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Schadenfreude

Und: Das Kulturloch des Mittelalters

Schiffbruch
Iwan Konstantinowitsch Aiwasowski: Schiffbruch



Schadenfreude gilt als Charakterfehler! Immer zu Recht? Da hilft auch die bemühteste Leichenbittermiene nicht: Wenn anderen ein Unglück widerfährt, kann ohne jede Ehrenrührigkeit Freude aufkommen, die es mit der erwähnten Miene - zu verbergen gilt. Denn es kommt zu wider­streitenden Gefühlen: Da ist der Schrecken, das Mitleid einerseits und andererseits die beglückende Freude darüber, von dem Unglück nicht betroffen zu sein, Glück gehabt zu haben. Und es liegt nahe, dass die Freude überwiegt, mit heiler Haut davongekommen zu sein. Und diese Freude muss ja nicht schenkelklopfend hinausgeprustet werden, ist uns aber doch anzumerken. Warum auch nicht? Die Schadenfreude kann also aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet und beurteilt werden. Von ihr kann ich mich, kann sich wohl niemand freisprechen! Gewiss kann diese Freude auch eindeutig auf der Genugtuung beruhen, dass einem missliebigen oder verhassten Menschen dieses oder jenes Leid doch "ganz recht geschehe". Aber bei der Mehrzahl der Schadensfälle anderer Menschen ist es die ganz natürliche, kreatürliche Freude am eigenen Wohlergehen. Seien wir doch ehrlich: Die Freude am Glück anderer, an dem wir keinerlei Anteil haben, hält sich doch sehr in Grenzen, lässt uns vielleicht neidisch fragen, "Warum nicht ich?". Hierbei ist unser Lustgewinn nämlich eher gering, während er beim Unglück anderer, an dem wir keinen Anteil haben, so groß, ja so berauschend sein kann, dass sich viele Menschen gar nicht losreißen können und als vielgeschmähte "Gaffer" dieses Glück auskosten wollen, sich dabei aber nicht am Elend der Opfer weiden wollen.

August 2010

Nachtrag 30.10.2017: Vor über 2000 Jahren hatte Lukrez (um 100-55), ein römischer Philosoph und Dichter ua auch diese Thematik des Glücksgefühls beim Anblick fremden Leidens zum Gegenstand seiner Dichtkunst gemacht:

Aus der Hexameter-Dichtung "Über die Natur der Dinge" Band 2 (in der Übersetzung von Hermann Diels/1957, neubearbeitet von Michael Holzinger). Den gleichen Textabschnitt in der wunderschönen Prosaübertragung von Klaus Binder/2014:

Dieses von Lukrez geschilderte Unglück wurde als "Schiffbruch-Metapher" berühmt und immer wieder Gegenstand philosophischer und ethischer Debatten. Im Übrigen ist dieses Werk "De Rerum Natura" von einer atemberaubenden Aktualität und unglaublichen Modernität. Man glaubt - was die Sachaussagen betrifft - an neuzeitlichen Erkenntnissen über Atomistik, das Universum, die Götterwelten aller Zeiten, das Wesen der Menschen, kurz, über die Natur der Dinge teilzuhaben. Dieses Kunstwerk ist eine deutliche Erklärung dafür, weshalb die Kirche alle Schriften der antiken Philosophen und Forscher auszumerzen bemüht war, die ihre irrigen und amaßenden Lehren ins Reich der Lächerlichkeit verwiesen hätten: Es entstand das so genannte "Kulturloch des Mittelalters" und eine Rückständigkeit unseres Kulturkreises von über 1000 Jahren! Noch heute haben wir unter der religiotischen Erblast in allen Lebensbereichen zu leiden. Etwa auch unter der GG-Widrigkeit der Kirchenstellung im Staat.


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