Rembrandt Bugatti

  1. "Rembrandt Bugattis exotische Tiere" von Simone Guski - hpd
  2. "Das Leben der eingesperrten Tiere" von Ingeborg Ruthe - fr
  3.  Anmerkungen - StL
  4.  zur Galerie (Abb. Ausstellung in der Nationalgalerie Berlin)
  5.  Kurzer Ausstellungsrundgang (youtube)
  6.  sitemap
hpd - 16. April 2014   nach oben ▲

• Rembrandt Bugattis exotische Tiere •

Rembrandt Bugatti - Zoo Antwerpen - um 1908 - Foto Rembrandt Bugatti Conservatoi

Rembrandt Bugatti - Zoo Antwerpen - um 1908
Foto Rembrandt Bugatti Conservatoire

Von Simone Guski

Ausstellung

BERLIN. (hpd) Sein Bruder, Ettore Bugatti, baute Autos, Rembrandt Bugatti modellierte Tiere. Rund 300 Skulpturen hatte Rembrandt Bugatti in kaum mehr als 15 Arbeitsjahren geschaffen. Mit 31 nahm er sich angesichts des Elends und der Grausamkeit des Ersten Weltkriegs 1916 das Leben. Die Alte Nationalgalerie in Berlin vereinigt knapp 100 Jahre nach seinem Tod über 80 Werke zur ersten musealen Einzelausstellung des Künstlers.

Im Berliner Zoo hörte ich einmal ein kleines Mädchen vor dem Giraffengehege seine Mutter fragen: »Mama, was gibt es eigentlich mehr auf der Welt – Autos oder Tiere?« Die Mutter antwortete nachdenklich, sichtlich bemüht, ihre Tochter zu beruhigen: »Wenn man alles zusammenzählt, die Vögel, alle Ameisen und auch die Regenwürmer, dann wahrscheinlich immer noch Tiere.« Doch ihre Stimme klang zögerlich. - Ja, deshalb ist Rembrandt Bugattis Schaffen wichtig. Weil er es ganz den heute schon selten Gewordenen widmete. Und für die Kunstgeschichte, weil er ein Moderner war, weitab von jedem Akademismus.

Schon morgens ab sechs stand Rembrandt Bugatti vor den Gehegen des Pariser Zoos Jardin des Plantes. Aufmerksam prägte er sich jede Bewegung der Tiere ein. Wochen brachte er vor immer demselben Gehege zu. Manchmal ließen ihn die Wärter auch in die Käfige hinein. Der kaum Zwanzigjährige hatte die Geduld eines Verhaltensforschers, aber er war ein Künstler. Ein sehr erfolgreicher dazu, dessen Werke bereits seit vier Jahren regelmäßig auf großen Kunstschauen in Europa ausgestellt wurden, obwohl er Autodidakt war.

Nach Paris war der Vater, ein Mailänder Möbeldesigner, mit seiner Frau und seinen drei Kindern 1903 übergesiedelt. Abseits der großen Kunstströmungen, ohne Manifeste und Skandale eröffnete der introvertierte Rembrandt Bugatti schon als sehr junger Mann dort ein eigenes, neues Kapitel der Kunstgeschichte: Er arbeitete als Freiluftbildhauer.


Rembrandt Bugatti - Zoo Antwerpen 1910 - Foto Rembrandt Bugatti Conservatoire

Rembrandt Bugatti - Zoo Antwerpen 1910
Foto Rembrandt Bugatti Conservatoire


Hatte er seine Modelle, eine Gruppe Kasuare, einen Esel, ein Schakalpärchen, lange genug beobachtet, schuf er seine Skulpturen an nur einem Tag. Die meisten seiner Skulpturen sind eher klein. Weil Bugatti sie vor Ort formte, mussten sie transportabel sein. Die schnelle Arbeitsweise brachte es mit sich, dass die Spuren der gestaltenden Hand auf der Oberfläche deutlich sichtbar blieben.

Ein Windspiel schmiegt sich an ein tapsiges, sitzendes Löwenjunges. Rembrandt Bugatti schuf diese Plastik 1905 im Zoo von Antwerpen, wo er zwischen 1906 und 1914 über Monate die meiste Zeit verbrachte, der Gratiszookarten für Künstler und seiner besonders vielen exotischen Tieren wegen. 1906 duckt sich der schlanke schlappohrige Renner in einer anderen Skulptur vertrauensvoll unter den Bauch zwischen die Hinterläufe des inzwischen erheblich gewachsenen Löwen, der mit gebremster Energie den Kopf gutmütig senkt und nur nervös den Schwanz wie eine Standarte aufrichtet. Damals war es üblich, heranwachsenden Raubtieren oder Menschenaffen Hunde als Gesellschafter mit ins Gehege zu geben. Rembrandt Bugatti verewigte zwei konkrete Tierindividuen, in ganz bestimmten Phasen ihrer Entwicklung. Seine Werke sind ebenso Momentaufnahme wie Portrait.

Genau dies war das Neue an seiner Vorgehensweise. Tiere galten damals als eher niederer Darstellungsgegenstand. Wer sich ihnen widmete, stellte das Artspezifische dar, gern wurden auch Parallelen zwischen tierischem und menschlichem Verhalten gezogen. Oder es interessierte die reine Form. Das einzelne Tier ganz genau zu betrachten, es des Portraits für würdig zu halten, das hatte vorher noch keiner gemacht.

Bugatti zeigt nicht irgendeine Gruppe von Kudu-Antilopen, sondern eine ganz bestimmte Tierfamilie: Bulle, Muttertier und Kitz, die Mutter abgehärmt mit müde gesenktem Kopf und einem verbundenen Hinterlauf, den sie kaum auf den Boden aufzusetzen vermag; doch tröstlich auch: das Kitz berührt zärtlich mit der Schnauze den Kopf des Muttertiers.

Geht man heute um seine Skulpturen herum, entdeckt man, welch vielfältige Motorik in der Haltung eines Tieres in einem Moment stecken. Jede Perspektive lässt einen anderen Aspekt in den Vordergrund treten. Oft erfasst Bugatti eine Bewegung gerade in dem Augenblick, da sie in eine andere übergeht. So ein Känguru im Sprung. Oder eine Giraffe, die die schlanken Beine schier unwahrscheinlich weit abspreizt, um mit dem Maul auf den Boden zu gelangen.


Rembrandt Bugatti Springendes Känguru - 1907 - Privatsammlung - Foto Peter John Gates

Rembrandt Bugatti: Springendes Känguru - 1907
Privatsammlung - Foto Peter John Gates


Rembrandt Bugattis Neugier ist noch die Neugier der ausgehenden Belle Époque, in der aus Menagerien Zoos wurden. Die Zoos von Paris, Berlin und Antwerpen hatten sich die Verbreitung des Wissens um die Natur, aber auch die Förderung der Kunst ins Programm geschrieben. Es war die Zeit der Welterkundung, ein Stück der fernen Kontinente holte man sich in die Metropolen, die exotische Tiere nun erstmals allen Bevölkerungsschichten erfahrbar machten. Allen voran der Zoo von Antwerpen, der unweit des Hafens lag, über den immer neue Tiere eintrafen – weil sie selten lange überlebten. Bugatti reizte an den Exoten, dass für sie noch keine traditionellen Darstellungsschemata existierten. Ein Pelikan mit einem angezogenen und einem ausgestreckten Flügel zeigt eine ganz neue Asymmetrie. Ein Ameisenbär, der den Kopf an die Brust senkt, bekommt dahingegen eine Silhouette wie ein rollendes Rad. Das neue, alles verändernde Zeitalter steckte eben auch in seiner eigenen Formensprache.

 

Alte Nationalgalerie: »Rembrandt Bugatti. Der Bildhauer 1884 – 1914«, Museumsinsel, Bodestraße 1 – 3 , 10178 Berlin, bis 27. Juli, Katalog erschienen im Hirmer Verlag München im Museum 29 im Buchhandel 45 Euro.

fr Kultur – 28.03.2014   nach oben ▲

 Rembrandt Bugatti

• Das Leben der eingesperrten Tiere •

Nilpferd

Kein Krokodil: "Gähnendes Nilpferd", 1905

Foto: Peter John Gates


Gegen die europäische Amnesie:

Die Werke des Bildhauers Rembrandt Bugatti in der Alten Nationalgalerie Berlin.

Von Ingeborg Ruthe

Europa nach 1900: In Paris zerlegen Picasso und Braque die Figur in Einzelteile. Es ist die Geburtsstunde des Kubismus. Zuvor haben Matisse und andere »Wilde« sich in ihrer Malerei vom impressionistischen Licht- und Schattenspiel gelöst, neues »Gleichgewicht« mit Farbe gesucht. Der „Fauvismus» kam in die Kunst. Zu dieser Zeit sitzt der jüngste Spross des Bugatti-Clans im Zoo von Paris, bald darauf in Antwerpen, weil da die Gehege größer sind, die Tierwelt reicher ist. Er hat die einschlägige Literatur verschlungen, alles, was über das Verhalten der Tiere publiziert worden ist, von der Pawlowschen Reflexforschung bis zur Anatomie. Und er hat sich Saint-Saëns Musik „Karneval der Tiere» angehört.

Was soll es bedeuten, wenn einer seinen neugeborenen Sohn ausgerechnet Rembrandt nennt? Für den exaltierten Mailänder Möbeldesigner Carlo Bugatti, der mit den Künstlern der Belle Époque befreundet ist, muss der Name seines Jüngsten als Programm begriffen werden. Ettore, der ältere Sohn, wird bald ein berühmter Autokonstrukteur sein. Der kleine Rembrandt aber zeichnet, formt, dies mit einer spielerischen Leichtigkeit, virtuosen Ausdruckskraft und Ernsthaftigkeit, die keine Akademie der Welt vermitteln könnte.

Der Jüngling ist 16, als seine erste Plastik Furore macht; er ist 18, als zwei seiner Werke auf der Kunstbiennale Venedig zu sehen sind. Dann zieht die Familie um nach Paris – der dandyhafte Vater hat zu viele Schulden gemacht und glaubt, an der Seine mehr Glück zu haben. Jetzt setzt sich Rembrandts Erfolgsweg rasant fort – mit bronzenen brüllenden Kühen, schleichenden Katzen, dem Dackel namens »Wurst«. Der renommierte Galerist und Bronzegießer Hébrard (er gießt für Rodin) hat den Wunderknaben unter Vertrag. Bis 1913 gibt es alljährlich eine jedes Mal aufsehenerregende Schau: Tiere, immer wieder Tiere. Menschenfiguren scheinen Rembrandt Bugatti (1884-1916) kaum interessiert zu haben. Und seine bronzenen Animals touren alsbald auch bis Rom und New York; Sammler reißen sich darum.

Und das bis heute: Bei Sotheby’s erzielte 2006 der imposante »Mantelpavian« von 1909 sensationelle 2,6 Millionen Dollar. Dieser eigenwillige Bildhauer hat also bis ins 21. Jahrhundert eine kleine, aber fanatische Sammlergemeinde, vor allem in Übersee, derweil er beim großen Rest der Kunstwelt fast vergessen schien.

Von dieser Amnesie wird sie nun von der Alten Nationalgalerie Berlin geheilt. Hier ist, auf allen Stockwerken, Bugattis eigentümliche Welt der eingesperrten Tiere ausgebreitet; hier halten Gemälde des 19. Jahrhunderts und die Plastiken des Einzelgängers eine zauberhafte Zwiesprache. Völlig unbemüht, ganz selbstverständlich, so, wie es sich Berlins Museumsleute doch bislang so vehement für Bodemuseum und Gemäldegalerie erhofft hatten. Da trötet der »Kleine dressierte Elefant« von 1903 – der auf den sechs legendären »Bugatti-Royal«-Modellen zur Kühlerfigur werden sollte, aus seiner Vitrine galant hinüber zu Schadows »Prinzessinengruppe«. Da dreht eine Kuh stoisch ihren Kopf zu Courbets Bauernmotiven, reißt ein »Gähnendes Nilpferd« das Maul gelangweilt auf vor Liebermanns »Gänserupferinnen«, schleicht der schwarze »Panther« ungerührt vorbei an Böcklins »Toteninsel«. Ganz oben, vor den Bildern der deutschen Romantiker, steht die »Französische Bulldogge«, das einzige Bugatti-Werk, das die Nationalgalerie besitzt. Hugo von Tschudi, einst Direktor des Hauses, hatte sie 1906 erworben.

Ohne Tiere ist alles sinnlos

Nun also wird der geniale Unbekannte auf der Berliner Museumsinsel, fast hundert Jahre nach seinem effektvollen Freitod in Paris 1916, wiederentdeckt. Er hatte den Gashahn aufgedreht, weil er am Ersten Weltkrieg verzweifelte, wie viele Künstler damals. Der Kunstmarkt brach ein; er meldete sich 1914 im Antwerpener Zoo als Rot-Kreuz-Helfer, musste erleben, wie Tiere getötet wurden, weil es kein Futter mehr gab. Ohne sie aber hat das Leben für ihn keinen Sinn mehr. Ultimativen Ausdruck findet das in der letzten Plastik: ein Tiger, der eine Schlange zertritt.

»Seit ich die Menschen kenne, liebe ich die Tiere.« Diese sarkastische Redewendung könnte über dem kurzen, aber intensiven Künstlerleben des Rembrandt Bugatti stehen. Sein Werkverzeichnis zählt 300 Tierplastiken; 83 davon, Leihgaben, die Ausstellungsmacher Philipp Demand aus aller Herren Länder besorgte, ziehen sich als kunstgewordenes Brehmsches Tierleben durchs Haus: Elefanten, Ameisenbären, Tiger, Schlangen, brüllende Löwen, Tapire, trinkende Kamele, springende Kängurus, sich mit dem Geweih kratzende Hirsche, gravitätische Marabus, unbändige Hengste, dreist-kluge Affen und zottelige, brünftige Bisons.

Und nichts davon ist bloß possierliches Abbild. Was immer der junge Bugatti formte, es hat ein charaktervolles Eigenleben, ist Metapher für menschliche Werte und Gefühle. Seine bronzenen Tiere sind keine pathetischen Staffagen oder Trouvaillen, wie noch in der akademischen Kunst des 19. Jahrhunderts, sondern Geschöpfe, die leiden und Glück empfinden, die sich paaren, fressen, spielen, schlafen, kämpfen. Rembrandt Bugattis Formensprache oszilliert zwischen Naturalismus und Expressionismus, Kubismus und Futurismus. Und hat sich doch die Opulenz der Belle Époque bewahrt.

Alte Nationalgalerie, Museumsinsel Berlin: bis 27. Juli.

Anmerkungen   nach oben ▲

 Rembrandt Bugatti

● Zoo: 100 Jahre später ●

von Stefan Laarmann

Elefant und Kamel

Elefant und Kamel

Die zoologischen Gärten waren schon immer und sind heute noch lehrsame Ausstellungen einheimischer, besonders aber exotischer Tiere. Und sie sind Gefangenenlager. Heute tritt jedoch der volksbildende Wert der Zoos dank hervorragender in freier Wildbahn und mit hohem verhaltensforscherischen Anspruch komponierter Filme immer mehr in den Hintergrund, steht nahezu auf verlorenem Posten. Zudem kann sich kaum ein Zeitgenosse noch der Erkenntnis verweigern, dass Zoos zwar ihren Unterhaltungswert haben, aber trotz aller gestalterischen Bemühungen um den Anschein von "Wildnis" doch von einer artgerechten Haltung der Tiere unerreichbar weit entfernt sind. Soll der Zoo seine Daseinsberechtigung nur noch mit der Vermittlung seiner eigenen Obsoleszenz und dem Gaudium der Schaulustigen begründen?

Die Exoten fristen ihr Dasein in Gefangenschaft, entwickeln gelegentlich schwerste Neurosen und atypische Verhaltensweisen, die dem empathischen Beobachter Tränen in die Augen treiben. Denn diese Wesen können zwar keine anrührenden Gedichte, Sinfonien oder kritischen Stellungnahmen schreiben, können auch die Erde nicht in ein Räubernest und Schlachthaus verwandeln, aber sie leiden existentiell darunter, dass ihnen das fehlt, wozu sie geboren sind, nämlich "born to be wild". Die wirklich freie und möglichst auch menschenfreie Wildbahn wäre ihr artgerechter Lebenraum. Das spüren sie, das verstört sie und das haben sie Rembrandt Bugatti mitgeteilt, der es in vielen seiner Schöpfungen genial zum Ausdruck gebracht hat. Grundsätzlich ändert auch die "Gnade" einer Nachzüchtung in Gefangenschaft nichts daran, nichts an der genetischen Bestimmung dieser Tiere. So drollig auch das eine oder andere Arrangement wirken mag, eine große Zahl der Kreationen atmet die erschütternde Trauer dieser lebenden Exponate.

Immerhin verzichtet man heute auf die im Mittelalter übliche Zurschaustellung exotischer, extrem fettleibiger oder erschreckend missgebildeter Menschen. Auch den Tieren sollten wir dies ersparen.

Grzimek: Ich habe die Vision, dass Menschen eines Tages keine Zoos mehr brauchen, sondern dass sie bereit sind, Reisen auf sich zu nehmen, um Tiere in Freiheit, in ihrer natürlichen Umwelt und nicht hinter Gittern oder Panzerglas zu sehen.