vogelsteller nahm Leim und Schilfrohre und ging auf die Jagd. Dann sah er eine Drossel auf einem hohen Baum sitzen und wollte sie fangen. Er fügte also die Schilfrohre zu einer langen Stange zusammen und schaute ganz angespannt nach oben. Während er auf  diese Weise nach oben blickte, trat er aus Versehen auf eine schlafende Natter, die sich herumdrehte und ihn biss. Sterbend sprach er zu sich selbst: »Ach, ich Unglücklicher. Ich wollte einen anderen jagen und merkte nicht, dass ich selbst in den Tod gejagt wurde.«

So geraten diejenigen, die ihren Mitmenschen eine Falle stellen, vorher selbst ins Unglück.



Der Vogelfänger erhielt zu später Stunde Besuch, und weil er nicht wusste, was er ihm vorsetzen sollte, machte er sich an sein zahmes Rebhuhn und traf Anstalten, es zu schlachten. Das Rebhuhn zieh ihn deshalb der Undankbarkeit, denn er habe ja von ihm großen Nutzen gehabt, weil es seine Stammesgenossen herausgelockt und ihm übergeben habe, und jetzt wolle er ihm selber ans Leben! Doch der Vogelfänger erwiderte: »Gerade darum werde ich dich um so eher schlachten, weil du nicht einmal vor deinen Stammesgenossen haltmachst.«

Die Fabel zeigt, dass die, welche ihre eigenen Leute verraten, nicht nur von denen gehasst werden, die durch sie Unrecht leiden, sondern auch von denen, für die sie Verrat üben.



Hermes fuhr einstens mit einem Wagen, der mit Lügen, Hinterlist und Betrug beladen war, über Land und verteilte an jedem Orte ein bisschen von seiner Last. Als er aber ins Araberland kam, so erzählt man sich, schüttete der Wagen plötzlich um. Die Araber raubten die vermeintlich wertvolle Ladung und verhinderten so, dass sie zu den anderen Menschen gelangte.

Die Araber sind nämlich die allerschlimmsten Lügner und Betrüger; in ihren Reden gibt es keine Wahrheit.



Ein Wanderer, der sich auf einer weiten Reise befand, gelobte, dass er von allem, was er finde, die Hälfte dem Hermes überlassen werde. Er stieß auf einen Ranzen, in dem sich Mandeln und Feigen befanden. Er nahm ihn an sich, weil er glaubte, es sei Geld darin. Daraufhin schüttete er ihn aus, und als er gefunden hatte, was er enthielt, aß er dies auf, nahm die Schalen der Mandeln und die Kerne der Feigen, legte sie auf irgendeinen Altar und sprach: »Hiermit hast du, was ich gelobt habe. Denn sowohl das, was im Innern meines Fundes war, als auch das, was außen war, habe ich mit dir geteilt.«

Die Geschichte passt gut zu einem Menschen, der aus Habsucht sogar die Götter betrügt.



Ein Wanderer war im Winter unterwegs, als er eine Schlange sah, die vor Kälte erstarrt war. Er hatte Mitleid mit mir, nahm sie in die Hand, legte sie unter sein Kleid und versuchte, sie zu wärmen. Solange sie durch die Kälte gelähmt war, blieb sie friedlich. Als sie aber wieder warm geworden war, grub sie sich mit ihren Giftzähnen in seinen Bauch. Der Mann aber sagte sterbend: »Das geschieht mir zu Recht. Denn warum habe ich die Schlange vor dem Tod bewahrt, von der doch zu erwarten war, dass sie mich, sobald sie wieder zu Kräften kommt, umbringt?«

Die Geschichte zeigt, dass der Übeltäter; wenn er Gutes erfährt, nicht nur darauf verzichtet, sich erkenntlich zu zeigen, sondern sich sogar gegen seine Wohltäter erhebt.



Ein Wanderer zog durch die Wüste und begegnete in dieser Einsamkeit einer Frau, welche gesenkten Hauptes dastand. Redete er sie an: »Wer bist du?« Antwortete sie ihm: »Ich bin die Wahrheit.« - »Und weshalb hast du die Stadt verlassen und hausest in der Wüste?« Erwiderte ihm jene: »In alten Zeiten wohnte die Lüge nur bei wenigen. Jetzt aber findest du sie bei allen Menschen, wenn du nur etwas hören oder sagen willst.«

Ein elendes, erbärmliches Leben führen die Menschen wenn sie der Lüge den Vorzug vor der Wahrheit geben.



Ein Wanderer hatte schon einen weiten Weg zurückgelegt. Als er völlig erschöpft war, ließ er sich neben einen Brunnen fallen und schlief ein. Als er fast schon hineinzufallen drohte, trat das Schicksal zu ihm hin, weckte ihn und sprach: »Mein Lieber, wenn du hineingefallen wärst, hättest du nicht deine eigene Dummheit, sondern mich beschuldigt.«

So machen viele Menschen, die durch eigenes Verschulden ins Unglück geraten, die Götter dafür verantwortlich.



Ein wilder Hund fror im Winter jämmerlich. Er kroch in eine Höhle, rollte sich zusammen, zitterte vor Kälte und sprach vor sich hin: »Wenn es nur wieder Sommer und warm wird, dann will ich mir eine Hütte bauen, damit ich im nächsten Winter nicht mehr frieren muss.« Als aber der Sommer mit seiner wohltuenden Wärme kam, hatte er seine guten Vorsätze vergessen. Er lag da, reckte und streckte sich, blinzelte behaglich in die Sonne und dachte nicht mehr daran, sich eine Hütte zu bauen. Der nächste Winter war bitter kalt, und der Hund musste erfrieren.



Ein wilder Esel sah einen zahmen Esel auf einem von der Sonne beschienenen Platz stehen. Er ging zu ihm hin und beglückwünschte ihn wegen seines guten körperlichen Zustands und seiner vorzüglichen Lebensbedingungen. Später aber sah er, wie dieser eine schwere Last tragen musste und ein Eselstreiber hinter ihm herging und ihn mit dem Stock schlug. Da sagte er zu ihm: »Ach, jetzt beglückwünsche ich dich nicht mehr. Denn ich sehe, dass du nicht ohne große Nachteile im Überfluss lebst.«
So sind die Vorteile, die man nur unter Gefahren und Schmerzen gewinnt, nicht erstrebenswert.



Der Wind und die Sonne stritten darum, wer die größere Macht habe. Sie vereinbarten nun, dass derjenige der Sieger sei, der es schaffe, einen Wanderer auszuziehen. Der Wind machte den Anfang und blies heftig. Als sich der Mensch aber mit seiner Kleidung zu schützen versuchte, blies er noch heftiger. Der Mensch litt dann noch mehr unter der Kälte und zog sich wärmer an, bis der Wind es aufgab und der Sonne das Feld überließ. Von der Sonne ging zuerst eine ganz maßvolle Wärme aus. Als der Mensch daraufhin seine überflüssigen Kleider ablegte, wurde die Sonne stärker, bis er es nicht mehr aushalten konnte, sich ganz auszog und zu seinem Schutz in einen Fluss sprang, um sich abzukühlen.

Die Geschichte zeigt, dass es oft wirksamer ist zu überzeugen als Gewalt anzuwenden.



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Ein Esel weidete auf einer Wiese. Als er einen Wolf bemerkte, der auf ihn zurannte, tat er so, als sei er lahm. Als dann der Wolf an ihn herantrat und nach dem Grund für seine Lahmheit fragte, erwiderte er, dass er, als er durch eine Hecke ging, in einen Dorn getreten sei. Dann bat er den Wolf, ihm zuerst den Dorn herauszuziehen. So könne er ihn auffressen, ohne das ihm der Dorn beim Fressen im Wege sei. Der Wolf ließ sich von diesen Worten überzeugen, hob den Fuß des Esels hoch und richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf diesen. Da trat der Esel mit dem Huf in das Maul des Wolfes und schlug ihm alle Zähne aus. Nachdem er so übel zugerichtet worden war, sagte er: »Ja, mir ist recht geschehen. Denn obwohl mein Vater die Kunst des Fleischers lehrte, habe ich mich der Heilkunst zugewandt.«

So geraten auch die Menschen, die sich mit Dingen abgeben, die ihnen nicht zukommen, zu Recht ins Unglück.



Ein Wolf beschloss einmal, sich zu verkleiden, um im Überfluss leben zu können. Er legte sich ein Schafsfell um und weidete zusammen mit der Herde, nachdem er den Hirt durch seine List getäuscht hatte. Am Abend wurde er vom Hirten zusammen mit der Herde eingeschlossen, der Eingang wurde verrammelt und die ganze Einfriedung gesichert. Als aber der Hirt hungrig wurde, schlachtete er den Wolf.

So hat schon manch einer, der in fremden Kleidern auftrat, seine Habe eingebüßt.



Der Wolf sah einen riesigen Hund, der mit einem Halsband festgebunden war, und fragte ihn: »Wer hat dich denn so an die Kette gelegt und dann herausgefüttert?« »Der Jäger«, erwiderte der Hund. »Doch sollte man das dem Wolf nicht wünschen. Mir wäre nämlich der Hunger lieber als die Last des Halsbandes.«

Im Unglück macht nicht einmal das Essen Spaß.



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Ein Wolf hatte einen Knochen verschluckt. Er lief herum und suchte jemanden, der ihm helfen konnte. Er fand einen Reiher und bat ihn, gegen eine Belohnung den Knochen herauszuziehen. Jener steckte seinen Kopf in den Schlund des Wolfes, zog den Knochen heraus und verlangte den vereinbarten Lohn. Der Wolf erwiderte: »Lieber Freund, kannst du nicht zufrieden sein, dass du deinen Kopf heil aus dem Rachen eines Wolfes herausgezogen hast? Und dafür verlangst du auch noch einen Lohn?«

Die Geschichte zeigt, dass die größte Vergeltung einer guten Tat bei den Bösen darin besteht, dass man von ihnen nicht dazu noch Unrecht angetan bekommt.



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Ein hungriger Wolf lief überall herum und wollte sich Futter beschaffen. Als er aber zu einem Bauernhof kam und hörte, wie eine alte Frau einem weinenden Kind drohte, sie werde es, wenn es nicht aufhöre, einem Wolf vorwerfen, wartete er, weil er glaubte, sie meine es ernst. Als es aber Abend wurde, machte er sich davon, weil nichts geschah, was diesen Worten entsprach, und sprach zu sich selbst: »In diesem Bauernhof sagen die Menschen anderes als sie in Wirklichkeit tun.«

Diese Geschichte dürfte auf jene Menschen zutreffen, die nicht in Übereinstimmung mit ihren Worten handeln.



Ein Wolf sah, wie Hirten in ihrer Hütte ein Schaf verzehrten. Er ging hinzu und sprach: »Ein schönes Geschrei hättet ihr erhoben, wenn ich dasselbe getan hätte.«



Der Wolf ging hinter einer Schafherde her, ohne ihr etwas zuleide zu tun. Anfangs nahm sich der Hirt vor ihm, dem Feinde, in acht und beobachtete ihn furchtsam. Wie aber jener fortwährend hinterher trottete und keine Anstalten traf, etwas zu rauben, kam dem Hirten der Gedanke, der Wolf möchte vielleicht lieber Wächter als Angreifer sein. Als er daher einmal in die Notwendigkeit versetzt wurde, zur Stadt zu gehen, überließ er dem Wolfe die Schafe und entfernte sich. Der aber sah seine Gelegenheit gekommen und fraß die Überzahl der Herde. Wie nun der Hirt zurückkehrte und seine Herde vernichtet sah, da rief er bloß: »Es ist mir ganz recht ergangen; denn warum hatte ich dem Wolfe Schafe anvertraut?«

So erleiden auch unter den Menschen diejenigen nach Gebühr Verluste, die den Geldgierigen ihre Ersparnisse anvertrauen.



Der Wolf raubte einst ein Schaf von der Herde und brachte es in sein Lager. Da kam der Löwe des Weges daher und entriss dem Wolf seine Beute. Der schrie von ferne: »Mit Unrecht hast du genommen, was mein war.« Doch lachend erwiderte ihm der Löwe: »Dir hat wohl ein Freund das Schaf nach Recht und Gesetz geschenkt?«

Wie habgierige Räuber, wenn die Zeit es ergibt, gegeneinander gehen, zeigt diese Fabel.



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Ein Wolf sah eine Ziege an einem steilen Abhang weiden. Weil er nicht an sie herankommen konnte, forderte er sie von unten auf, zu ihm hinab zusteigen, damit sie nicht aus Versehen abstürze. Er sagte, die Wiese bei ihm sei besser, da auch das Gras hier besonders kräftig wachse. Sie aber antwortete ihm: »Nicht mich rufst du zu einem Weideplatz, sondern du hast selbst kein Futter.«

So haben auch die Übeltäter unter den Menschen nichts von ihren listigen Plänen, wenn sie Leuten, von denen sie durchschaut werden, Übles antun wollen.



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Ein Wolf sah, wie ein Lamm aus irgendeinem Fluss trank. Er suchte einen vernünftigen Anlass, um es zu fressen. Deshalb stellte er sich weiter oben an das Ufer und warf dem Lamm vor, dass es das Wasser trübe mache und ihn nicht trinken lasse. Als das Lamm entgegnete, dass es am Ufer stehe und trinke und es auch nicht möglich sei, dass jemand, der weiter unten stehe, das Wasser oberhalb dieser Stelle durcheinander bringe, ließ der Wolf von dieser Begründung ab und sagte: »Aber du hast im vorigen Jahr meinen Vater beleidigt.« Als das Lamm entgegnete, es sei noch nicht einmal ein Jahr alt, sagte der Wolf zu ihm: »Auch wenn du in der Lage bist, dich geschickt zu rechtfertigen, werde ich dich deshalb etwa nicht fressen?«

Die Geschichte veranschaulicht, dass bei denjenigen, die die Absicht haben, eine Untat zu begehen, auch eine gelungene Rechtfertigung keinen Eindruck macht.



Während ein Wolf unterwegs war, fand er Gerste auf irgendeinem Feld. Weil er diese als Nahrung nicht gebrauchen konnte, ließ er sie stehen und ging weg. Dann traf er aber ein Pferd und führte es zu dem Feld. Er sagte, er habe Gerste gefunden. Er habe sie selbst nicht gefressen, sondern sie für das Pferd bewacht, da er so gern dem Geräusch seiner Zähne lausche. Darauf erwiderte das Pferd: »Ja, mein Freund, wenn Wölfe in der Lage wären, Gerste als Nahrung zu gebrauchen, dann hättest du niemals die Ohren dem Magen vorgezogen.«

Die Geschichte zeigt, dass die eigentlich Bösen, auch wenn sie Anständigkeit versprechen, kein Vertrauen verdienen.



Ein Wolf, der sich satt gefressen hatte, sah ein Schaf auf der Erde liegen und merkte, dass es sich aus Angst vor ihm hingeworfen hatte. Da trat er heran und machte ihm Mut: »Wenn du mir drei Wahrheiten sagst«, sagte er, »werde ich dich freilassen.«
Da sagte das Schaf: »Erstens wäre ich dir lieber gar nicht begegnet. Zweitens wünschte ich, da es nun soweit ist, dass du blind wärest. Drittens mögen alle Wölfe verrecken! Wir haben euch nichts getan, und doch seid ihr unsere ärgsten Feinde.« Gegen diese Offenheit konnte der Wolf nichts einwenden, und er ließ das Schaf laufen.

Die Fabel zeigt, dass die Wahrheit manchmal auch auf Feinde Eindruck macht.



Der Wurm, der im Morast verborgen lebt, kam auf die Erde herauf gekrochen und erzählte allen Tieren: »Ich bin ein Arzt, der sich auf die Medizin versteht gleich wie der Götterarzt Paian*
»Und wie dann«, bemerkte der Fuchs, »hast du, der du andere heilst, die eigene Lahmheit nicht heilen können?«

Die Fabel zeigt, dass die Theorie ohne die Praxis nichts taugt.

*Paian,Paion, Päon: "Nothelfer", der Götterarzt, auch Beiname des Apollon als Heilgott.



An einem Wege stand ein Feigenbaum. Dort sah der Wurm die Schlange schlafend liegen; bei ihrem Anblick ergriff ihn Neid wegen ihrer Länge. Und weil er ihr gleich zu werden wünschte, ließ er sich neben sie fallen und versuchte immer neu, sich auszustrecken, bis dass er das Maß überspannte und unversehens barst.

So ergeht es denen, die mit den Stärkeren in Wettbewerb treten. Sie werden eher selbst zerbrochen, als dass sie es jenen gleichzutun vermögen.



Ein Mann bereitete ein Gastmahl vor, um einen lieben Freund zu bewirten. Da lud auch sein Hund einen anderen, ihm befreundeten Hund ein mit den Worten: »Lieber Freund, komm, speise mit mir!« Der Hund folgte der Einladung, erblickte die große Tafel, trat heran und überlegte: »Ah, welch große Freude ist mir da eben zuteil geworden! Unversehens ist mir das zugefallen, und so will ich bis zum Überdruss schwelgen.«
Während er das bei sich erwog und mit dem Schwanz wedelte, richtete er seinen Blick auf den Freund, der ihm zum Mahle geladen hatte. Als aber der Koch des schweifwedelnden Hundes ansichtig wurde, packte er ihm am Schenkel und warf ihn zur Tür hinaus. Wieder auf die Beine gekommen, trollte sich der Hund unter lautem Gebell. Als nun die anderen Hunde sich sehen ließen und ihnV fragten: »Wie hast du gespeist?« erwiderte er ihnen: »Volltrunken von dem, was ich zu mir nahm, habe ich nicht einmal den Weg gesehen, auf dem ich wieder herauskam.«

Die Fabel beweist, dass man den Unfähigen nicht vertrauen darf.



Ein Hirt hatte seine Ziegen auf die Weide getrieben. Als er sah, dass sie sich unter wilde Ziegen gemischt hatten, trieb er, als es Abend wurde, alle zusammen in seine Höhle. Am nächsten Tag kam ein starkes Unwetter auf, und er konnte die Ziegen nicht wie gewöhnlich auf die Weide treiben. Also versorgte er sie in der Höhle. Seinen eigenen Ziegen warf er nur so viel Futter vor, dass sie keinen Hunger bekamen. Den fremden aber gab er mehr, um auch sie zutraulich werden zu lassen. Als aber das Unwetter aufgehört hatte und er alle wieder auf die Weide trieb, machten sich die wilden Ziegen davon und liefen zu den Bergen. Der Hirt warf ihnen ihre Undankbarkeit vor: Obwohl sie größere Fürsorge erhalten hätten, verließen sie ihn. Da drehten sie sich um und sagten: »Aber gerade deswegen sind wir besonders vorsichtig. Denn wenn du uns, die wir dir gestern zugelaufen sind, besser versorgst als die anderen, die schon lange bei dir sind, dann ist es klar, dass du, wenn danach wieder andere zu dir kommen, jene uns wiederum vorziehst.«

Die Geschichte zeigt, dass man sich nicht über die Freundschaft von Leuten freuen sollte, die uns als neue Freunde ihren alten Freunden vorziehen. Denn wir sollten bedenken, dass die, wenn unsere Freundschaft in die Jahre kommt und sie anderen ihre Zuneigung schenken, auch jene vorziehen.



Die Affen versammelten sich und berieten sich über die Notwendigkeit, eine Stadt zu gründen. Sie beschlossen es und waren im Begriff, das Werk zu beginnen, da hielt sie ein alter Affe zurück, indem er darauf hinwies, dass sie leichter gefangen werden könnten, wenn man sie innerhalb eines Walles fände.



Eine alte Frau hatte ein Augenleiden. Sie rief einen Arzt gegen ein Honorar zu sich. Er kam zu ihr und jedes Mal, wenn er Salbe auftrug und die Frau die Augen geschlossen hatte, schaffte er nach und nach ihre gesamte Habe fort. Als er aber alles herausgetragen und die Frau geheilt hatte, verlangte er das vereinbarte Honorar. Weil sie aber nicht zahlen wollte, brachte er sie vor Gericht. Sie erklärte, sie habe dem Arzt tatsächlich ein Honorar versprochen, wenn er ihre Augen geheilt habe. Jetzt aber sei sie trotz seiner Behandlung in einem noch schlimmeren Zustand als vorher. »Damals nämlich sah ich alle meine Möbel im Haus, jetzt aber kann ich gar nichts mehr sehen.«

So ziehen sich die schlechten Menschen aufgrund ihrer Habgier Schimpf und Schande zu.



Die heutige Ameise war einst ein Mensch, der sich mit der Landwirtschaft befasste, aber nicht genug an den Mühen hatte, die er für seine eigenen Aufgaben aufwandte, sondern dauernd seine Augen auch auf fremden Besitz warf und den Nachbarn ihre Erträge wegnahm. Zeus aber ärgerte sich über dessen Habgier und verwandelte ihn in dieses Tier, das Ameise heißt. Er hatte seine Gestalt zwar verändert, aber nicht seinen Charakter. Denn bis heute läuft er auf den Feldern herum und sammelt Körner des Weizens und der Gerste, die anderen gehören, und hebt sie für sich auf.

Die Geschichte zeigt, dass die von Natur aus Bösen, auch wenn sie besonders hart bestraft werden, ihr Wesen nicht verändern.




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Im Sommer ging eine Ameise über das Feld, sammelte Weizen und Gerste und hob sich das Getreide auf als Nahrung für den Winter. Ein Käfer sah dies und bedauerte ihr schweres Schicksal, weil sie sich zu einer Zeit abmühte, wo die anderen Tiere frei von Anstrengungen seien und sich erholten. Auch der Käfer ruhte sich damals aus. Später aber, als der Winter kam und der Mist vom Regen aufgelöst war, kam der Mistkäfer hungrig zur Ameise und bat sie darum, dass sie ihm etwas von ihrer Nahrung gebe. Sie sagte aber zu ihm: »Du, Mistkäfer, wenn du dich damals angestrengt hättest, als du mir meinen Fleiß vorwarfst, würde dir jetzt das Futter nicht fehlen.«

So ergeht es denen, die sich, solange es ihnen gut geht, keine Gedanken um die Zukunft machen und dann, wenn sich die Umstände ändern, in großes Unglück geraten.



Eine durstige Ameise war zum Quell gekommen, wurde von der Strömung fortgeschwemmt und drohte zu ertrinken. Eine Taube sah es, brach einen Zweig von einem Baum und warf ihn in das Wasser. Die Ameise kletterte darauf und rettete sich so. Da stellte ein Vogelsteller der Taube nach, um sie mit einer Leimrute einzufangen. Dies sah die Ameise und biss den Vogelsteller in den Fuß. Vor Schmerz ließ er die Rute fallen, und sogleich konnte die Taube entfliehen.

Die Fabel zeigt, dass man seinen Wohltätern dankbar sein soll.



Die Bäume machten sich einst auf den Weg, um sich einen König zu salben. Dabei sagten sie zu dem Ölbaum: »Sei König über uns!« Doch der Ölbaum antwortete ihnen: »Soll ich meine Fettigkeit hassen, die Gott und die Menschen an mir priesen, und hingehen, um über die Bäume zu herrschen?« Da sprachen die Bäume zum Feigenbaum: »Komm und regiere uns!« Doch der Feigenbaum entgegnete ihnen: »Soll ich meine Süßigkeit und meine gute Frucht hingeben und mich aufmachen, um über die Bäume zu herrschen?« Da wandten sich die Bäume an den Dornbusch: »Komm, sei du König über uns!« Da sprach der Dornbusch zu den Bäumen: »Wenn ihr mich wirklich zum König über euch salben wollt, nun, dann tretet in meinen Schutz! Wenn nicht, dann soll Feuer von dem Dornbusch ausgehen und die Zedern des Libanon verschlingen.«



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Bettelpriester* besaßen einen Esel. Sie waren es gewohnt, diesem alles, was sie hatten, aufzuladen, und ihre Runden zu ziehen. Als er eines Tages vor Erschöpfung starb, zogen sie ihm das Fell ab. Aus der Haut stellten sie Trommeln her und schlugen auch darauf. Als ihnen einmal andere Bettelpriester begegneten und sie fragten, wo denn der Esel sei, sagten sie, dass er tot sei. Aber er bekomme so viele Schläge, wie er sie nicht einmal zu Lebzeiten ertragen musste.

So ergeht es auch manchen Sklaven, die sich von niederer Arbeit nicht befreien können, auch wenn sie aus der Sklaverei entlassen sind.

* Bettelpriester oder Agyrten: Wahrsager, wandernde Zauberer, Heiler und Beschwörer im antiken Griechenland. Am bekanntesten die Metragyrten, die im Dienste der Großen Mutter Kybele – einer phrygischen Fruchtbarkeitsgöttin – standen.



Zwei Frösche, deren Tümpel die heiße Sommersonne ausgetrocknet hatte, gingen auf die Wanderschaft. Gegen Abend kamen sie in die Kammer eines Bauernhofes und fanden dort eine große Schüssel Milch vor, die zum abrahmen aufgestellt worden war. Sie hüpften sogleich hinein und ließen es sich schmecken. Als sie ihren Durst gestillt hatten und wieder ins Freie wollten, konnten sie es nicht: die glatte Wand der Schüssel war nicht zu bezwingen, und sie rutschten immer wieder in die Milch zurück. Viele Stunden mühten sie sich nun vergeblich ab, und ihre Schenkel wurden allmählich immer matter. Da quakte der eine Frosch: »Alles Strampeln ist umsonst, das Schicksal ist gegen uns, ich gebe es auf!« Er machte keine Bewegung mehr, glitt auf den Boden des Gefäßes und ertrank. Sein Gefährte aber kämpfte verzweifelt weiter bis tief in die Nacht hinein. Da fühlte er den ersten festen Butterbrocken unter seinen Füßen, er stieß sich mit letzter Kraft ab und war im Freien.



Von zwei Hähnen, welche um Hennen miteinander kämpften, behielt der eine die Oberhand über den andern. Der Überwundene zog sich zurück und verbarg sich an einem dunklen Orte; der Sieger aber flog aufwärts, stellte sich auf eine hohe Wand und krähte mit lauter Stimme. Da schoss jählings ein Adler herab und nahm ihn mit sich fort. Nunmehr kam der Versteckte ungehindert wieder aus seinem Verschlupf hervor und gesellte sich zu den Hennen.



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Die Bienen missgönnten den Menschen ihren Honig. Sie kamen zu Zeus und baten ihn, ihnen die Kraft zu verleihen, mit ihren Stacheln alle, die sich ihren Waben näherten, zu stechen und zu töten. Zeus aber ärgerte sich über sie wegen ihrer Missgunst und richtete es so ein, dass sie, wenn sie jemanden stachen, ihren Stachel und anschließend auch ihr Leben verloren.

Diese Geschichte dürfte auf missgünstige Menschen zutreffen, die es darum sogar ertragen, selbst Schaden zu erleiden.



In einer hohlen Eiche stellten Bienen Honig her. Ein Hirte überraschte sie bei ihrer Arbeit und schickte sich an, ihnen den Honig wegzunehmen. Sie aber flogen von allen Seiten herbei und stachen ihn mit ihren Stacheln. Schließlich rief er aus: »Ich gehe ja schon, ich brauche keinen Honig, wenn ich es deshalb mit den Bienen zu tun bekomme.«

Unrecht Gut bringt den, der ihm nachjagt, in Gefahr.



Delphine und Wale stritten miteinander. Als der Streit auszuarten drohte, tauchte ein Gründling auf und versuchte, die Streitenden auseinander zu bringen. Einer der Delphine ergriff das Wort und sagte zu ihm: »Wir wollen uns lieber im Kampf gegenseitig umbringen als dich als Streitschlichter hinnehmen.«

So ergeht es anscheinend auch manchen Menschen, die keine Anerkennung genießen, wenn sie einen Streit schlichten wollen.



Diebe drangen in ein Haus ein, fanden dann aber nichts weiter als einen Hahn. Sie packten diesen und verschwanden. Als er aber von ihnen als Opfer dargebracht werden sollte, bat er sie, ihn am Leben zu lassen. Er sagte, er sei den Menschen nützlich, weil er sie im Morgengrauen zur Arbeit wecke. Doch sie erwiderten ihm: »Ja, gerade deshalb haben wir noch mehr Grund, dich zu opfern. Denn weil du jene weckst, lässt du uns nicht stehlen!«

Die Geschichte zeigt, dass die Dinge den Übeltätern am meisten schaden, die den anständigen Menschen nützlich sind.



Jemand fing eine Dohle, band einen Faden an ihren Fuß und schenkte sie seinem Kind. Sie konnte aber das Leben unter den Menschen nicht ertragen, und als sie für einen Augenblick losgelassen wurde, floh sie und erreichte ihr Nest. Als sich aber das Band in den Zweigen verwickelte, konnte sie nicht mehr fortfliegen, und als sie sterben sollte, sprach sie: »Ach, ich Unglückselige; weil ich die Knechtschaft bei den Menschen nicht aushalten konnte, habe ich auch noch mir selbst das Leben genommen!«

Diese Geschichte könnte auf jene Menschen passen, die sich geringen Gefahren entziehen wollen und dann unbeabsichtigt in weitaus gefährlichere Situationen geraten.




Eine hungrige Dohle setzte sich auf einen Feigenbaum. Sie fand aber, dass die Feigen noch nicht reif waren. Also wollte sie warten, bis sie gereift waren. Als ein Fuchs sah, womit die Dohle ihre Zeit verbrachte und den Grund dafür von ihr erfuhr, sagte er: »Du bist wirklich auf dem falschen Weg, liebe Freundin, indem du dich einer Hoffnung hingibst, die zwar zu täuschen, aber niemals zu ernähren weiß.«

Auf einen Menschen, der die Unwahrheit sagt.



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Zeus wollte einen König der Vögel einsetzen und er gab ihnen einen bestimmten Zeitpunkt an, zu dem sie sich einfinden sollten. Eine Dohle aber, die sich ihrer Unansehnlichkeit bewusst war, ging überall herum und hob die Federn auf, die anderen Vögeln ausgefallen waren, und steckte sie sich an. Als der Tag gekommen war, kam sie bunt geschmückt zu Zeus. Als Zeus vorhatte, die Dohle wegen ihrer auffallenden Erscheinung zum König zu ernennen, ärgerten sich die anderen Vögel und umringten die Dohle. Und jeder einzelne Vogel nahm seine Feder aus ihrem Gefieder wieder heraus. So geschah es, dass sie ihren Federschmuck verlor und wieder eine Dohle wurde.

So ist es auch bei den Menschen: Solange die Schuldner fremdes Geld besitzen, scheinen sie bedeutend zu sein. Sobald sie es aber zurückgeben, finden sie sich so wieder, wie sie ursprünglich waren.



Eine Dohle, die sich von den anderen Dohlen durch ihre Größe unterschied, verachtete ihre Artgenossen. Sie schloss sich den Raben an und wollte mit ihnen zusammenleben. Diese aber störten sich an ihrem Aussehen und ihrer Stimme, schlugen und verjagten sie. Und als die Dohle von den Raben vertrieben worden war, kam sie wieder zu ihren Artgenossen zurück. Aber weil sich die Dohlen über ihre Überheblichkeit ärgerten, nahmen sie, sie nicht wieder auf. So geschah es, dass sie von beiden ausgeschlossen wurde.

So ergeht es auch den Menschen, die ihre Heimat verlassen, die Fremde vorziehen und dort nicht anerkannt werden, weil sie eben Fremde sind, und von den eigenen Mitbürgern wegen ihrer Überheblichkeit abgelehnt werden.



Als eine Dohle Tauben erblickt hatte, die in einem Taubenschlag gutes Futter erhielten, färbte sie sich weiß und kam zu den Tauben, um an derselben Mahlzeit teilzunehmen. Solange die Dohle keinen Ton von sich gab, glaubten sie, dass sie eine Taube sei, und ließen sie an das Futter heran. Als sie aber einmal aus Versehen etwas sagte, da erkannten sie ihre Stimme und verjagten sie. Und da sie kein Taubenfutter bekommen konnte, kehrte sie wieder zu den Dohlen zurück. Aber jene erkannten sie wegen ihrer Farbe nicht und hielten sie von der gemeinsamen Mahlzeit fern. So geschah es, dass sie zwei Dinge zu bekommen versuchte, aber keines wirklich bekam.

Aber auch wir müssen uns mit dem, was wir haben, zufrieden geben und dabei bedenken, dass die Gier nach mehr nicht nur keinen Nutzen bringt, sondern oft auch zum Verlust des Vorhandenen führt.



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Eine Drossel lebte in einem Myrtenbusch. Weil die Früchte so süß waren, konnte sie nie genug kriegen. Aber ein Vogelsteller lauerte ihr auf, stellte ihr eine Falle, während sie dort saß, und fing sie. Und als sie sterben sollte, sagte sie: »Ach, ich Unglückliche, weil mein Futter so süß war, verliere ich mein Leben.«

Die Geschichte passt auf einen Menschen, der unersättlich ist und an seiner Gier zugrunde geht.



Eine Taube hatte großen Durst. Als sie auf einem Gemälde einen Krug mit Wasser abgebildet sah, nahm sie an, dass es ein wirklicher Krug sei. Darum erhob sie sich mit großem Schwung und stürzte sich unversehens auf das Gemälde. So passierte es ihr, dass sie sich die Flügel brach, auf die Erde fiel und von einem, der zufällig vorbeikam, gefangen wurde.

So stürzen sich manche Menschen in ihr Verderben, wenn sie sich aufgrund heftiger Begierden ohne Überlegung mit den Dingen befassen.



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Eine Eiche und ein Schilfrohr stritten über ihre Stärke. Als aber ein heftiger Wind aufkam, bog sich das Schilfrohr, neigte sich vor dem Wehen des Windes und blieb fest im Boden. Die Eiche aber, die sich dem Wind mit ganzer Kraft entgegenstemmte, wurde entwurzelt.

Die Geschichte zeigt, dass es keinen Zweck hat, mit den Mächtigeren zu streiten oder ihnen Widerstand zu leisten.



Die Eichen führten Klage vor Zeus: »Weshalb hast du uns erschaffen, da es uns doch bestimmt ist, von den Menschen gefällt zu werden?« Jener hingegen erwiderte: »Dass ihr gefällt werdet, daran bin nicht ich, sondern seid ihr selbst schuld. Denn ließet ihr euch keine Stämme wachsen, würde euch die Axt auch nicht fällen.«



Weil die Esel einmal darüber aufgebracht waren, dass sie fortwährend Lasten tragen und Leiden erdulden mussten, schickten sie Gesandte zu Zeus, um eine Befreiung von den Mühen zu erbitten. Weil Zeus ihnen aber zeigen wollte, dass dies unmöglich ist, erklärte er, sie würden dann von ihren Leiden befreit, wenn sie beim Pinkeln einen Fluss entstehen ließen. Und weil jene annahmen, dass er es ernst meinte, stellen sie sich seitdem bis auf den heutigen Tag an die Stelle, wo sie sehen, dass schon einer von ihnen hingepinkelt hat, um auch selbst dort zu pinkeln.

Die Geschichte veranschaulicht, dass das Schicksal, das jedem einzelnen bestimmt ist, nicht zu beeinflussen ist.




Die Eule, weise wie sie ist, riet den Vögeln, die Aussaat von Eicheln von Anfang an nicht zuzulassen, sondern sie unbedingt zu vernichten, denn von der Eiche käme ein schädlicher Stoff, mit dem man sie fangen würde. Wiederum, als die Menschen Leinsaat säten, gebot sie ihnen, auch diesen Samen aufzupicken, denn nicht zum Guten werde er ihnen angebaut. Zum dritten: Als sie einen Bogenschützen sah, prophezeite sie: »Dieser Mensch wird euch mit euren eigenen Schwingen erjagen, denn ob er gleich zu Fuß geht, wird er geflügelte Geschosse auf euch los lassen.« Die Vögel aber glaubten ihr nicht, sondern sagten, sie sei unvernünftig, ja verrückt. Später aber, durch Erfahrung belehrt, staunten sie und hielten sie in der Tat für den weisesten aller Vögel. Wenn sie sich daher zeigt, fliegen alle auf sie zu, weil sie ja alles wisse, sie aber pflegt nicht mehr Rat mit ihnen, sondern ächzt nur.



Zwei Feinde fuhren mit demselben Schiff. Weil sie möglichst weit voneinander entfernt sein wollten, ging der eine zum Bug, der andere zum Heck, und dort blieben sie. Ein mächtiger Sturm packte das Schiff und ließ es kentern. Da fragte der Mann am Heck den Steuermann mit welchem Teil das Schiff zuerst unterzugehen drohe. Der Steuermann erwiderte ihm: »Mit dem Bug.« Daraufhin sagte er: »Dann tut es mir nicht mehr leid zu sterben, wenn ich mit ansehen kann, wie mein Feind vor mir ertrinkt.«

So nehmen es manche Menschen aus Hass gegen ihre Mitmenschen auf sich, auch selbst großes Leid zu ertragen, nur um jene im Unglück zu sehen.



Fischer, die hinausgefahren waren, um etwas zu fangen, und, obwohl sie sich lange Zeit abgemüht hatten, nichts fangen konnten, saßen mutlos in ihrem Boot. Da sprang ein Thunfisch, der verfolgt und mit gewaltigem Zischen aus dem Wasser geschleudert wurde, aus Versehen in den Kahn. Die Fischer packten ihn und gingen in die Stadt, um ihn zu verkaufen.

So schenkt oft das Glück, was die Kunst nicht schafft.



Eine Fledermaus fiel auf die Erde und wurde von einer Katze gefangen. Als sie schon sterben sollte, bat sie um ihr Leben. Als aber die Katze sagte, sie könne sie nicht freilassen, denn sie sei eine natürliche Feindin aller geflügelten Lebewesen, sagte die Fledermaus, sie sei kein Vogel, sondern eine Maus, und daraufhin wurde sie losgelassen. Später aber fiel sie wieder auf die Erde, wurde von einer anderen Katze gefangen und bat darum, dass diese sie freilasse. Als die Katze aber erklärte, sie sei eine Feindin aller Mäuse, sagte die Fledermaus, sie sei keine Maus, sondern eine Fledermaus. Da wurde sie wiederum frei gelassen. So passierte es ihr, dass ihr die zweimalige Namensänderung das Leben rettete. Aber es ist nun notwendig, dass auch wir nicht immer auf demselben Standpunkt beharren, sondern bedenken, dass diejenigen, die sich den Umständen anpassen, oft auch den schlimmsten Gefahren entgehen.



Eine Fledermaus, ein Dornbusch und eine Möwe schlossen sich zu einer Gemeinschaft zusammen und entschieden sich, ein Geschäft zu betreiben. Da lieh die Fledermaus Geld und stellte es für diesen Zweck zur Verfügung. Der Dornbusch brachte Kleidung mit. Die Möwe kaufte Erz, lud es auf ein Schiff und fuhr los. Als ein heftiges Unwetter aufkam und das Schiff kenterte, verloren sie zwar alles, konnten sich aber an Land retten. Seit jenem Vorfall sucht die Möwe das Erz auf dem Grund des Meeres, weil sie glaubt, es irgendwann einmal zu finden. Die Fledermaus zeigt sich aus Angst vor den Gläubigern nie am Tag, sondern geht nur nachts auf Nahrungssuche aus. Der Dornbusch schließlich ist hinter den Kleidern her und krallt sich an den Mänteln der Vorübergehenden fest, weil er damit rechnet, einen von denen, die ihm gehört hatten, wiederzuerkennen.

Die Geschichte zeigt, dass wir uns mit den Dingen besonders beschäftigen, mit denen wir früher unsere Schwierigkeiten hatten.



Eine Fliege fiel in einen Fleischtopf. Als sie daraufhin in der Fleischbrühe zu ertrinken drohte, sagte sie zu sich selbst: »Ja, ich habe gegessen, getrunken und gebadet. Auch wenn ich jetzt sterben muss, macht es mir nichts aus.«

Die Geschichte zeigt, dass die Menschen den Tod leicht ertragen, wenn er unerwartet auf einen zukommt.



In irgendeiner Vorratskammer war Honig ausgeflossen. Da flogen Fliegen herbei und fraßen davon. Da der Honig so süß war, ließen sie nicht mehr davon ab, ihn zu ernten. Als dann aber ihre Beine festklebten und sie nicht mehr wegfliegen konnten, riefen sie sterbend aus: »Ach, wir Unseligen! Wir gehen für einen kurzen Lustgewinn zugrunde!«

So wird die Gier für viele zur Wurzel zahlreicher Übel.



Die Flüsse kamen zusammen und machten dem Meer Vorwürfe: »Wenn wir in dich münden, führen wir Süßwasser, das trinkbar ist, du aber machst es salzig und ungenießbar.« Als das Meer diese Vorwürfe hörte, sprach es: »So kommt halt nicht, dann werdet ihr nicht salzig.«

Diese Geschichte legt Zeugnis ab gegen solche, die zu Unrecht andere beschuldigen, während sie von ihnen eher Vorteil haben.



Eine fleißige Witwe hatte mehrere Dienerinnen. Sie war es gewohnt, sie in der Nacht beim ersten Hahnenschrei zur Arbeit zu wecken. Da sie sich ununterbrochen fast zu Tode abmühten, meinten sie dem Hahn den Hals umdrehen zu müssen. Denn sie glaubten, er sei die Wurzel des Übels, weil er ihre Herrin in der Nacht wecke. Es kam aber dazu, dass ihr Leiden nach dieser Tat noch schlimmer wurde. Denn die Herrin wusste die Stunde der Hähne nicht mehr und weckte ihre Dienerinnen noch früher.

So ist es auch bei vielen Menschen: Die eigenen Absichten bringen einem selbst Leid und Not.



Eine Frau, die kürzlich ihren Mann verloren hatte, saß jeden Tag an seinem Grab und weinte. Ein Bauer, der unweit davon beim pflügen war, bekam Lust, mit ihr etwas anzufangen. Er ließ also seine Ochsen stehen, ging hin und weinte mit ihr. »Warum weinst auch du?« fragte sie. Er antwortete: »Ich habe meine schöne Frau begraben, und wenn ich weine, erleichtert es meinen Schmerz.« Sie sprach: »Mir geht es ebenso.« Da sagte er: »Wenn wir nun in die gleiche Trauer geraten sind, warum tun wir uns nicht zusammen? Ich werde dich lieben wie sie, und du mich wie deinen Mann.« Solchermaßen überredete er die Frau, gesellte sich zu ihr und stillte seine Lust. Inzwischen aber kam ein Dieb, spannte die Ochsen aus und trieb sie fort. Als der Bauer zurückkam und die Ochsen nicht mehr fand, begann er zu weinen und sich wehklagend an die Brust zu schlagen. Die Frau fand ihn, wie er heulte und fragte: »Du weinst wieder?« - »Ja«, sprach er, »jetzt weine ich wirklich.«



Eine Frau hatte einen Trunkenbold zum Manne. Da sie ihn von seiner Sucht befreien wollte, kam sie auf folgende List. Sie wartete, bis er vollkommen betrunken und wie ein Toter ohne Gefühl war, nahm ihn dann auf die Schultern, brachte ihn ins Leichenhaus, setzte ihn dort ab und entfernte sich. Zu der Zeit, als sie annehmen musste, dass er bereits wieder nüchtern sei, kehrte sie zurück und klopfte an die Tür des Leichenhauses. Als jener fragte:» Wer hat geklopft?«, erwiderte die Frau: »Ich bin es, der Mann, der den Toten ihr Essen bringt.« Jener entgegnete: »Statt zu essen, guter Freund, bring mir lieber zu trinken! Es tut mir leid, dass du ans Essen und nicht ans Trinken dachtest.« Da schlug sich die Frau vor die Brust. »Ach, ich Unglückliche, nicht das geringste hat mir meine List eingebracht! Du, Mann, hast nicht nur keine Lehre angenommen, sondern bist gegenüber früher sogar noch gesunken, weil dir die Sucht zur Gewohnheit geworden ist.«

Die Fabel zeigt, man soll sich mit schlechten Verhaltensweisen nicht zu lange abgeben; mit der Zeit werden sie nämlich, auch wenn es der Betreffende nicht will, zur Gewohnheit.



Eine Witwe besaß einen Vogel, der jeden Tag ein Ei legte. Sie hielt es aber für möglich, dass er auch zweimal am Tag Eier legen werde, wenn sie ihm mehr Futter hinstreue. Und als sie dies tat, passierte es, dass der Vogel fett wurde und dann nicht einmal mehr ein einziges Ei legte.

Die Geschichte zeigt, dass die meisten Menschen aus Habsucht mehr wollen und dann verlieren, was sie schon haben.



Im Sommer verheiratete sich Helios*, und alle Tiere freuten sich dessen. Auch die Frösche feierten ihn. Einer von ihnen aber sprach: »Ihr Narren, wafeiert ihr? Wenn Helios schon allein den ganzen Wald austrocknet, wie übel wird es unerst ergehen, wenn er nach der Heirat noch seinesgleichen zeugt?«

*griech. Sonnengott



Zwei Frösche waren Nachbarn. Der eine bewohnte einen tiefen Sumpf, der weit entfernt war von der Straße, der andere lebte in einer Pfütze auf der Straße. Als nun der Frosch im Sumpf den anderen aufforderte, zu ihm umzuziehen, damit er besser und sicherer lebe, ließ sich jener nicht überreden und sagte, er könne sich nicht von dem gewohnten Orte trennen. Dann passierte es, dass ein Wagen durch die Pfütze fuhr und ihn zerquetschte.

So kann es auch Menschen ergehen, die sich mit üblen Dingen beschäftigen und unversehens daran zugrunde gehen, bevor sie sich dem Besseren zugewandt haben.



Einst versammelten sich die Füchse am Mäanderfluss, um aus ihm zu trinken. Da aber das Wasser brausend dahinschoss, wagten sie sich nicht hinein, obgleich sie einander ermutigten. Einer aber, der sich über die anderen und ihre Feigheit lustig machte, sich selber aber als mutiger hinstellte, sprang kühn ins Wasser. Die Strömung zog ihn in die Mitte des Flusses, die anderen aber standen am Ufer und riefen ihm zu: »Lass uns nicht im Stich, sondern komm zurück und zeige uns den Zugang, wo wir ungefährdet trinken können.« Doch der, von der Strömung fortgerissen, rief zurück: »Ich habe eine Bestellung in Milet, die will ich jetzt dorthin bringen, wenn ich wieder zurückkomme, will ich es euch zeigen.«

Auf diejenigen, die sich aus Großmannssucht selbst gefährden.



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Als Hermes einmal von jemanden über alle Maßen verehrt wurde, schenkte er seinem Verehrer eine Gans, die goldene Eier legen konnte. Der aber gab sich mit dem Nutzen im Kleinen nicht zufrieden. Er nahm an, dass alles in Innern der Gans aus Gold war. Ohne zu zögern, schlachtete er sie. So kam es, dass er sich nicht nur in seinen Erwartungen getäuscht sehen musste, sondern dass er auch noch die Eier verlor. Denn alles, was er im Innern der Gans fand, war aus Fleisch.

So geht es oft den Unersättlichen, die aus Gier nach mehr auch das verlieren, was sie in den Händen haben.



Gänse und Kraniche grasten auf derselben Wiese. Da näherten sich ihnen Jäger. Die Kraniche konnten sich retten, da sie nur wenig Gewicht hatten. Die Gänse blieben wegen der Schwere ihrer Körper am Boden und wurden gefangen.

So ist es auch bei den Menschen. Wenn Aufstände in den Städten ausbrechen, können die Armen, weil sie nichts mitzunehmen haben, leicht von einer Stadt in die andere Stadt umziehen, während die Reichen wegen der Überfülle ihres Besitzes dableiben und ins Verderben geraten.



Weil die Schlange von vielen getreten wurde, begab sie sich zu Zeus. Doch Zeus sagte zu ihr: »Hättest du den ersten, der dich trat, gebissen, so würde kein zweiter den Versuch gemacht haben, dich zu treten.«

Die Fabel beweist, dass die, die dem ersten Angriff standhalten, von den anderen gefürchtet werden.



Die Grille sang auf einem hohen Baum ihr Lied. Der Fuchs, der sie fressen wollte, kam auf folgende List. Er trat heran, äußerte sich voller Bewunderung über den Wohlklang und bat die Grille herunterzukommen; denn er wolle doch gern sehen, was für ein Tier solch eine schöne Stimme besäße. Die Grille indes ahnte die Hinterlist und ließ ein Blatt, das sie abgerissen hatte, herunterfallen. Als der Fuchs danach heransprang, so als sei es die Grille, meinte diese: »Du irrst dich mein Lieber, wenn du denkst, ich würde herabsteigen. Ich weiß mich nämlich vor den Füchsen in acht zu nehmen, seitdem ich im Kot eines Fuchses die Flügel einer Grille erblickte.«

Kluge Leute lernen aus den Missgeschicken ihrer Mitmenschen.



Ein Mann, der auf seinem Hof Hähne hielt, kam zufällig vorbei, als ein zahmes Rebhuhn verkauft werden sollte. Er erwarb es und nahm es mit nach Hause, um es mit den anderen Tieren zu füttern. Als die Hähne es angriffen und verfolgten, war das Rebhuhn sehr unglücklich, weil es glaubte, nur deshalb verachtet zu werden, weil es andersartig war. Als es aber ein wenig später bemerkte, dass die Hähne auch miteinander kämpften und nicht damit aufhörten, bis sie sich gegenseitig blutig gehackt hatten, sagte es zu sich selbst: »Jetzt leide ich nicht mehr darunter, wenn ich von ihnen angegriffen werde. Denn ich sehe, dass sie auch auf ihre Artgenossen keine Rücksicht nehmen.«

Die Geschichte zeigt, dass vernünftige Menschen die Kränkungen ihrer Nachbarn leichter ertragen, wenn sie sehen, dass diese auch auf ihre eigenen Angehörigen keine Rücksicht nehmen.



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Als die Hasen sich ihrer Feigheit bewusst wurden, meinten sie, dass sie sich einen steilen Abhang hinunterstürzen müssten. Sie kamen an einen steilen Abhang am Rande eines Teiches. Da hörten die Frösche das Getrappel und tauchten in die Tiefe des Teiches. Aber einer der Hasen sah sie und sagte zu den anderen Hasen: »Ach, wir wollen uns nicht mehr den Abhang hinunterstürzen! Seht doch, es gibt Lebewesen, die noch feiger sind als wir.«

So ist es auch bei den Menschen: Das Unglück der anderen tröstet über das eigene Missgeschick hinweg.



Als die Hasen einstmals mit den Adlern Krieg führten, boten sie den Füchsen ein Bündnis an. Doch die meinten: »Wir hätten euch schon Hilfe geleistet, wüssten wir nicht wer ihr seid und mit wem ihr kämpft.«

Die Fabel zeigt, dass die, welche mit Mächtigeren Streit suchen, ihr eigenes Leben aufs Spiel setzen.



Eine Henne fand durch Zufall Schlangeneier und legte sie mit dem größten Entzücken und besonderer Sorgfalt in die gehörige Ordnung, um sie auszubrüten. Schon stellte sie sich die Freude vor, welche sie an ihren Küchlein haben würde, wenn sie anfingen zu gehen, wenn sie ihnen das Futter aufscharrte und zeigte, wenn sie auf ihr Rufen herbeieilten und es picken lernten, und wenn sie endlich groß, stark, schön und folgsam geworden wären. Jedoch ihre Freude währte nicht lange; eine Schwalbe traf sie über dieser Beschäftigung an und belehrte sie eines Besseren: »Du Törin«, sagte sie, »du würdest dir eine Brut erziehen, welche dir die Mühe nur mit dem Tod lohnen würde!«



Die Holzfäller waren beim Fällen einer Eiche. Sie hatten sich von ebendieser Eiche Keile gemacht und versuchten, sie damit zu spalten. Da sprach die Eiche: »Nicht so sehr der Axt bin ich gram, die mich gefällt hat, als den Keilen, die aus mir herauswuchsen.«

Bekanntlich ist das Leid schmerzhafter, wenn es von Verwandten als wenn es von Fremden zugefügt wird.



Als hungrige Hunde Häute sahen, die in irgendeinem Fluss eingeweicht wurden, sie aber diese nicht erreichen konnten, verabredeten sie, zuerst den Fluss auszusaufen, um dann auf diese Weise an die Häute heranzukommen. Als sie nun ununterbrochen tranken, geschah es, dass sie platzten, bevor sie die Häute erreichten.

So lassen sich auch manche Menschen durch die Hoffnung auf Gewinn täuschen, nehmen große Anstrengungen auf sich und merken nicht, dass sie zugrunde gehen, bevor sie bekommen, was sie haben wollen.



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Eine Hündin überquerte mit einem Stück Fleisch einen Fluss. Als sie dann ihr eigenes Spiegelbild im Wasser sah, nahm sie an, dass dort eine andere Hündin mit einem noch größeren Stück Fleisch sei. Deshalb ließ sie das eigene Stück fallen, um jener ihr Stück wegzuschnappen. So kam es aber, dass ihr beide Stücke verloren gingen; denn an das eine kam sie nicht heran, da es gar nicht da war, das andere ging ihr verloren, weil es von der Strömung fortgetragen wurde.

Die Geschichte trifft auf einen Menschen zu, der immer mehr haben will.



Die Hyänen, heißt es, wechseln alljährlich ihr Geschlecht: bald werden sie zu Männchen, bald Weibchen. Als einmal eine männliche Hyäne mit einer weiblichen intim werden wollte, sagte sie: »Tu es nicht, mein Guter, denn bald wird man dich zu demselben bereden wollen.«

Gegen Beamte, die ihre Untergebenen zur Rechenschaft ziehen und infolge veränderter Umstände dann diesen Rechenschaft ablegen müssen.



Nachdem Zeus den Menschen geschaffen hatte, verlieh er ihm nur ein kurzes Leben. Der Mensch bediente sich aber seines eigenen Verstandes. Als der Winter kam, baute er sich ein Haus und blieb dort. Als dann eine heftige Kälte aufkam und Zeus es regnen ließ, konnte das Pferd dies nicht aushalten, lief zu dem Menschen und bat ihn, dass er es beschütze. Der Mensch sagte, er werde dies tun, wenn er ihm einen Teil seiner eigenen Lebensjahre abgebe. Als es bereitwillig zugestimmt hatte, kam nicht viel später noch ein Rind, das sich auch nicht selbst gegen den Winter schützen konnte. Als der Mensch ebenso erklärte, er werde es nur dann aufnehmen wenn es ihm einen Teil seiner eigenen Jahre abgebe, gab es ihm einen Teil davon und wurde aufgenommen. Schließlich kam der Hund, der vor Kälte fast gestorben wäre, gab dem Menschen einen Teil seiner eigenen Lebenszeit und erhielt dafür eine Bleibe. So geschah es, dass die Menschen, solange sie in der von Zeus geschenkten Zeit leben, unversehrt und gut sind, wenn sie aber in die Jahre des Pferdes kommen, prahlerisch und überheblich sind, wenn sie in die Jahre des Rindes kommen, herrschsüchtig sind, wenn sie aber die Zeit des Hundes erreichen, jähzornig und bissig werden.

Diese Geschichte könnte man auf einen hitzigen und eigensinnigen Alten anwenden.



Eine junge Ziege blieb hinter ihrer Herde zurück und wurde von einem Wolf verfolgt. Die Ziege drehte sich um und sagte zu dem Wolf: »Ich bin davon überzeugt, Wolf, dass ich von dir gefressen werde. Aber damit ich nicht ruhmlos sterbe, blas die Flöte, damit ich tanzen kann.« Als der Wolf die Flöte blies und die junge Ziege tanzte, hörten dies die Hunde und setzten dem Wolf nach. Da drehte sich der Wolf um und sagte zur jungen Ziege: »Das geschieht mir recht. Denn ich, der ich doch von Beruf Fleischer bin, hätte keinen Flötenspieler nachahmen dürfen.«

So geht es auch denjenigen, die etwas zu unpassender Zeit tun und das verspielen, was sie in den Händen haben.



Eine junge Ziege stand neben einem Haus. Als sie einen vorbeikommenden Wolf beschimpfte, sagte er zu ihr: »Nicht du schimpfst mich aus, sondern der Ort, an dem du dich befindest.« Die Geschichte zeigt, dass die Umstände den Mut vor den  Überlegenen erzeugen.



Zwei junge Männer wollten gemeinsam ein Stück Fleisch kaufen. Als dann der Metzger einmal abgelenkt wurde, nahm der eine junge Mann ein Stück Fleisch und steckte es dem anderen in die Tasche. Da drehte sich der Metzger wieder um, suchte nach dem Stück und beschuldigte die beiden, dass sie es weggenommen hätten. Derjenige, der es genommen hatte, schwor, dass er es nicht habe. Derjenige, der es hatte, schwor, dass er es nicht weggenommen habe. Der Metzger bemerkte ihren üblen Scherz und sagte: »Auch wenn nicht zu beweisen ist, dass ihr einen Meineid schwört, werdet ihr dies vor den Göttern nicht verheimlichen können.«

Die Geschichte zeigt, dass die Gottlosigkeit des falschen Eides offensichtlich ist, auch wenn jemand ihn durch eine List verhüllt.



Eine Katze hatte gehört, dass dir Hühner auf einem Bauerhof krank waren. Sie verkleidete sich als Ärztin, erschien mit den entsprechenden Hilfsmitteln der ärztlichen Kunst und stellte sich vor den Eingang zum Hof. Sie fragte die Hühner, wie es ihnen gehe. Die Hühner aber erwiderten: »Gut, wenn du dich von hier entfernst.«

So bleiben auch unter den Menschen die Bösen den Vorsichtigen nicht verborgen, auch wenn sie mit allen Mitteln Anständigkeit vorspiegeln.



Man sagt, dass die Affen zwei Kinder gebären und den einen ihrer Nachkommen lieben und fürsorglich aufziehen, den anderen ablehnen und vernachlässigen. Da geschah es aber durch göttliche Fügung, dass der Umsorgte starb und der Vernachlässigte heranwuchs.

Die Geschichte veranschaulicht, dass das Schicksal mächtiger ist als jede menschliche Vorsorge.



Eine eitle Krähe wollte schöner sein, als sie wirklich war, und zierte sich mit allerlei bunten Federn von andern Vögeln, hauptsächlich von Pfauen. Allein um die Eitelkeit zu bestrafen und ihr Eigentumsrecht auszuüben, fielen diese über sie her und entrissen ihr nicht nur die geraubten Federn, sondern auch einen Teil ihrer eigenen. Armseliger wie vorher, stand sie nun wieder da, ein Spott der ihrigen und eine Warnung für alle Eitlen.

Prahle nie mit erborgtem Schimmer, Spott ist sonst dein Lohn.



Eine Krähe, die der Göttin Athene ein Opfer darbrachte, lud einen Hund zum Essen ein. Der Hund sagte aber zu ihr: »Warum machst du dir umsonst so viel Mühe mit dem Opfer? Denn die Göttin hasst dich so sehr, dass sie deinen Zeichen jede Glaubwürdigkeit entzog.« Da antwortete die Krähe: »Ja, gerade deswegen opfere ich ihr, weil ich weiß, dass sie mir so feindlich gesonnen ist, damit sie ihre Einstellung ändert.«

Genau so zögern auch viele Menschen nicht, ihren Feinden aus Angst Gutes zu tun.



Eine Krähe beneidete einen Raben um die Fähigkeit, den Menschen durch Vogelzeichen zu weissagen, die Zukunft vorauszusagen und deshalb von den Menschen gerühmt zu werden. Sie wollte dasselbe erreichen. Als sie irgendwelche Reisenden vorbeikommen sah, ließ sie sich auf einen Baum nieder und krächzte laut, nachdem sie sich hingesetzt hatte. Als die Reisenden sich nach dem Geschrei umdrehten und laut lachten, ergriff einer das Wort und sagte: »Ach, lasst uns weggehen, Freunde. Denn das ist nur eine Krähe, die mit ihrem Gekrächze kein Vogelzeichen hervorbringt,«

So geschieht es auch unter Menschen: Diejenigen, die es Stärkeren gleichtun wollen, ziehen sich, abgesehen davon, dass sie an diese nicht herankommen, auch noch Spott zu.

Anmerkung: Die »Vogelschau« und die Deutung von »Vogelzeichen« ist eine Form der Mantik (der Kunst der Weissagung), die u.a. aus dem Verhalten und dem Flug der Vögel die Zukunft zu erschließen sucht. Bevorzugte Vögel waren die größeren Raubvögel (Adler, Habicht, Falke), aber auch Rabe, Krähe und Eule. Vgl. z.B. schon Homer, Ilias10, 274 ff.; Odyssee 15, 160 ff.; 525 ff.



Tief im Kornfelde versteckt, hatte eine Lerche ihr Nest gebaut. Da ging eines Tages der Bauer sein Feld entlang, musterte die Ähren und sagte vor sich hin: »Das Korn ist reif. Ich muss meine Nachbarn bitten, dass sie mir helfen, es zu schneiden!« Diese Worte hörten vier junge Lerchen, welche im Nest lagen. Oh, wie erschraken sie! »Mutter, Mutter!« schrieen sie, »wir müssen sterben! Das Feld soll gemäht werden, und wir können noch nicht fliegen.« »Beruhigt euch«, antwortete die alte Lerche, »noch ist keine Gefahr! Solange der Mann von der Hilfe seiner Freunde spricht, kann er die Arbeit nicht dringend finden.« Aber von diesem Tage an mussten die kleinen Lerchen fleißig das Fliegen üben. Und siehe, da kam der Bauer wieder sein Feld besehen. Schon war das Getreide an machen Stellen überreif, sodass die Körner aus den Hülsen fielen. »Nun kann ich nicht länger warten«, seufzte der Bauer, »noch heute muss ich Knechte dingen und sie an die Arbeit schicken.« Da rief die Lerchenmutter eiligst ihren Kindern zu: »Meine Kinder, meine Kinder, macht euch bereit! Wir müssen noch heute das Nest verlassen, denn jetzt hat er es aufgegeben, auf seine Freunde zu bauen, jetzt will er die Arbeit selbst in die Hand nehmen. Und das ist schlimm für uns!«



Die Lerche, die in eine Falle geraten war, rief wehklagend: »Oh, ich armer, unglücklicher Vogel! Niemandes Gold oder Silber oder sonst einen Wertgegenstand habe ich mir angeeignet, ein kleines Getreidekorn jedoch hat mir den Tod eingetragen.«

Die Fabel wendet sich an Leute, die um geringen Gewinnes willen große Gefahr auf sich nehmen.



Als die Hasen Volksreden schwangen und unbedingte Gleichheit für alle verlangten, sagten die Löwen: »Euren Argumenten, ihr Hasenfüße, fehlen Klauen und Zähne, wie wir sie haben.«



Eine Füchsin, die auf ihre Fruchtbarkeit stolz war, schalt eine Löwin, dass sie nur ein einziges Junges zur Welt brächte. Die Löwin antwortete ihr darauf: »Fürwahr, ich bringe nur eines zur Welt, aber dieses einzige ist ein Löwe.«



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Eine Maus schloss zu ihrem Verderben mit einem Frosche Freundschaft und lud ihn zum Mahle ein. Der Frosch band den Fuß der Maus an seinen eigenen an, und so gingen sie zuerst zu einem Orte, wo viele Speisen vorhanden waren. Der Frosch stillte hier seinen Hunger und beschloss, die Maus, da er ihr gutes Leben beneidete, zu verderben. Als sie bald darauf an den Rand eines Sees kamen, zog er sie in das tiefe Wasser. Die unglückliche Maus kam im Wasser um und schwamm in demselben, an den Fuß des Frosches angebunden, umher; doch ein Taubenfalke erblickte die Maus und fasste sie mit seinen Krallen. Da sich der Frosch nicht losmachen konnte, entführte er ihn gleichfalls in die Luft, wo er zuerst die Maus und dann jenen selbst verspeiste.

Auch ein Toter ist imstande, das an ihm begangene Unrecht zu rächen, denn die Gottheit, die alles erblickt, teilt jedem sein gerechtes Schicksal zu.

Angeblich soll Aesop diese Fabel auf dem Weg zu seiner Hinrichtung als Warnung an seine Widersacher zitiert haben.


Als Zeus die Tiere erschaffen, so berichtet die Sage, und einem jeden nach seinem Willen gegeben hatte, dem einen Kraft, dem andern Schnelligkeit, dem dritten Flügel, da stand der Mensch noch nackt da und sprach: »Mich allein hast du sonder Gnade gelassen.« Der Gott antwortete ihm: »Du bist nur unempfänglich für deine Gabe, wiewohl du die Größte erlangt hast. Denn du besitzt Vernunft, die bei Göttern und Menschen gilt; nichts ist stärker, nichts ist schneller als sie.« Da erkannte der Mensch seine Gabe, ehrte den Gott und ging dankbaren Herzens von dannen.

Wirklich gibt es unter denen, die von Gott durch Vernunft ausgezeichnet wurden, etliche, die diese Gnade nicht erkennen und statt dessen die Tiere beneiden, die doch weder fühlen und denken können.



Eine Möwe hatte einen Fisch verschlungen. Dabei zerriss ihr gieriger Schlund, und sie blieb tot am Strand liegen. Als die Gabelweihe sie gesehen hatte, sagte sie: »Du hast eine angemessene Strafe bekommen, weil du, obwohl du ein Vogel bist, dein Futter im Meer gesucht hast.«



Eine Mücke setzte sich auf das Horn eines Stieres und blieb dort lange Zeit sitzen. Als sie fortfliegen wollte, fragte sie den Stier, ob er wolle, dass sie schon wegfliege. Der Stier antwortete: »Nun, ich habe es nicht bemerkt, als du angekommen bist, und werde es auch nicht merken, wenn du wegfliegst.« Diese Geschichte könnte man auf einen unbedeutenden Menschen anwenden, der weder nützlich noch schädlich ist, ob er nun da ist oder nicht.



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Eine Nachtigall saß auf einer hohen Eiche und sang wie gewöhnlich. Ein Habicht erblickte sie, und da er Hunger hatte, stieß er hinab und packte sie. In ihrer Todesangst flehte sie ihn an, sie loszulassen: Sie sei doch gar nicht groß genug, um den Magen des Habichts zu füllen. Er müsse sich, wenn er Hunger habe, an größere Vögel halten. Der Habicht aber fiel ihr ins Wort und sagte: »Aber ich wäre verrückt, wenn ich den Happen, den ich fest in meinen Krallen habe, losließe und etwas verfolgte, was ich noch gar nicht sehe.«

Die Geschichte veranschaulicht, dass es auch unter den Menschen so Unvernünftige gibt, die in der Hoffnung auf Wertvolleres das, was sie schon in ihren Händen haben, loslassen.



Eine Nachtigall saß in ihrem Käfig vor einem Fenster und sang in der Nacht. Eine Fledermaus hörte ihre Stimme, flog zu ihr hin und fragte sie, warum sie tagsüber nichts tue, nachts aber singe. Sie sagte, das tue sie nicht ohne Grund. Denn einmal habe sie tagsüber gesungen und sei dabei gefangen worden. Daraus habe sie eine Lehre gezogen. Da erwiderte die Fledermaus: »Aber jetzt brauchst du doch gar nicht mehr aufzupassen, wo es doch nutzlos ist. Damals hättest du aufpassen müssen, bevor man dich fing.«

Die Geschichte zeigt, dass ein Umdenken sinnlos ist, wenn das Unglück schon geschehen ist.



Ochsen zogen einen Wagen. Als die Wagenachse quietschte, drehten sich die Ochsen um und sagten zu ihr: »Was willst du denn, wir schleppen die ganze Last, und du schreist?«

So ist es auch bei den Menschen: Manche tun so, als ob sie sich anstrengten, während andere die Last tragen.



Zwei Leute gingen auf derselben Straße. Als einer von den beiden ein Beil gefunden hatte, sagte der andere: »Wir haben es gefunden.« Da forderte ihn der eine auf, nicht zu sagen >wir haben es gefunden<, sondern >du hast es gefunden<. Nach kurzer Zeit kamen ihnen diejenigen entgegen, die das Beil verloren hatten. Derjenige, der das Beil in der Hand hatte, wurde von ihnen hart bedrängt und sagte zu seinem Begleiter: »Wir sind verloren.« Darauf sagte jener: »Nein, sondern du bist verloren! Denn als du das Beil fandest, wolltest du seinen Besitz auch nicht mit mir teilen.«

Die Geschichte zeigt, dass die Menschen, die man am Glück nicht teilhaben lässt, auch im Unglück keine zuverlässigen Freunde sind.



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Sie ging zu ihm hin und bat ihn, ihr um jeden Preis das Fliegen beizubringen. Er aber sagte, dies sei unmöglich. Und als sie ihn noch weiter drängte und bat, hob er sie empor und hoch in den Lüften ließ er sie auf einen Felsen fallen. Durch diesen Sturz zerbrach sie und starb.

Die Geschichte zeigt, dass viele Menschen sich selbst mit ihren ehrgeizigen Plänen schaden.



Eine Schildkröte und ein Hase stritten darüber, wer von ihnen der Schnellste sei. Sie vereinbarten ein Ziel und begaben sich an den Start. Im Bewusstsein seiner natürlichen Schnelligkeit nahm der Hase den Wettlauf nicht ernst. Er legte sich an den Straßenrand und schlief ein. Obwohl sich die Schildkröte ihrer Langsamkeit bewusst war, hörte sie nicht auf zu laufen. Und so überholte sie den schlafenden Hasen und erhielt den Siegespreis.

Die Geschichte zeigt, dass oft die Anstrengung eine unzureichende Natur überwindet.



Eine Schlange und ein Adler kämpften ineinander verschlungen, und die Schlange hatte den Adler schon fest. Dies sah ein Bauer, löste die Windungen der Schlange und befreite den Adler. Vor Wut ließ die Schlange Gift in das Getränk des Mannes tropfen. Als der Bauer, der dies nicht bemerkt hatte, trinken wollte, stieß der Adler herab und riss ihm den Becher aus der Hand.

Wer Gutes tut, darf Gunst erwarten.



Eine Schlange und ein Krebs hielten sich an derselben Stelle auf. Der Krebs wandte sich der Schlange ohne böse Gedanken und wohlwollend zu, die Schlage aber war stets heimtückisch und schlecht. Als der Krebs sie inständig bat, sich ihm unbefangen zu nähern und seine Einstellung zu übernehmen, ließ die Schlange sich nicht darauf ein. Darüber ärgerte sich der Krebs. Er wartete, bis sie schlief. Dann packte er sie an der Gurgel und tötete sie. Und als er sie ausgestreckt auf dem Boden liegen sah, sagte er: »Siehst du, nicht jetzt, wo du tot bist, wäre es nötig, dass du ohne böse Gedanken bist, sondern damals, als ich dich bat und du nicht hörtest, wäre es nötig gewesen.« Die Geschichte könnte mit Recht auf jene Menschen bezogen werden, die zu Lebzeiten ihre Freunde schlecht behandeln und nach ihrem Tode nicht mehr die Möglichkeit haben, Gutes zu tun.



Eine Schlange und eine Katze hatten in irgendeinem Haus Streit miteinander. Die dort befindlichen Mäuse wurden von beiden immer wieder gefressen. Als sie die beiden kämpfen sahen, verzogen sie sich. Als diese aber die Mäuse sahen, ließen sie vom Kampf gegeneinander ab und wandten sich wieder den Mäusen zu.

So ist es auch in den Städten: Diejenigen, die sich bei den Streitigkeiten der Politiker heimlich davonmachen wollen, merken nicht, dass sie selbst zum Opfer beider streitenden Parteien werden.



Eine Schlange wurde von vielen Menschen verächtlich behandelt. Darum suchte sie Zeus auf. Zeus aber sagte zu ihr: »Meine Güte, wenn du den ersten, der dich verächtlich behandelt hat, erschreckt hättest, dann würde der zweite nicht versuchen, dasselbe zu tun!«

Die Geschichte veranschaulicht, dass diejenigen, die den ersten Angreifern widerstehen, die anderen abschrecken.



Der Sohn eines Bauern röstete Schnecken. Als er aber hörte, wie sie jammerten, sagte er: »Ihr Gesindel, während eure Häuser brennen, singt ihr selbst ein Liedchen?«

Die Geschichte zeigt, dass alles, was man zu unpassender Zeit tut, tadelnswert ist.



In dem Augenblick, als die Mistel ausschlug, bemerkte die Schwalbe die Gefahr, die den Vögeln drohte. Sie rief alle Vögel zusammen und gab ihnen den Rat, am besten die Misteltragenden Eichen zu fällen; wenn sie dies aber nicht könnten, dann sollten sie bei den Menschen Zuflucht suchen und sie bitten, die Wirkung der Mistel nicht zu nutzen, um sie zu fangen. Die Vögel aber lachten sie aus, als ob sie Unfug redete. Sie aber begab sich Schutz suchend zu den Menschen. Die Menschen nahmen sie bei sich auf und ließen sie bei sich wohnen. So kam es, dass die übrigen Vögel von den Menschen gejagt und verzehrt wurden, allein die Schwalbe darf wie ein Flüchtling unter dem Schutz des Gastrechts und ohne Furcht an ihren Häusern ihre Nester bauen.

Die Geschichte zeigt, dass diejenigen, die die Zukunft voraussehen, natürlich auch die Gefahren beseitigen.




Eine Schwalbe und eine Krähe lagen wegen ihrer Schönheit im Streit. Die Krähe sagte zu der Schwalbe: »Ja, deine Schönheit kommt nur im Frühling zur Geltung, mein Körper überdauert auch den Winter.«

Die Geschichte zeigt, dass die Dauer des Körpers schöner ist als sein wohlgefälliges Äußeres.



Eine Schwalbe hatte sich an einem Gerichtsgebäude ein Nest gebaut und war ausgeflogen. Eine Schlange aber kroch heran und fraß ihre Jungen. Als sie zurückkam und das Nest leer vorfand, brach die Schwalbe in jammervolles Klagen aus. Als eine andere sie trösten wollte und ihr sagte, dass sie nicht die einzige sei, die ihre Kinder verloren habe, erwiderte sie: »Aber ich weine nicht so sehr über den Verlust meiner Kinder wie darüber, dass ich an dem Ort Unrecht erlitten habe, an dem gewöhnlich denen, die Unrecht erleiden, geholfen wird.«

Die Geschichte zeigt, dass das Unglück für die Betroffenen schlimmer wird, wenn sie es durch diejenigen erfahren, von denen sie es am wenigsten erwarten.



Einmal stiegen Leute in ein Boot und fuhren los. Als sie sich auf hoher See befanden, geschah es, dass plötzlich Sturm aufkam und das Schiff beinahe untergegangen wäre. Einer der Reisenden war außer sich vor Angst, rief die Götter seiner Heimat an und versprach ihnen unter Wehklagen und Jammern Geschenke darzubringen, sobald die Reisenden gerettet seien. Als der Sturm aufgehört hatte und das Meer wieder ruhig geworden war, veranstalteten die Menschen ein Festmahl, tanzten und waren ausgelassen, da sie wider Erwarten mit dem Leben davongekommen waren. Da ergriff der Steuermann das Wort und sagte streng zu den Leuten: »Freunde, es ist notwendig, dass ihr euch nur so freut, als ob zu jeder Zeit wieder ein Sturm aufkommen könnte.«

Die Geschichte lehrt, dass man sich nicht allzu sehr über sein Glück freuen und immer daran denken sollte, dass das Schicksal leicht umschlagen kann.



Die Söhne eines Bauern hatten ständig Streit miteinander. Obwohl der Bauer sie häufig ermahnte, schaffte er es durch Zureden nicht, dass sie ihr Verhalten änderten. Er erkannte, dass er dies nur durch eine Tat erreichen konnte, und forderte sie auf, ein Bündel von Stäben herbeizubringen. Die Söhne taten dieses. Zuerst gab er ihnen alle Stäbe gebündelt in die Hand und befahl ihnen, diese zu zerbrechen. Aber trotz größter Anstrengung waren sie dazu nicht imstande. Daraufhin löste er das Bündel auf und gab ihnen die Stäbe einzeln. Als sie diese dann ohne weiteres zerbrachen, sagte er zu seinen Söhnen: »Genauso wird es aber auch euch ergehen, meine Söhne: Wenn ihr euch vertragt, werden euch eure Feinde nicht bezwingen können. Wenn ihr euch aber weiter streitet, werdet ihr leicht zu bezwingen sein.« Die Geschichte veranschaulicht: Je sorgfältiger man den Streit vermeidet, desto stärker ist die Eintracht.

Vgl. auch das Gedicht »Die sieben Stäbe« von Christoph v. Schmid (1786-1854)



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Eine Landmaus hatte ihre Freundin, eine Stadtmaus, zu sich eingeladen und empfing sie in ihrer sehr bescheidenen Wohnung aufs freundlichste. Um ihren Mangel der sehr verwöhnten Städterin nicht merken zu lassen, hatte sie alles, was das Landleben Gutes bot, herbeigeschafft und aufgetischt. Da waren frische Erbsen, getrocknete Traubenkerne, Hafer und auch ein Stückchen Speck, wovon die Landmaus nur bei außergewöhnlichen Gelegenheiten aß. Mit großer Genugtuung überschaute sie ihre Tafel und unterließ nicht, ihrer Freundin unablässig zuzusprechen. Aber die Stadtmaus, durch die vielen gewohnten Leckereien verwöhnt, beroch und benagte die Speisen nur sehr wenig und stellte sich der Höflichkeit halber so, als wenn es ihr schmecke, konnte aber doch nicht umhin die Gastgeberin merken zu lassen, dass alles sehr wenig nach ihrem Geschmack gewesen sei.»Du bist eine recht große Törin«, sprach sie zu ihr, »dass du hier so kümmerlich dein Leben fristest, während du es in der Stadt so glänzend führen könntest wie ich. Gehe mit mir in die Stadt unter Menschen, dort hast du Vergnügen und Überfluss.« Die Landmaus war bald entschlossen und machte sich zum Mitgehen bereit.

Schnell hatten sie die Stadt erreicht, und die Städterin führte sie nun in einen Palast, in welchem sie sich hauptsächlich aufzuhalten pflegte; sie gingen in den Speisesaal, wo sie noch die Überbleibsel eines herrlichen Abendschmauses vorfanden. Die Stadtmaus führte ihre Freundin nun zu einem prachtvollen, mit Damast überzogenen Sessel, bat sie, Platz zu nehmen, und legte ihr von den leckeren Speisen vor. Lange nötigen ließ sich die Landmaus nicht, sondern verschlang mit Heißhunger die ihr dargereichten Leckerbissen. Ganz entzückt war sie davon und wollte eben in Lobsprüche ausbrechen, als sich plötzlich die Flügeltüren öffneten und eine Schar Diener hereinstürzte. um die Reste des Mahles zu verzehren. Bestürzt und zitternd flohen beide Freundinnen, und die Landmaus, unbekannt in dem großen Hause, rettete sich noch mit Mühe in eine Ecke der Stube. Kaum hatte sich die Dienerschaft entfernt, als sie auch schon wieder hervorkroch und noch vor Schrecken zitternd zu ihrer Freundin sprach: »Lebe wohl! Einmal und nie wieder! Lieber will ich meine ärmliche Nahrung in Frieden genießen, als hier bei den ausgesuchtesten Speisen schwelgen und stets für mein Leben fürchten müssen.«

Genügsamkeit und Zufriedenheit macht glücklicher als Reichtum und Überfluss unter großen Sorgen.



Drei Stiere weideten miteinander. Ein Löwe wünschte sich dieselben zur Beute, trug aber wegen ihres Beisammenseins doch Bedenken; nachdem er sie jedoch durch Schmeichelreden an verschiedene Plätze gelockt hatte, fiel er die vereinzelten Stück für Stück an und verzehrte sie ohne Gnade.



Die Tanne rühmte sich gegenüber dem Dornstrauch und sagte: »Zu nichts bist du brauchbar, während ich an den Tempeldächern und in den Häusern meine Dienste leiste.« Doch der Dornstrauch erwiderte: »Du Unglückliche, gedächtest du der Äxte und Sägen, die dich zurechtstutzen, so würdest du ein Dornstrauch und keine Tanne sein wollen!«

Besser ist ungetrübte Armut als Reichtum mit Zwang und Nötigung.




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Eine Taube, die in einem Taubenschlag gehalten wurde, prahlte mit ihren vielen Kinder. Eine Krähe hörte ihre Worte und sagte: »Ja, meine Liebe, hör auf, damit zu prahlen. Denn je mehr Kinder du bekommst, desto mehr wirst du beklagen, dass deine Gefangenschaft immer strenger wird.«

So sind auch diejenigen unter den Sklaven besonders unglücklich, die in der Sklaverei Kinder bekommen.



Eine Schlange wurde auf einem Bündel von stachligen Disteln zu einem Fluss getragen. Als ein Fuchs vorbei kam und sie sah, sagte er: »Der Kapitän führt das Schiff, das er verdient.«

Für einen üblen Kerl, der böse Taten plant.



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Eine Viper kroch in die Werkstatt eines Schmiedes und bat die Werkzeuge um eine freundliche Gabe. Von allen bekam sie etwas. Dann aber kam sie zu der Feile und forderte auch sie auf, ihr etwas zu geben. Die Feile aber entgegnete: »Ja, du bist wirklich einfältig, wenn du glaubst, von mir etwas bekommen zu können. Denn ich bin es gewohnt, nicht zu geben, sondern von allen etwas zu nehmen.«

Die Geschichte zeigt, dass man töricht ist, wenn man erwartet, von Geizigen etwas zu bekommen.



Eine Viper kroch regelmäßig zu einer Quelle, um zu trinken. Dort wohnte aber eine Wasserschlange, die sie daran hindern wollte, weil sie sich darüber ärgerte, dass die Viper sich nicht nur mit ihrem eigenen Revier zufrieden gab, sondern auch noch in ihren Lebensraum eindrang. Als der Streit ständig zunahm, vereinbarten sie, miteinander zu kämpfen. Dem Sieger sollte die Nutzung des Wassers und des Landes gehören. Als sie den Zeitpunkt festgesetzt hatten, begaben sich die Frösche, weil sie die Wasserschlange hassten, zu der Viper, um ihr Mut zu machen. Sie erklärten ihr auch, sie würden auf ihrer Seite kämpfen. Als die Schlacht begonnen hatte, kämpfte die Viper mit der Wasserschlange. Die Frösche aber konnten nichts weiter tun und stimmten ein lautes Geschrei an. Die Viper siegte und beschuldigte die Frösche, sie hätten ihr zwar versprochen, auf ihrer Seite zu kämpfen, aber ihr im Kampf nicht nur nicht geholfen, sondern nichts weiter getan als zu quaken. Die Frösche sagten zur Viper: »Ja, aber du solltest wirklich wissen, dass unser Bündnis nicht auf Taten, sondern auf Geschrei beruht.«

Die Geschichte zeigt, dass dort, wo es nötig ist zuzupacken, bloße Worte keine Hilfe sind.



Die Wand, in die ein Pflock eingeschlagen wurde, schrie vor Schmerz: »Was tust du mir weh, die ich dir doch kein Leid zufügte?« Doch der Pflock erwiderte: »Nicht ich bin schuld daran, sondern der, welcher von hinten her auf mich schlägt.«



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Zwei Freunde hatten denselben Weg. Da begegnete ihnen ein Bär. Der eine kletterte sofort auf einen Baum und versteckte sich dort. Der andere, der von den Bären gepackt zu werden drohte, warf sich auf den Boden und stellte sich tot. Als ihn der Bär mit der Schnauze berührte und beschnüffelte, hielt er den Atem an. Man sagt nämlich, dass das Tier keinen Toten anrühre. Als sich der Bär entfernt hatte, stieg der andere vom Baum und fragte ihn, was der Bär ihm ins Ohr gesagt habe. Der Betroffene aber antwortete: »Man soll in Zukunft nicht mehr mit solchen Freunden unterwegs sein, die in Gefahren nicht zur Verfügung stehen.«

Die Geschichte zeigt, dass Not die wahren Freunde erkennen lässt.



Reisenden, die in Geschäften unterwegs waren, begegnete ein Rabe, der auf einem Auge erblindet war. Als nun jene auf den Raben blickten und einer von ihnen zur Umkehr riet – denn das wolle das Erscheinen des Vogels bedeuten -, fiel ihm ein anderer ins Wort: »Wie soll dieser Rabe uns die Zukunft verkünden können, der nicht einmal, um sich entsprechend in acht zu nehmen, seine eigene Erblindung vorhersah?«

So sind auch bei Menschen solche, die in ihren eigenen Angelegenheiten nicht Rat wissen, ungeeignet als Ratgeber für ihre Umgebung.



Wanderer waren im Sommer um die Mittagszeit durch die Hitze müde geworden. Als sie eine Platane sahen, gingen sie zu ihr hin und ruhten sich aus, nachdem sie sich in ihrem Schatten ausgestreckt hatten. Sie schauten zu der Platane hoch und sagten zueinander: »Wie nutzlos ist dieser Baum, der den Menschen keine Erträge bringt!« Die Platane erwiderte darauf: »Ihr Undankbaren, ihr genießt noch die von mir gewährte Erholung und schon nennt ihr mich nutzlos und ertraglos!«

In diesem Sinne sind auch manche Menschen so erfolglos, dass man, obwohl sie ihren Mitmenschen Gutes tun, an ihrer Freundlichkeit zweifelt.



Wanderer waren an einem Strand unterwegs, als sie auf eine Anhöhe kamen, von wo sie in der Ferne Buschwerk auf dem Wasser schwimmen sahen. Sie glaubten, es sei ein großes Schiff. Deshalb warteten sie darauf, dass es bald vor Anker gehe. Als das Buschwerk aber vom Wind getrieben ein bisschen näher kam, glaubten sie nicht mehr so ohne weiteres wie vorher, dass es ein großes Schiff sei. Als das Buschwerk ganz nahe herangetrieben war, sahen sie, dass es tatsächlich Buschwerk war und sagten zueinander: »Wir haben auf etwas gewartet, was es gar nicht gibt.«

So scheinen auch manche Menschen von Ferne furchterregende Gestalten zu sein; wenn man sie aber kennen lernt, stellt sich heraus, dass sie harmlos sind.



Eine Wespe ließ sich auf dem Kopf einer Schlange nieder und setzte ihr heftig zu, indem sie sie unterbrochen mit ihrem Stachel quälte. Die Schlange empfand großen Schmerz und konnte den Quälgeist nicht abschütteln. Also legte sie ihren Kopf unter ein Wagenrad und starb auf diese Weise zusammen mit der Wespe.

Für diejenigen, die es auf sich nehmen, gemeinsam mit ihren Feinden zu sterben.



Wespen und Rebhühner waren einmal sehr durstig, kamen zu einem Bauern und baten ihn um einen Schluck Wasser. Für das Wasser versprachen die Rebhühner, die Erde um die Rebstöcke herum umzugraben und die Trauben kräftig wachsen zu lassen. Die Wespen kündigten an, um die Rebstöcke herumzufliegen und die Diebe mit ihren Stacheln abzuwehren. Daraufhin sagte der Bauer: »Aber ich habe doch schon zwei Ochsen, die mir nichts versprechen und alles dies schon tun. Es ist besser, ihnen das Wasser zu geben als euch.«

Diese Geschichte zielt auf einen undankbaren Menschen.



Eine Dohle sah öfters zu, wie reichlich die Tauben auf einem Bauernhof gefüttert wurden. »Sie bekommen das Futter hingestreut«, dachte sie neidisch, »während ich es mühsam suchen muss. Ich will lieber eine Taube werden!«

Was tat sie nun? Sie bemalte sich weiß vom Kopf bis zum Fuß, glättete ihr Gefieder und mischte sich unter den Taubenschwarm. Vergnügt pickte sie die Körner auf. Die Tauben ließen sie ruhig gewähren, denn keine vermutete, dass dies ein fremder Vogel sei. So ging das einige Tage - bis die Dohle so unklug war, ihren Schnabel aufzutun und ihr Gekrächze hören zu lassen. »Eine Dohle, eine verkleidete Dohle!« schrieen die Tauben wütend, stürzten auf sie zu und hätten sie unbarmherzig totgebissen, wenn es ihr nicht gelungen wäre zu entfliehen. Reumütig kehrte die Dohle zu ihrer Sippe zurück. Jedoch die andern Dohlen erkannten sie nicht mehr in ihrem weißen Kleide. Bösartig hackten sie auf den fremden Vogel los. Sie duldeten nicht, dass er unter ihnen lebte.

So wurde die weiße Dohle heimatlos und hatte es noch viel schwerer, sich ihre Nahrung zu suchen.



Der Vogelfänger hatte sein Netz ausgespannt und zahme Tauben daran festgebunden. Dann trat er zur Seite und wartete darauf, was kommen würde. Nachdem die wilden Tauben herbeigeflogen waren und sich in den Maschen verstrickt hatten, kam er wieder herzu und versuchte, sie einzufangen. Da beschuldigten die wilden Tauben die zahmen, dass sie ihnen, obgleich sie doch miteinander verwandt seien, die drohende Gefahr nicht angezeigt hätten; doch die erwiderten nur: »Es ist nun einmal für uns vorteilhafter, wenn wir unsere Herren respektieren, als wenn wir unserer Verwandtschaft zu Gefallen sind.«

So darf man auch Diener nicht schelten, die aus Zuneigung zu ihren Herren es an Liebe zu ihren Verwandten fehlen lassen.



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Wölfe stellten einer Schafherde nach. Als sie diese aber nicht in ihre Gewalt bringen konnten, weil die Hunde sie beschützten, sahen sie ein, dass sie ihr Ziel nur durch eine List erreichen konnten. Sie schickten daraufhin Boten zu den Schafen und verlangten von ihnen die Auslieferung der Hunde, indem sie behaupteten, jene seien der Grund der Feindschaft, und wenn sie sie ausliefern, werde Frieden zwischen den Wölfen und den Schafen herrschen. Da die Schafe die Folgen nicht voraussahen, gaben sie die Hunde heraus. Und die Wölfe brachten sie jetzt ohne weiteres in ihre Gewalt und töteten die Herde, weil sie nicht mehr beschützt wurde.

So geschieht es auch in den Städten, wenn deren Politiker sie bedenkenlos in Stich lassen und dabei nicht merken, dass sie dadurch auch selbst zu einer leichten Beute für ihre Feinde werden.



Ein Ziegenhirt musterte seine Ziegen, bevor er sie austrieb. Eine derselben hatte es sich gut schmecken lassen und sehr viel gefressen. Sie ging daher langsamer als die andern und blieb zurück. Der Hirt ärgerte sich über ihre Langsamkeit, und da er nicht lange auf sie warten wollte, hob er einen Stein auf und warf nach ihr. Unglücklicherweise traf er das eine Horn, dass es abbrach. Kaum geschehen, bereute er seine Unvorsichtigkeit und bat die Ziege, doch ja nichts ihrem Herrn zu klagen. »Sei doch gescheit«, antwortete die Ziege, »wenn ich auch nichts davon sagen wollte, so würde doch das fehlende Horn dich anklagen.«

Wo Taten sprechen, lasst sich das einmal Geschehene nicht verhehlen.



Eine Zikade sang auf einem hohen Baum. Ein Fuchs, der sie fressen wollte, dachte sich folgendes aus. Er stellte sich vor den Baum, bewunderte ihre melodische Stimme und lud sie ein, herunterzukommen er wolle, sagte er, gerne einmal sehen, was für ein Tier so schön singen könne. Sie aber durchschaute den Trug und sprach zum Fuchs: »Du irrst dich, wenn du mich hinunterlocken willst. Ich hüte mich vor Füchsen, seitdem ich einmal in der Fuchslosung Zikadenflügel gesehen habe.«

So macht Verständige des Nachbarn Unheil klug.




Ein Ferkel war in eine Herde von Schafen geraten und fraß mit ihnen gemeinsam das Gras auf der Weide. Dann aber packte es der Schäfer, und es quiekte und strampelte. Die Schafe beklagten sich bei ihm über sein Geschrei und sagten: »Packt uns der Schäfer nicht ständig, ohne dass wir schreien?« Da sagte das Ferkel zu ihnen: »Ja, aber wenn es euch packt, ist es etwas anderes, als wenn er mich packt. Denn euch jagt er wegen eurer Wolle oder wegen eurer Milch, mich aber wegen meines Fleisches.

Die Geschichte zeigt, dass diejenigen mit Recht laut schreien, bei denen es nicht um ihren Besitz geht, sondern um ihr Leben.



Ein Schaf wurde auf ungeschickte Weise geschoren. Da sagte es zu dem Schafscherer: »Wenn du Wolle suchst, dann schneide etwas höher ab. Wenn du aber Fleisch haben willst, dann bringe mich auf einmal als Opfer dar und hör auf damit, mich Stück für Stück zu zerschneiden.«

Die Geschichte passt gut auf diejenigen, die ihre Künste ungeschickt anwenden.



Das Hirschkalb sagte einmal zu dem Hirsch: »Vater, von Natur aus bist du größer und schneller als die Hunde, und außerdem trägst du zu deinem Schutze ein gewaltiges Geweih. Was also hast du von ihnen zu fürchten?« Lachend erwiderte der Hirsch: »Mit alldem hast du schon recht, mein Kind. Aber ich weiß jedenfalls das eine: wenn ich das Bellen eines Hundes vernehme, dann gibt es für mich kein Halten mehr!«

Die Fabel demonstriert, dass die geborenen Feiglinge kein Zureden zu ermutigen vermag.



Als das Kalb den Stier sich rackern sah, bedauerte es ihn, weil er sich so plagen musste. Als aber der Festtag nahte, ließ man den Stier frei, während man das Kalb zur Schlachtbank führte. Der Stier, der das sah, lächelte und sagte zu dem Kalb: »Darum, liebes Kälbchen, durftest du müßig gehen, damit man dich zu gegebener Zeit schlachten konnte.«

Die Fabel zeigt, dass dem Müßiggänger Gefahr droht.



Als das Kamel von seinem eigenen Herrn gezwungen wurde zu tanzen, da sagte es: »Aber nicht nur beim Tanzen, schon beim bloßen Gehen mache ich eine schlechte Figur!«

Die Fabel passt auf einen jeden, der etwas Unangemessenes tut.




Als die vernunftlosen Tiere einen König wählen wollten, stellten sich das Kamel und der Elefant hin und wetteiferten um dieses Amt, und aufgrund ihrer körperlichen Größe und Stärke hofften sie den Vorrang vor allen anderen beanspruchen zu können. Der Affe behauptete aber, das beide ungeeignet seien, und sagte, das Kamel sei unfähig, weil es keinen Zorn auf die Übeltäter kenne, der Elefant, weil zu befürchten sei, dass uns unter seiner Herrschaft ein Schweinchen, vor dem er Angst habe, angreife.

Die Geschichte zeigt, dass oft die wichtigsten Dinge aus einem geringfügigen Grund verhindert werden.



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Ein Kamel sah einen Stier, der mit seinen Hörnern prahlte. Es war neidisch auf ihn und wollte auch selbst Hörner haben. Deshalb ging es zu Zeus und bat ihn darum, er möge ihm Hörner verleihen. Zeus ärgerte sich aber über das Kamel, weil ihm die Größe seines Körpers und seine Stärke nicht genügten und es sogar dazu noch überflüssige Dinge haben wollte. Darum verweigerte er ihm nicht nur die Hörner, sondern schnitt ihm auch noch ein Stück von seinen Ohren ab.

So blicken viele Menschen aus Gewinnsucht neidisch auf ihre Mitmenschen und verlieren unversehens auch noch das was sie besitzen.



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Als die Bürger von Himera den Phalaris zum absoluten Führer erwählt hatten und im Begriff waren, ihm eine Leibgarde beizugeben, erzählte ihnen Stesichoros* unter anderem die folgende Fabel: Ein Pferd hatte eine Wiese für sich allein; da kam ein Hirsch und fraß die Weide ab. Das Pferd wollte den Hirsch strafen und fragte den Menschen; ob er mit ihm zusammen den Hirsch züchtigen könnte. Der sprach: »Wenn du einen Zaum annimmst und mich mit meinen Geschossen aufsteigen lässt.« Als das Pferd einwilligte und der Mensch es bestieg, musste das Pferd, statt sich am Hirsch zu rächen, dem Menschen dienstbar sein. »So sehet auch ihr darum zu«, sprach  Stesichoros, »dass es euch, während ihr euch an euren Feinden rächen wollt, nicht ebenso ergeht wie dem Pferde. Den Zaum habt ihr schon an, da ihr euch einen Generalissimus erwählt habt; wenn ihr ihm noch eine Leibgarde gebt und damit in den Sattel steigen lasst, werdet ihr zu Knechten des Phalaris.«

*Griechischer Dichter, *um 640 v in Matauros, Unteritalien, ?um 555; lebte meist in Himera,
Sizilien; Chorlyriker, schrieb balladenartige Gedichte mit epischen Stoffen, die mit Lyrabegleitung vorgetragen wurden.



Ein Soldat, der ein eigenes Pferd besaß, fütterte es in Kriegszeiten mit Gerste, denn dann war es sein Kamerad in der Not; war aber der Krieg vorbei, so musste das Pferd arbeiten und zum Tragen schwerer Lasten dienen und bekam nur Spreu zu fressen. Als wieder Kriegsgeschrei und die Trompete erscholl, zäumte der Soldat das Pferd auf und saß gewappnet auf. Sogleich aber brach das entkräftete Ross zusammen und sagte zu seinem Herrn: »Zieh du nunmehr mit der Infanterie ins Feld, denn du hast mich von einem Pferd in einen Esel verwandelt, und wie kannst du aus einem Esel ein Pferd machen?«



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Ein Schwein und eine Hündin stritten miteinander. Als das Schwein bei Aphrodite schwor, dass es die Hündin mit seinen Hauern aufschlitze, wenn sie nicht aufhöre, sagte die Hündin, dass sie eben deshalb nicht wisse, ob Aphrodite das Schwein so hasse, dass sie denjenigen, der Schweinefleisch gegessen habe, nicht in ihren Tempel eintreten lasse. Da antwortete das Schwein: »Nein, meine Liebe, sie tut dies nicht, weil sie mich hasst, sondern weil sie verhindern will, dass mich jemand als Opfer darbringt.«

So wandeln die Besonnenen unter den Rednern oft auch die von ihren Gegnern vorgebrachten Schmähungen in Lobpreisungen.



(Über die Leichtigkeit des Gebärens)
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Ein Schwein und eine Hündin stritten darüber, wer seine Jungen am leichtesten zur Welt bringe. Als dann die Hündin sagte, dass sie als einzige unter den Vierfüßlern ihre Jungen schnell zur Welt bringe, entgegnete das Schwein: »Aber wenn du dies sagst, erkenne ich, dass deine Jungen blind sind.«

Die Geschichte lehrt, dass die Dinge nicht nach dem Maß der Geschwindigkeit, sondern nach dem Grad ihrer Vollkommenheit beurteilt werden.



Ein Wildschwein stand neben einem Baum und wetzte seine Zähne. Da wurde es von einem Fuchs gefragt, warum es seine Zähne wetze, wo doch weder ein Jäger in der Nähe sei noch eine Gefahr drohe. Das Wildschwein antwortete: »Ich tue das wirklich nicht ohne Grund. Denn wenn mich plötzlich eine Gefahr überfällt, habe ich keine Zeit, mir die Zähne zu wetzen, werde sie aber in kampfbereiten Zustand benötigen.«

Die Geschichte lehrt, dass es nötig ist, sich vorzubereiten, bevor die Gefahren da sind.



Ein Wiesel lief in eine Schmiede und leckte an der dort liegenden Feile. So kam es, dass das Tier viel Blut vergoss, weil es sich die Zunge abschürfte. Es freute sich aber darüber, weil es der Meinung war, dass es dem Eisen etwas wegnähme, bis es seine Zunge vollständig verloren hatte.

Die Geschichte zeigt, dass die meisten Menschen aus Habsucht mehr wollen und dann verlieren, was sie schon haben.



Ein Wiesel, das sich in einen schönen jungen Mann verliebt hatte, betete zu Aphrodite, dass sie es in eine Frau verwandle. Die Göttin hatte Mitleid mit dem Wiesel und seinem Liebeskummer. Sie verwandelte es in ein schönes Mädchen. Und so kam es, dass der junge Mann das Mädchen sah, sich verliebte und es als Frau nach Hause führte. Als die beiden nun im Schlafzimmer saßen, wollte Aphrodite wissen, ob das Wiesel, dessen Körper verwandelt war, auch sein Wesen verändert habe. Sie ließ eine Maus in das Zimmer laufen. Das Mädchen vergaß alles, was mit ihm geschehen war, sprang aus dem Bett, verfolgte die Maus und wollte sie fressen. Da ärgerte sich die Göttin über das Wiesel und gab ihm seine ursprüngliche Gestalt zurück.

So ist es auch bei den Menschen: Die von Natur aus Schlechten ändern ihr Wesen nicht, auch wenn sie ihre äußere Erscheinung ändern.



Ein Fuchs hatte noch nie einen Löwen gesehen. Als er dann einem Löwen zufällig begegnete, bekam er bei seinem Anblick zuerst einen solchen Schrecken, dass er beinahe gestorben wäre. Als er ihn ein zweites Mal traf, bekam er es zwar wieder mit der Angst zu tun, aber nicht so sehr wie beim ersten Mal. Als er ihn ein drittes Mal sah, war er so mutig, dass er sogar zu ihm hinging und sich mit ihm unterhielt.

Die Geschichte veranschaulicht, dass die Gewohnheit auch die Angst vor den Dingen verringert.



Die Fischer zogen ihr Netz ein. Da es schwer war, freuten sie sich und tanzten vor Glück. Denn sie glaubten, es sei ein großer Fang. Sie zogen das Netz an den Strand, fanden darin aber nur wenige Fische, dafür war das Netz voll mit Steinen und Holz. Sie waren sehr enttäuscht, aber weniger, weil es so geschehen war als darüber, dass sie mit dem Gegenteil gerechnet hatten. Einer von ihnen, ein alter Fischer, sagte: »Lasst uns aufhören zu jammern, Freunde. Denn der Kummer ist die Schwester der Freude, und es musste so kommen, dass wir, nachdem wir uns vorher so sehr gefreut haben, jetzt eben auch eine Enttäuschung hinnehmen müssen.«

Aber auch wir dürfen, wenn wir die Unbeständigkeit des Lebens sehen, nicht erwarten, dass wir uns auf unser Glück verlassen können, sondern müssen daran denken, dass nach langem Sonnenschein auch wieder Regen kommen muss.



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Die Frösche litten darunter, dass sie keinen Herrscher hatten. Also schickten sie Boten zu Zeus und baten ihn darum, ihnen einen König zu geben. Zeus durchschaute aber ihre Dummheit und ließ ein Stück Holz in den Sumpf werfen. Die Frösche bekamen zunächst einen gewaltigen Schrecken bei dem Geräusch und tauchten in die Tiefe des Sumpfes. Weil das Stück Holz sich aber nicht weiter bewegte, tauchten sie später wieder auf und hielten es für so ungefährlich, dass sie sogar darauf stiegen und sich dort niederließen. Aber weil sie es für unwürdig hielten, einen solchen König zu haben, begaben sie sich ein zweites Mal zu Zeus und verlangten von ihm, ihnen einen anderen König zu geben. Der erste sei nämlich ein allzu großer Nichtsnutz. Zeus ärgerte sich über sie und schickte ihnen eine Schlange, von der sie verschlungen und aufgefressen wurden.

Die Geschichte zeigt, dass es besser ist, solche Herren zu haben, die sich um nichts kümmern und nichts Böses tun, als solche, die alles durcheinander bringen und Schandtaten begehen.



Zwei Frösche lebten in einem Sumpf. Einmal trocknete er aus, und da suchten sie eine andere Bleibe. Als sie an einen Brunnen kamen, riet der eine dazu, einfach hineinzuspringen. Der andere aber sagte: »Wenn aber auch hier das Wasser austrocknet, wie werden wir dann wieder herauskommen?«

Die Geschichte lehrt uns, dass man nicht unüberlegt handeln soll.



Ein Esel, vollbeladen mit Salz, durchquerte einen Fluss. Aber dann rutschte er aus. Als er ins Wasser gefallen war und das Salz sich aufgelöst hatte, stand er wieder auf und war viel leichter. Er freute sich darüber. Als er später Schwämme über einen Fluss transportierte, glaubte er, dass er sich, wenn er wieder hinfalle, wieder mit geringerem Gewicht erheben werde. Daraufhin ließ er sich absichtlich fallen. Aber da passierte es ihm, dass er, weil die Schwämme sich mit Wasser vollsogen, nicht mehr aufstehen konnte und auf der Stelle ertrank.

So stürzen sich auch manche Menschen mit ihren bösen Absichten unbeabsichtigt in ihr Verderben.



Jemand legte einem Esel ein Götterbild auf den Rücken und begab sich mit ihm auf den Weg in eine Stadt. Viele Menschen kamen ihnen entgegen und verneigten sich vor dem Bild. Weil der Esel annahm, dass sie sich vor ihm verneigten, ließ er sich dadurch betören, blies sich mächtig auf und wollte nicht mehr weitergehen. Als der Eselstreiber begriff, was passiert war, schlug er ihn mit dem Stock und sagte: »Du übler Kerl, das fehlte noch, dass sich die Menschen vor dir, einem Esel, verneigen!«

Die Geschichte zeigt, dass sich diejenigen, die mit den Leistungen anderer Menschen prahlen, bei denen, die sie durchschauen, lächerlich machen.



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Ein Esel zog sich ein Löwenfell über und setzte überall die unvernünftigen Tiere in Angst und Schrecken. Als er dann einen Fuchs sah, versuchte er auch diesen zu erschrecken. Der Fuchs aber - er hatte nämlich zuvor seine Stimme gehört – sagte zu ihm: »Ja, sei dir darüber im Klaren, dass auch ich dich gefürchtet hätte, wenn ich nicht dein unverschämtes Geschrei gehört hätte.«

So werden manche Ungebildete, die aufgrund ihrer aufgeblasenen Großtuerei etwas zu sein scheinen, durch ihre eigenen Geschwätzigkeit entlarvt.



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Als die Menschen zum ersten Mal ein Kamel sahen, bekamen sie einen Schrecken und entsetzt über die Größe des Tieres flohen sie. Nach einiger Zeit aber nahmen sie sein sanftes Wesen wahr, fassten sich ein Herz und gingen zu ihm hin. Nach kurzer Zeit merkten sie, dass das Tier keinen Zorn kannte. Schließlich hatten sie so wenig Angst vor ihm, dass sie ihm sogar Zügel anlegten und es ihren Kindern zum Reiten gaben.

Die Geschichte zeigt, dass die Gewöhnung den Dingen ihren Schrecken nimmt.



vgl. Äsop: Der Rhetor Demades

Der Politiker Demosthenes versuchte einmal, zur athenischen Volksversammlung zu sprechen, man wollte ihn aber nicht zu Wort kommen lassen; da sagte er, er wolle ihnen nur kurz etwas sagen. Man schwieg still, da sprach er: »Ein junger Mann mietete einmal im Sommer einen Esel für die Strecke Athen-Megara (wobei der Eseltreiber mitging). Als nun am Mittag die Sonne sehr heiß war, wollten sich beide in den Schatten [des Esels] setzen. Aber jeder verwehrte es dem anderen: Der Vermieter sagte, er habe den Esel, aber nicht dessen Schatten, vermietet, der Mieter aber behauptete, ihm stehe alles zu.« Nach diesen Worten trat Demosthenes ab. Die Athener waren gespannt und baten ihn, doch zu sagen, wie die Geschichte ausgegangen sei; da sprach er: »Von eines Esels Schatten wollt ihr hören, aber nichts von ernsten Angelegenheiten.«



Es regierte einmal ein Löwe, der war weder jähzornig noch roh oder brutal, sondern mild und gerecht, so wie es der Mensch ist. Unter seiner Regierung fand auch ein Landtag aller Tiere statt, wo ihre Prozesse entschieden und Wiedergutmachung beschlossen wurde – Wolf gegenüber dem Schaf, Leopard und Gämse, Hirsch und Tiger, Hund und Hase. Da sprach das Häslein: »Ich habe gebetet, diesen Tag erleben zu dürfen, da die Schwachen den Mächtigen Furcht einflößen.«



Diogenes, der Kyniker, war unterwegs. Er kam an einen stark angeschwollenen Fluss und blieb hilflos stehen. Da sah ein Mann, der sich mit dem Übergang auskannte, wie Diogenes sich nicht zu helfen wusste, kam hinzu, nahm ihn freundlich auf den Rücken und trug ihn hinüber. Der aber stand und verfluchte seine Armut, weil er es seinem Wohltäter nicht vergelten konnte. Nun nahm er aber wahr, wie jener Mann zu einem anderen Wandersmann eilte, der auch nicht hinüberkonnte, und auch diesen herübertrug. Da ging Diogenes zu ihm und sprach: »Jetzt bin ich dir nicht mehr dankbar für das, was du getan hast, denn ich sehe, dass du nicht freiwillig, sondern krankhaft handelst.«

Diese Geschichte zeigt, dass derjenige, der außer anständigen Menschen auch einem ekelhaften Kerl einen Liebesdienst erweist, nicht als Menschenfreund, sondern eher als töricht anzusehen ist.




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Ein Fuchs kam in die Werkstatt eines Bildhauers und sah sich jede der dort befindlichen Statuen genau an. Da stieß er auf die Büste eines Tragödiendichters, hob sie hoch und rief: »Was für ein herrlicher Kopf ohne Gehirn!«

Die Geschichte passt auf einen Menschen, der zwar einen großartigen Körper hat, aber ansonsten ohne Vernunft ist.



Auf irgendeinem Hof lebten ein Esel und ein Hahn. Als ein hungriger Löwe den Esel sah, ging er unverzüglich hin, um ihn aufzufressen. Beim Lärm des krähenden Hahnes bekam der Löwe aber einen gewaltigen Schrecken – es heißt nämlich, dass die Löwen vor dem Geschrei der Hähne Angst haben – und wandte sich zur Flucht. Der Esel wurde übermütig bei dem Gedanken, dass sich der Löwe vor einem Hahn fürchtete, und lief hinaus, um diesen zu verfolgen. Aber als der Löwe weit genug entfernt war, fraß er ihn auf.

So geht es auch manchen Menschen: Sie sehen, dass sich ihre Feinde zurückziehen und fassen deshalb Mut; dann aber werden sie von ihnen unversehens vernichtet.



Auf engem Pfad zog Herakles des Weges. Da sah er etwas auf dem Boden liegen, das wie ein Apfel aussah, und versuchte es zu zerdrücken. Da sah er, wie das Ding doppelt so groß wurde: so bearbeitete er es noch stärker und schlug mit seiner Keule darauf: es wurde aber daraufhin so groß, dass es den ganzen Weg versperrte. Er warf seine Keule fort und stand ratlos da. Da erschien ihm Athene und sprach: »Höre auf, Bruder: das ist der Zank und Streit. Lässt man ihn ungeschoren, so bleibt er, wie er war, bekämpft man ihn aber, so schwillt er an, wie du siehst.«

Kampf und Streit verursachen großen Schaden.



Nachdem Herakles zum Gott erhoben worden war und an der Tafel des Zeus saß, begrüßte er jeden einzelnen der Götter mit großer Freundlichkeit. Und als nun schließlich Plutos hereinkam, drückte er ihn auf den Boden und ließ ihn nicht hereinkommen. Zeus wunderte sich darüber und fragte ihn nach dem Grund, weshalb er alle Götter freundlich angeredet habe und nur Plutos als unerwünscht betrachte. Da sagte Herakles: »Ich halte ihn deshalb für unerwünscht, weil ich ihn, als ich mich noch unter den Menschen aufhielt, meistens in Begleitung schlechter Menschen sah.«

Die Geschichte könnte auf einen Mann zutreffen, der reich ist, was sein äußeres Schicksal angeht, aber arm ist, wenn man seinen Lebenswandel betrachtet.



Hermes wollte prüfen, ob die Kunst des blinden Sehers Teiresias wirklich auf die Wahrheit ziele. Er stahl ihm die Rinder vom Feld. Dann kam er in der Gestalt eines Menschen zu ihm in die Stadt und ließ sich von ihm gastlich aufnehmen. Als dann dem Teiresias berichtet wurde, dass ihm sein Rindergespann gestohlen war, ging er mit Hermes zu einem Platz außerhalb der Stadt, um einen Vogel über den Diebstahl zu befragen. Er bat Hermes, ihm zu sagen, was für einen Vogel er sehe. Hermes sah zuerst einen Adler von links nach rechts fliegen. Das sagte er Teiresias. Als Teiresias aber darauf hinwies, dass der Adler nichts mit ihnen zu tun habe, sah Hermes beim zweiten Hinschauen eine Krähe auf einem Baum sitzen, die einmal nach oben blickte und einmal sich der Erde zuwandte. Das teilte er Teiresias mit. Der sagte daraufhin: »Ja, diese Krähe schwört beim Himmel und bei der Erde, dass ich, wenn du willst, meine Rinder wiederbekommen werde.«

Diese Geschichte könnte man auf einen Dieb anwenden.

Anmerkung: Teiresias ist auch eine wichtige Figur im »Ödipus« des Sophokles. Dort trägt er dazu bei.



Hermes wollte wissen, wie angesehen er bei den Menschen war. Er nahm die Gestalt eines Menschen an und ging in die Werkstatt eines Bildhauers. Dort sah er das Bildnis des Zeus und fragte: »Was kostet es?« Als der Bildhauer antwortete: »Eine Drachme«, lachte Hermes und fragte: »Wie teuer ist das Bild der Hera?« - »Es kostet noch mehr«, antwortete der Bildhauer. Dann sah er auch sein eigenes Bildnis und nahm an, da er doch der Götterbote und ein tüchtiger Kaufmann war, dass die Menschen ihn besonders schätzten. Darum fragte Hermes: »Was kostet der?« Der Bildhauer erwiderte: »Wenn du die beiden anderen kaufst, werde ich dir diesen dazugeben.«

Die Geschichte passt auf einen ruhmsüchtigen Menschen, der in den Augen der anderen nichts gilt.



Zeus schuf den Mann und die Frau. Er befahl Hermes, sie auf die Erde zu bringen und ihnen zu zeigen, wo sie graben könnten, um sich eine Wohnung zu schaffen. Als Hermes den Befehl ausgeführt hatte, leistete die Erde zunächst Widerstand. Aber als Hermes sie zwang, indem er sagte, Zeus habe dies angeordnet, entgegnete sie: »Ja, sie sollen nur graben, so tief sie wollen. Denn stöhnend und weinend werden sie die Erde wieder zurückgeben.«

Die Geschichte passt gut auf diejenigen, die sich bedenkenlos etwas leihen, dies aber unter Schmerzen zurückgeben.



Zeus gab Hermes den Auftrag, allen Handwerkern das Gift der Lüge zu geben. Hermes stellte es her und gab jedem die Dosis, die zu ihm passte. Als aber schließlich allein der Schuhmacher noch übrig blieb und noch viel Gift vorhanden war, nahm Hermes den ganzen Rest und flößte ihn dem Schuhmacher ein. Dadurch geschah es, dass alle Handwerker lügen, am meisten von allen aber die Schuhmacher.

Die Geschichte passt gut zu einem Lügner.



Ein Jäger hatte einen Hasen erlegt und zog mit ihm des Weges. Da begegnete ihm ein Mann zu Pferde, der ihn bat, ihm den Hasen einmal zu geben, unter dem Vorwand, er wolle ihn kaufen. Sobald der Reiter aber den Hasen in der Hand hatte, sprengte er in vollem Galopp davon. Der Jäger lief hinterher, im Glauben, er könnte ihn einholen. Als sich aber der Vorsprung des Reiters immer mehr vergrößerte, rief ihm der Jäger, ob er es auch ungern tat, nach: »Geh' nur, ich wollte dir den Hasen ohnehin schenken.«

Die Geschichte zeigt, dass viele, denen man ihren Besitz gegen ihren Willen wegnimmt, so tun, als hätten sie ihn freiwillig hergegeben.



Ein Jüngling bestieg ein wildes Pferd, das mit ihm durchging, er konnte von demv rasendem Ross nicht mehr absteigen. Es traf ihn einer und fragte ihn: »Wohin reitest du?« - er deutete auf das Pferd und rief: »Wohin es ihm beliebt.«

So werden auch viele auf die Frage, »wohin treibt ihr?« wahrheitsgemäß einfach antworten müssen: »wohin es meinen Trieben beliebt,« je nachdem einer der Sinnesfreude nachstrebt, oder dem Ruhm, oder vielleicht der Gewinnsucht, manchmal ist es Zorn, manchmal Furcht, manchmal etwas anderes, das sie fortreißt.




Einige mutwillige Knaben machten sich eines Tages die größte Freude daraus, an einem Teiche jeden Frosch, so wie er hervortauchte, mit Steinen zu bewerfen, je mehr Frösche sie verwundeten, je größer und lauter wurde das Geschrei, bis endlich ein alter Frosch auftauchte und ihnen zurief: »Kinder, bedenkt doch, was ihr tut, dass ihr uns armen Tiere, die euch nichts Böses taten, quält und schuldlos tötet.« Dies machte die Knaben aufmerksam, sie dachten darüber nach und gingen beschämt nach Hause.



Zwischen Mäusen und Katzen war Krieg. Aber immer waren die Mäuse die Unterlegenen, wenn sie in den Krieg zogen. Sie nahmen an, dass sie dies erdulden müssten, weil sie keine Regierung hätten. Deshalb suchten sie einige aus ihren Reihen aus und wählten sie zu ihren Feldherren. Weil diese den Wunsch hatten, deutlicher erkennbar zu sein als die anderen, machten sie sich Hörner und setzten sie sich auf die Köpfe. Als aber der Kampf begonnen hatte, ergab es sich wieder, dass die Mäuse allesamt unterlegen waren. Alle übrigen flüchteten also zu ihren Mauselöchern und schlüpften auch leicht hinein. Die Feldherrn aber konnten wegen ihrer Hörner nicht hineingelangen, wurden gefangen und aufgefressen.

So wird für viele die eitle Ruhmsucht zur Ursache ihres Verderbens.



Ein frommer Mann, der alles, was sich ziemte, auch gehörig ausführte, lebte ziemlich lange Zeit einträchtig bei seinen Kindern. Dann aber geriet er in äußerste Bedürftigkeit; mit tödlichem Schmerz in der Seele fluchte er der Gottheit und sah sich gezwungen, sich selber umzubringen. Er nahm also ein Schwert mit sich und ging hinaus in die Wildnis, denn er wollte lieber sterben als elend leben. Als er so ging, fand er zufällig eine sehr tiefe Grube; darin lag ein großer Haufen Goldes, das hatte ein Riese, der Kyklops hieß, dort eingelagert. Als der fromme Mann das Gold sah, erfüllten ihn alsbald Furcht und Freude über die Maßen. Er warf sein Schwert weg, nahm das Gold fort und ging wohlgemut heim zu seinen Kindern. Als nun Kyklops zu der Grube kam und sein Gold nicht mehr fand, sondern nur das Schwert dort liegen sah, ergriff er es sogleich und brachte sich um.

Die Geschichte zeigt, dass den Bösen, wie es ihnen gemäß ist, Übles zustößt, den Guten und Frommen aber ist Gutes beschieden.



Gemäß dem Gebot des Zeus erschuf Prometheus Menschen und Tiere. Als Zeus aber sah, dass der unvernünftigen Tiere viel mehr waren, befahl er ihm, einige Tiere abzuschaffen und sie zu Menschen umzugestalten. Der folgte dem Gebot, und so kam es, dass die solchermaßen Umgeformten zwar Menschengestalt aber tierische Natur haben.

Dies ist ein Zeugnis gegen tierische und jähzornige Menschen.



Ein alter furchtsamer Mann hatte einen einzigen Sohn von edler Art, den es zur Jagd zog; da sah er im Traum, wie sein Sohn von einem Löwen getötet wurde. Aus Furcht, der Traum könne sich verwirklichen, ließ er ein sehr schönes, hochgelegenes Zimmer erbauen, und darin hielt er seinen Sohn eingeschlossen. In dem Zimmer ließ er zum Ergötzen seines Sohnes allerlei Tiere, darunter auch einen Löwen, an die Wände malen.
Als der Sohn die Bilder sah, betrübten sie ihn noch mehr; er stellte sich vor den Löwen und rief: »Du elendes Vieh, um deinetwillen und wegen eines Lügentraumes bin ich hier in meines Vaters Haus eingeschlossen wie in einem Gefängnis. Dir will ich's geben!« Mit diesen Worten hieb er seine Faust gegen die Wand, um dem Löwen die Augen auszuschlagen. Dabei aber trieb er sich einen Splitter in den Finger; es kam zur Schwellung, zur Entzündung und Blutvergiftung, bis hohes Fieber bald zum Tode führte. So hatte denn ein Löwe den Sohn getötet, ohne dass seines Vaters Kunstgriff ihm genutzt hätte.

Die Geschichte zeigt, dass niemand seinem Schicksal entgehen kann.



Ein Stier fand einen Löwen schlafend und tötete ihn mit seinen Hörnern. Des Löwen Mutter stand bei ihm und weinte bitterlich. Von weitem sah sie ein Wildschwein, wie sie jammerte, und sprach zu ihr: »Wie viele Menschen weinen jetzt nicht, deren Kinder ihr umgebracht habt.«

Mit welchem Maße einer misst, soll auch er gemessen werden.



Ein hungriger Fuchs kam einstmals in ein Dorf und fand einen Hahn; zu dem sprach er also: »O mein Herr Hahn, welche schöne Stimme hat dein Herr Vater gehabt! Ich bin darum zu dir hierher gekommen, dass ich deine Stimme hören möchte. Darum bitt ich dich, dass du mir singst mit lauter Stimme, damit ich hören möge, ob du eine schönere Stimme habest oder dein Vater.« Da erschwang der Hahn sein Gefieder, und mit geschlossenen Augen fing er an, auf das lauteste zu krähen. Indem sprang der Fuchs auf und fing ihn und trug ihn in den Wald. Als das die Bauern gewahr wurden, liefen sie dem Fuchs nach und schrieen: »Der Fuchs trägt unsern Hahn fort!« Als der Hahn das hörte, sprach er zu dem Fuchs: »Hörst du, Herr Fuchs, was die groben Bauern sagen? Sprich du zu ihnen: 'Ich trage meinen Hahn und nicht den euern'.«
Da ließ der Fuchs den Hahn aus dem Maule und sprach: »Ich trage meinen Hahn und nicht den euern.« Indem flog der Hahn auf einen Baum und sprach: »Du lügst, Herr Fuchs, du lügst, ich bin des Bauern, nicht dein.«
Da schlug der Fuchs sich selbst mit den Händen aufs Maul und sprach: »O du böses Maul, wie viel schwätzest du? Wie viel redest du Unnützes? Hättest du jetzt nicht geredet, so hättest du deinen Raub nicht verloren.«



Ein armer Mann war krank, und es ging ihm sehr schlecht. Als er schon von seinen Ärzten aufgegeben war, gelobte er, den Göttern ein aufwändiges Opfer darzubringen und Weihgeschenke aufzustellen, wenn er erst einmal wieder gesund wäre. Als seine Frau ihn aber fragte (sie stand nämlich gerade an seinem Bett): »Und womit willst du das bezahlen?« antwortete er: »Glaubst du denn wirklich, dass ich wieder aufstehen werde, damit die Götter das auch von mir einfordern können?«

Die Geschichte zeigt, dass die Menschen leicht etwas versprechen, wovon sie nicht erwarten, dass sie es jemals einlösen werden.



Als ein hungriger Fuchs sah, dass irgendwelche Hirten in einer hohlen Eiche Brot und Fleisch versteckt hatten, kroch er hinein und fraß alles auf. Als er seinen Bauch übermäßig gefüllt hatte, jammerte und klagte er. Als er sein Klagen hörte, lief ein anderer Fuchs zu ihm hin und fragte ihn nach den Grund seines Klagens. Nachdem er alles, was geschehen war, erfahren hatte, sagte er zu ihm: »Nun musst du so lange hier bleiben, bis du wieder so bist, wie du warst, als du hineingingst, und dann wirst du wieder leicht herauskommen.«

Die Geschichte zeigt, dass die Zeit alle Schwierigkeiten aufhebt.



Der Winter verspottete den Frühling und schalt ihn, dass keiner mehr Ruhe habe, sobald er nur erscheine: der eine läuft in Wiesen und Haine, wo man, wenn es einem gefällt, Lilien und andere Blumen pflücken und sogar eine Rose aufmerksam betrachten oder sich ins Haar stecken kann, ein anderer besteigt ein Schiff, durchquert das Meer und kommt am Ende, wenn er Glück hat, zu anderen Menschen, braucht sich doch niemand mehr um Stürme oder starke Regengüsse Sorgen machen. »Ich aber«, fuhr der Winter fort, »gleiche einem Herrn und Gebieter; nicht zum Himmel, sondern hinab zur Erde befehle ich zu sehen, gebiete Furcht und Zittern und zwinge die Leute, mitunter ganze Tage bescheiden im Hause zuzubringen.« - »Eben darum«, erwiderte der Frühling, »trennen sich ja die Leute so gern von dir. Von mir dagegen ist ihnen schon der bloße Name angenehm, und es ist ja auch, bei Zeus, der schönste von allen Namen! Darum erinnern sie sich meiner auch, wenn ich fern bin, und jubeln stolz, wenn ich mich zeige.«



Ein Wolf, als oberster Kommandant der anderen Wölfe, erließ ein Gesetz, wonach hinfort jeder die Beute, die er erjagte, mitbringen müsse, um sie unter allen zu verteilen. Das hörte ein Esel, schüttelte vor Lachen seine Mähne und sprach: »Wohl gesprochen, Herr Obergeneral der Wölfe. Aber warum hast du das Wild, das du gestern erlegtest, heimlich in dein Lager geschafft, um es selbst zu fressen?« Der verblüffte Wolf hob das Gesetz auf.

Die Geschichte zeigt, dass diejenigen, die sich anmaßen, Gesetze zu erlassen, sich an die eigene Satzung und Recht nicht halten.



Ein Wolf setzte einem Lämmchen nach, und das flüchtete sich in einem Tempel. Der Wolf rief ihm zu, der Priester werde es dem Gotte opfern, wenn er es finge. Da sprach es: »Lieber will ich eines Gottes Opfer werden als von dir zerrissen zu werden.«

Die Geschichte zeigt, dass, wenn man schon sterben muss, ein Tod in Ehren besser ist.



Es schweifte einst der Wolf dahin durch wüstes Land, als sich die Sonne neigte schon zum Untergang. Da sah er seinen langen Schatten, und er sprach: »Ich soll den Löwen fürchten, da so groß ich bin, wohl hundert Fuß an Länge? Käme mir es nicht zu, dass füglich ich der Herrscher aller Tiere sei? Den Wolf, den Prahler, packte gleich der starke Leu und fraß ihn auf. Der schrie – jetzt wusste er es ja besser: »Ins Unglück stürzt sich einer, der sich überschätzt.«



Zeus, Prometheus und Athene schufen etwas: Zeus einen Stier, Prometheus einen Menschen und Athene ein Haus. Sie wählten Momos als Schiedsrichter aus. Der aber beneidete die Götter um ihre Werke und sagte zunächst, Zeus habe einen Fehler gemacht, weil er dem Stier die Augen nicht auf die Hörner gesetzt habe, damit er genau sehen könne, wohin er stoße. Prometheus habe ebenfalls etwas falsch gemacht, weil er das Gehirn des Menschen nicht außen an den Körper gehängt habe, damit die Übeltäter nicht verborgen blieben, sondern alles, was jeder einzelne im Sinn habe, sichtbar sei. Drittens hielt er der Göttin Athene vor, dass sie Töpferscheiben unter dem Haus hätte anbringen sollen, damit man, wenn man einen bösen Nachbarn habe, sich leicht in eine andere Richtung drehen könne. Da war Zeus sehr ärgerlich auf Momos wegen seiner Nörgelei und warf ihn aus dem Olymp.

Anmerkung: Momos ist der Gott des nörgelnden Tadels, die Personifikation der Nörgelei.



Zeus und Apollon stritten über die Kunst des Bogenschießens. Als Apollon den Bogen gespannt und den Pfeil abgeschossen hatte, machte Zeus einen so großen Schritt, wie Apollon schoss.

So machen sich diejenigen, die mit Stärkeren streiten, abgesehen davon, dass sie jene nicht erreichen, auch noch zum Gespött.



Weil Zeus die Schlauheit und die List des Fuchses bewunderte, gab er ihm die Herrschaft über die vernunftlosen Tiere. Er wollte aber erfahren, ob der Fuchs mit der Veränderung seiner Stellung auch seine kleinliche Gesinnung abgelegt habe. Als er in einer Sänfte getragen wurde, ließ Zeus einen Käfer vor ihm herfliegen. Da konnte er sich aber nicht beherrschen, und als der Käfer um die Sänfte herumflog, sprang er einfach hinaus und versuchte, ihn zu fangen. Zeus aber ärgerte sich darüber und gab ihm seine ursprüngliche Stellung wieder zurück.

Die Geschichte zeigt, dass die einfachen Menschen, auch wenn sie eine ziemlich hohe Stellung erreichen, ihr Wesen nicht verändern.



Als Zeus die Menschen erschaffen hatte, befahl er Hermes, ihnen Vernunft einzuflößen. Und jener goss in jeden einzelnen die gleiche Portion hinein. So kam es, dass die Kleinwüchsigen von ihrer Portion ganz ausgefüllt waren und vernünftig wurden, während bei den Großen der Trank nicht den ganzen Körper ausfüllte, so dass sie dümmer wurden.

Das trifft auf einen Menschen zu, der zwar körperlich groß ist, aber nichts im Kopf hat.



Als Zeus heiratete, lud er alle Tiere ein. Als aber allein die Schildkröte zu spät gekommen war, wusste er den Grund für ihre Verspätung nicht. Er fragte sie, warum sie als einzige nicht zum Festmahl gekommen sei. Sie antwortete: »Das eigene Haus ist das beste Haus.« Zeus ärgerte sich über sie und bewirkte, dass sie sich ihr eigenes Haus selbst aufladen und herumtragen musste.

So ziehen es auch viele Menschen vor, einfach zu wohnen, statt bei anderen aufwändig zu leben.



Der Fuchs und der Igel Für diesmal war ihm auch der Hase entgangen; sein Hunger war bald unbändig. Da lief er irr und wirr in einem frisch geackerten Felde herum und spürte im Ärger auf Mäuse. Da traf er auf einen Igel, der saß ruhig neben einem Mausnest und fing gerade an zu fressen. »Räuber!« schrie der Fuchs, »ist das eine Speise für so ein Erdschwein!« Er nahm es ihm kurzweg fort und verschlang die Mäuse.

»Ei, du verfluchter Schollentreter, daß du daran erwürgen solltest!« tobte der Igel. Der Fuchs lachte über den ohnmächtigen Zorn. Das war nun für ihn zwar sehr wenig Speise, aber doch etwas, und er wurde drauf sogar gemütlich.

»Aber sage mir«, sprach er zum Igel, »wozu hast du die vielen Nägel auf deinem Pelz?«

»Das ist meine einzige Waffe«, entgegnete der Igel, »gegen Hunde und andere Feinde, du kannst auch versuchen, wenn du willst!«

»Armes Tier«, sprach hohnlachend der Fuchs, »dich hat die Natur stiefmütterlich behandelt, du scheinst auch sonst mit Dummheit gesegnet zu sein. Ich, Gott sei Dank, brauche eigentlich keine Waffen, durch meine List kann ich immer und überall durchkommen!«

Indem hörte man: »Hallo, hallo!« Zwei Windhunde zeigten sich. Der Igel rollte sich schnell in eine Kugel; der Fuchs nahm Reißaus. Die Hunde schnupperten ein wenig an dem Igel; allein da sie sich daran blutig stachen, ließen sie ihn und eilten dem Fuchs nach; dieser zog seine ganze List zu Rat, lief hin und her im Zickzack um die Heuschober und machte allerlei Sprünge; allein es half ihm nichts, die Hunde erreichten ihn endlich doch; jeder packte ihn an einem Ohr, und so führten sie ihn zu ihrem Herrn, dem Jäger.


Als Zeus heiratete, brachten alle anderen Tiere Geschenke. Die Schlange aber kam kriechend mit einer Rose im Maul herauf. Als Zeus sie sah, sagte er: »Von allen Tieren bekam ich Geschenke, die sie mir mit ihren Pfoten überreichten; aus deinem Maul aber nehme ich nichts an.«

Die Geschichte zeigt, dass die Liebesgaben aller Bösen stets furchterregend sind.



Jemand hatte zwei Hunde. Den einen bildete er zu einem Jagdhund aus, den anderen machte er zu einem Wachhund. Jedes Mal wenn der Jagdhund zur Jagd ging und etwas fing, warf der Herr auch dem anderen Hund ein Stück Fleisch vor. Darüber ärgerte sich der Jagdhund und beschimpfte den anderen, weil er selbst immer auf Jagd gehen und große Anstrengungen ertragen müsse, der andere aber nichts tue und nur das zu genießen brauche, was er unter großen Mühen beschaffe. Da sagte jener zu ihm: »Aber schimpf doch nicht mit mir, sondern mit dem Herrn, der mir nicht beigebracht hat, selbst zu arbeiten, sondern nur von der Arbeit anderer zu leben.«

In diesem Sinne darf man auch faulen Kindern keine Vorwürfe machen, wenn ihre Eltern sie nicht anders erziehen.



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»Geh doch gerade und vorwärts!« rief einem jungen Krebs seine Mutter zu.
»Von Herzen gerne, liebe Mutter«, antwortete dieser, »nur möchte ich es dich ebenso machen sehen.« Jedoch vergeblich war der Mutter Anstrengung und sichtbar ihre Klügelei und Tadelsucht.

Gib keine Befehle, die man nicht vollbringen kann, und tadle an andern keine Fehler, die du selbst begehst.




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Zwei Krüge riss der Fluss dahin; einer war aus Ton, der andere aus Erz. Da sprach der irdene zum ehernen: »Schwimme weit entfernt von mir und nicht zu nah, denn wenn du an mir anprallst, zerbreche ich, auch wenn ich bei dir nicht anstoßen will.«

Riskant ist das Leben eines Armen, der nahe einem hohen Herren wohnt.



Zwei Maulesel gingen mit viel Gepäck beladen: Einer trug einen Korb mit Geld, der Andere trug einen Sack mit viel Gerste. Jener geht durch die Last reich mit erhobenem Hals, der Begleiter folgt mit sehr eiligen Schritten. Plötzlich eilen Räuber aus ihren Verstecken und verletzen den Maulesel mit dem Eisen, sie rauben die Geldstück, sie beachten die billige Gerste nicht. Der Beraubte weint also um sein Schicksal. »Ich jedenfalls,« sagt der Andere, »freue mich, dass ich verachtet worden bin; denn ich habe nichts verloren oder bin durch Wunden verletzt worden.



Auf einer kleinen Insel weidete ein Stier. Von seinem Mist ernährten sich zwei Mistkäfer. Als nun aber der Winter kam, sagte der eine zu seinem Freund, er wolle zum Festland übersetzen, damit für den anderen, wenn er allein auf der Insel sei, das Futter ausreiche. Er selbst gehe dorthin, um den Winter zu verbringen. Er sagte aber auch, falls er viel Futter finde, werde er es auch ihm mitbringen. Er kam zum Festland und fand dort eine Menge saftigen Mist. Er blieb dort und ernährte sich davon. Als der Winter vorbei war, flog er wieder zur Insel. Als der andere sah, wie feist und wohlgenährt er war, warf er ihm vor, dass er ihm trotz seines früheren Versprechens nichts mitgebracht habe. Da sagte er: »Mach mir keine Vorwürfe, sondern vielmehr der Beschaffenheit des Platzes. Denn man kann sich dort zwar ernähren, aber nichts wegbringen.«

Die Geschichte könnte auf diejenigen passen, die ihre Freundschaften nur so lange halten, bis sie satt sind, darüber hinaus aber ihren Freunden nicht mehr helfen.



Jeder Mensch trägt zwei Ranzen, einen vorne, den anderen hinten, beide voller Fehler. Der vordere enthält die Fehler anderer, der rückwärtige die eigenen des Trägers. Daher sehen die Menschen ihre eigenen Fehler nicht, die der anderen aber ganz genau.



Einer meiner Lehrer vertrat uns Schülern gegenüber im Deutsch-Unterricht eindringlich die Ansicht, die Menschen sollten erst einmal Märchen und Fabeln lesen, bevor sie sich überheblich mit "hoher Literatur" beschäftigten und sodann dem Dünkel einer geistigen Elite verfielen.

Wie recht er hatte!