Paradigmen

und ihr Wechsel

• menschliche Lebensumstände und kulturelle Evolution unter dem Aspekt des Paradigmenwechsels • ©Paradigmen2002 •

Mikro-Makro-Kosmos

  


So ist der Mensch:

Das, was er mit seinen natürlichen Kräften vermag, erlernt und verbessert er bis an die Grenze der Perfektion. Fertigkeiten jedoch, die ihm nicht von Natur aus eigen sind, die er aber beherrschen möchte, werden Gegenstand intensiver Sehnsucht. Einer Sehnsucht, die er sich mit technischen, wissenschaftlichen und künstlerischen Mitteln zu erfüllen sucht.
 
So sehnt sich der Mensch danach, fliegen zu können oder beliebig lang und weit unter Wasser tauchen zu können. Sehnsüchte, die er sich mühsam - aber sehr erfolgreich - erfüllen kann.
Und von jeher ist es eine buchstäbliche "Sehn"-sucht des Menschen, weit entfernte Dinge greifbar nah und Winziges ganz groß und deutlich zu sehen. Auch diese Sehnsucht bringt epochale Erfolge hervor, die uns eine völlig neue Weltsicht und ungeahnte Fortschritte verschaffen.




Und so sollte er bleiben:

Seine Sehnsüchte werden zu Visionen und Visionen werden zu Nahrung für Seele und Geist, zu Nahrung, die ihm kreative Kraft, Zuversicht und Mut zum Aufbruch schenkt ...

Sicherlich haben schon vor ihm andere Menschen diesen Effekt gesehen ohne ihn wahrzunehmen: aber die erste schriftliche Überlieferung, die von einer Bildvergrößerung durch eine mit Wasser gefüllte kugelige Glasvase berichtet, stammt vom römischen Schriftsteller Seneca (4 vuZ-65).

Es vergehen über 1000 Jahre, bis in Italien die ersten konvexen, "linsen"-förmigen Brillengläser zur Korrektur der Weitsichtigkeit geschliffen werden. 1451 stellt der Universalgelehrte Nikolaus von Kues konkave, also nach innen gewölbte Gläser gegen die Kurzsichtigkeit her.

1590 kommt es dann zum ersten Vorstoß in die "Mikro-Welt" :  

Der holländische Brillenmacher Z. Janssen und sein Sohn konstruieren in diesem Jahr das erste Mikroskop aus zwei in einem Tubus angebrachten konvexen Linsen. Und nur 18 Jahre später baut der im westfälischen Wesel geborene und nach Holland ausgewanderte Brillenmacher Hans Lippershey (1570-1619) das erste Teleskop, welches ein Jahr später (1609) von G. Galilei nachgebaut wird. Dieser entdeckt die Phasen der Venus, die vier größten Jupiter-Monde, die Saturnringe und die Sonnenflecken. Die Entwicklung des eigentlichen astronomischen Fernrohrs geht auf Johannes Kepler (1571-1630) zurück. Er verwendet im Unterschied zum Teleskop (Lippershey, Galilei: Objektiv = bikonvexe L. / Okular = bikonkave L.) als Okular ebenfalls eine bikonvexe Linse. Alle heutigen Linsenteleskope beruhen auf dem Kepler'schen Fernrohrprinzip.

Eine völlig neue, ungeahnte Welt erschließt sich den Naturforschern in den kommenden Jahrzehnten. So findet A. van Leeuwenhoek (1632-1723) im Wassertropfen aus einem Tümpel winzige Lebewesen, die man heute Mikroorganismen nennt. 

1677 entdeckt er unter dem Mikroskop menschliche "Samen"zellen, Spermien, die sich wie Kaulquappen schwänzelnd fortbewegen.

Schier unerschöpflich tut sich dem Menschen der Mikrokosmos auf. So entdeckt 1658 J. Swammerdam die roten Blutkörperchen (Erythrozyten), jedoch ohne deren Funktion zu ahnen. Schließlich gelingt auch die  Beobachtung des Transports dieser roten, konkaven Scheibchen durch die haarfeinen Kapillaren.

Atem beraubende weitere Entdeckungen folgen in für damalige Zeiten typisch großen Zeitabständen. Bakterien werden zunächst lediglich als Kleinstlebewesen identifiziert. 1849 entdeckt Pollender den  Zusammenhang zwischen dem entdeckten Bazillus und der durch ihn verursachten Krankheit, dem Milzbrand. Das Zeitalter der Infektiologie beginnt. 1869 entdeckt Hansen den Erreger der Lepra, 1879 Neisser die Gonokokken, 1880/81 werden die Erreger der Malaria, des Typhus, der Pneumonie entdeckt. Von 1882 bis 1905 werden die Erreger der Tuberkulose, Diphterie, Cholera, Pest und Syphilis identifiziert.

Und mit der Entdeckung der Erreger setzt die gezielte Suche nach Heilmitteln gegen bis dahin meist tödlich verlaufenden Infektionskrankheiten ein: Impfstoffe und Antibiotika helfen, Geißeln der Menschheit zu besiegen. So ist es heute kaum noch vorstellbar, dass ansonsten gesunde Menschen an einer Lungenentzündung sterben: Ein Segen. Aber oft werden heute Antibiotika bei geringfügigen entzündlichen Unpässlichkeiten oder gar routinemäßig zur Vorbeugung verordnet: Ein Fluch, denn Allergien und Resistenzen werden gefördert. MRSA ist ein solcher extrem resistenter Keim, der geschwächten Individuen kaum eine Überlebenschance lässt. Antibiotika-Abusus in Humanmedizin und Massentierhaltung bereiten diesem und anderen resistenten Keimen mehr und mehr den Weg, wie ESBL-Keimen oder VRE. Pilzinfektionen sind auf dem Vormarsch. Sie sind nahezu therapieresistent ...

Die Weiterentwicklung der Mikroskope über die Ölimmersion (1840), die Fluoreszenz-Mikroskopie (1908), das Elektronenmikroskop (1931) mit 50mal stärkerer Vergrößerung als das leistungsfähigste Lichtmikroskop und die Phasenkontrast-Mikroskopie (1938) sowie der Teleskope über die Spiegel- bis zu den Röntgenteleskopen wird vorangetrieben und beschert uns eine Vielzahl neuer Erkenntnisse und Ansichten - beschert uns ein neues Weltbild.

1999 wurde die auf 200 nm Auflösungsvermögen begrenzte Lichtmikroskopie um den Faktor 10 verbessert: Die STED-Mikroskopie (S. Hell, T. Klar) ist eine Weiterentwicklung der Fluoreszenz-M. und erlaubt Strukturen im Größenbereich von 20-50 nm zu erkennen. Ohne Mikrotom-Schnitte können lebende Zellen "durchsucht" werden. (1 nm = 10-9 m)